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Spezialtransporte: Das Werksteam von Valentino Rossi

Ehe die Motorräder der MotoGP-Rennserie auf die Piste gehen, sind die Fahrer der Spezialzüge gefordert. Ein Job für Männer ohne Nerven.

Paolo rudert mit beiden Armen, seine Zeigefinger tanzen von rechts nach links, ein Feuerwerk von ­Rangieranweisungen schießt in Richtung seiner beiden Kollegen am Steuer der königsblauen Iveco-Sattelzüge. Fast theatralisch geht der Italiener in die Knie, um den letzten Beweis anzutreten, dass Italiener ohne exaltierte Körpersprache einfach nicht können. Der 51-jährige Lkw-Cheffahrer vom ­Yamaha-MotoGP-Werksrennteam bugsiert an diesem Dienstag vor dem deutschen Saison-Höhepunkt der inoffiziellen Motorrad-WM die drei Renntransporter mit routinierten Kommandos in die engen Stellflächen hinter den Teamboxen des Sachsenrings.

Zweites Arbeitsleben in der Boxengasse

Sobald Paolo Giannotta und seine "Truckie-Kollegen" Leonardo Gena, 51, und Marco Meregalli, 33, den Zündschlüssel ihrer 500 PS starken Iveco Stralis abziehen, beginnt ihr zweites Arbeitsleben in den Eingeweiden der Boxengasse auf dem Sachsenring. Die drei Truckies, die gerade erst die 700 Autobahnkilometer vom Yamaha-Motorenentwicklungszentrum Amsterdam nach Zwickau unter die Reifen genommen haben, mutieren in der Herzkammer des offiziellen Werksteams zu Spezialisten für alle Fälle: Leonardo ist seit 14 Jahren beim blau-­weißen Rennteam der Japaner als Logistikexperte dabei. "Ich war schon als Kind ein riesiger Agostini-Fan." Der stoppelbärtige Italiener hat in den letzten Jahren nur ein einziges Rennen auslassen müssen. Ansonsten sorgt er sich darum, dass die gesamte Ausrüs­tung des Teams rechtzeitig und vollständig am ­richtigen Platz ist: jeweils zwei Einsatz-­Rennmaschinen von Publikumsliebling und Rekordweltmeister Valentino Rossi und seinem spanischen Teamkollegen Jorge Lorenzo, tonnenweise Ersatzteile, Boxenausrüstung, Ersatzmotoren und Verpflegung für die Mannschaft – ein Höllenjob. Die perfekte Planung sei nun mal alles, sagt der immer in sich ruhende Leonardo beim Durchchecken der standardisierten Transportboxen, mit denen der GP-Zirkus zu insgesamt 18 Rennen zieht, zu sieben davon per Flugzeug. Doch die meisten Rennstrecken werden klassisch mit den insgesamt acht Iveco-Lkw angesteuert, drei direkt für das Rennteam, die anderen für Hospitality und Fanbetreuung. Die längste Tour des Teams führt vom Teamstandort bei Mailand knapp 2.200 Kilometer ins spanische Jerez de la Frontera.

Durch Zufall zum Motorrad-Grand-Prix

Nur rund zehn Prozent der Arbeit der drei besteht aus Lkw-Fahren. Aber genau mit seinen Fahrkünsten hat Paolo das Ticket in den erlauchten Kreis der MotoGP-Truckies ergattert. "Teamchef Meregalli sah mich zufällig, wie ich meinen Lkw rangierte, und bat mich, seine Fahrzeuge zu parken", erinnert sich der Familienvater, der vorher im Fernverkehr ­gearbeitet hat. Paolo hatte den Job – ein Glücksfall. Kollege Marco brauchte länger. Obwohl er der jüngere Bruder von Teamchef Meregalli ist, musste sich der junge Italiener vom Job als Küchenhilfe langsam hochdienen. Heute betreut er zusammen mit einer Handvoll japanischer PS-Gurus in seinem Spezialauflieger die hochgezüchteten Rennmotoren. Explosive 250 PS leisten die 1.000-Kubik-Vierzylinder unter der Carbonhülle der gerade mal 160 Kilo schweren Rennboliden. Maximal fünf Triebwerke dürfen Rossi und Lorenzo pro Saison einsetzen. Da ist sorgsamer Service angesagt, wozu Marco für den Rest des Rennwochenendes weitest­gehend im Top-Secret-Bereich des Motorentrailers verschwindet.

Paolo steht wie ein Fels in der Fan-Brandung vor dem Rossi-Zelt und bleibt auch in der Grand-Prix-Hektik immer gut gelaunt. Er kümmert sich neben dem für alle heiligen italienischen Espresso um die 20 Einheitsreifen von Bridgestone, die jeder Fahrer pro Rennwochenende verheizen kann. Die Pneus werden genauso wie in der Formel 1 mit Heizdecken auf die richtige Temperatur gebracht, um auf der alles entscheidenden Qualifikationsrunde wie Klebstoff auf der ­Piste zu haften. Lorenzo, von einem Schlüsselbeinbruch im letzten Rennen in Assen bereits gezeichnet, hat auf dem Sachsenring noch mehr Pech. Der spanische Weltmeister von 2012 stürzt und fällt genau auf seinen frischen Bruch. Weinend vor Schmerzen wird der unglückliche Pilot per Helikopter ins Krankenhaus geflogen. An einen Start ist nicht mehr zu denken.

Umgang mit PS-Göttern ist normal

Für Paolo, Lorenzo und Marco bedeutet das Drama letztlich eine Arbeitserleichterung. Jetzt dreht sich alles um "The Doctor", wie sich Rossi selbst betitelt. Mit 66 Siegen und sechs Titeln steht er auf Platz eins in der MotoGP-Rekordliste. Auch wenn die letzten drei Jahre nur noch ein Rennsieg heraussprang, der extrovertierte Rennsportstar mit dem charakteristischen Lockenkopf  wird von den Fans abgöttisch verehrt.

Für Paolo ist der Umgang mit den PS-Göttern mittlerweile Normalität geworden, der Respekt vor den Rennboliden bleibt. Selbst einmal eine Runde auf dem Rossi-Renner drehen? "Nein, nein", lacht Paolo, der es in seiner knappen Freizeit zu Hause auf dem Sattel einer deutschen Groß-Enduro eher gemächlich angehen lässt. Für den Job muss man schon etwas verrückt sein, aber so verrückt sicher auch nicht." 

(K)ein Job wie jeder andere

Er und seine Kollegen machen trotz aller Emotionen einfach ihren Job. Während die schnellsten Motorradfahrer der Welt sich bei Geschwindigkeiten jenseits der 300 km/h noch um die Führung rangeln, packen die drei bereits im Fahrerlager zusammen. Das nächste Rennen steht schon kommendes Wochenende an – Laguna Seca, Kalifornien. Die Lkw bleiben auf dem Überseetrip zu Hause, die Arbeit nicht.

Drei Fragen an:

Lin Jarvis leitet als Managing Director Yamaha Motor Racing die Geschicke des Werksteams.

Der MotoGP zieht wie ein Zirkus von Rennstrecke zu Rennstrecke. Wie behält man da den Überblick?

Das ist nur mit perfekter Organisation zu machen. Wenn Sie uns fragen, was wir tun? Am Ende des Wochenendes fahren wir natürlich das Rennen. Davor aber ist alles Logistik. Reisen und Hotels organisieren, die Mitarbeiter und das Material rechtzeitig an den richtigen Platz bringen, die Rennmotorräder auf den Punkt präparieren bis hin zum Catering für Team und Gäste – Logistik pur.

Welche Rolle spielen dabei Ihre Lkw?

Eine ganz wesentliche. Bei den meisten Rennen kommt und geht alles mit unseren acht Trucks zur Rennstrecke. Da ist Performance und ein guter Außenauftritt angesagt. Ich denke, da sind wir mit den Iveco-Trucks sehr gut dabei. Wir fahren zwar nicht viele Kilometer pro Jahr, aber absolute Zuverlässigkeit ist für uns in diesem Sport ein Muss.

Auch bei den Fahrern?

Natürlich, unsere Fahrer sind Experten. Sie wissen, dass sie eine millionenteure Fracht befördern und dass sie unbedingt und pünktlich ankommen müssen. Dann erledigen sie während des Rennwochenendes hier absolut zuverlässig wichtige Jobs im Team. Logistik ist wirklich nichts für Anfänger.

Autor

Foto

Oliver Willms

Datum

3. April 2014
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