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Spedition Ansorge: Pionier in Sachen Lang-Lkw

Ansorge Logistik hat die ersten zwei Lang-Lkw auf die Reise geschickt. Von den 25-Meter-Fahrzeugen nimmt auf der Straße keiner Notiz. Die Fahrten führen von Biessenhofen zum Terminal München-Riem, wo die Behälter auf die Bahn aufgesetzt werden. Damit straft die Spedition diejenigen Lügen, die behaupten, der Lang-Lkw schade der Schiene.

Die Reporterin vom Bayerischen Rundfunk scheint keine Furcht zu kennen. „Wo ist das Monster“, fragt sie wagemutig. „Sie stehen direkt davor“, entgegnet einer der Herren, die sich davor versammelt haben. Da macht sich bei der Dame im schwarzen Wollmantel Enttäuschung breit. Ein Feuer speiendes Ungeheuer, das sie vielleicht erwartet hätte, sieht anders aus. Stattdessen findet sie auf dem Terminal des Betreibers Duss in München-Riem einen friedfertigen Lkw vor.
   
Das Fahrzeug ist von seinen Artgenossen kaum zu unterscheiden – jedenfalls nicht für Außenstehende. Das gilt erst recht auf der Autobahn, wie die Eindrücke der voraus gegangenen Fahrt zum Terminal zeigen. Niemand stört sich an dem Lang-Lkw beziehungsweise kann ihn als solchen überhaupt ausmachen. Lediglich ein Rentnerpaar kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus. Unentwegt starrt es aus seinem Kleinwagen. Ein routinierter Dentist hätte ihre Münder wohl nicht weiter auf bekommen.

Das liegt aber nicht an dem 25-Meter-Fahrzeug hinter ihnen, das sie gerade überholt haben. Ihr Interesse gilt vielmehr einem silbernen Kombi. Aus dem Schiebedach und der hinteren Seitenscheibe schrauben sich mächtige Teleobjektive, zugleich blitzt es im Sekundentakt. So ein Schauspiel bietet sich dem Paar auf der A 96 wohl nicht so oft. Von dieser Randbeobachtung abgesehen, erregen der Lang-Lkw von Ansorge Logistik und seine Begleitfahrzeuge, in denen es sich Interessenten und Fotografen bequem gemacht haben, auf der Jungfernfahrt von Biessenhofen im Allgäu nach München keine Aufmerksamkeit.

Unauffälligkeit sorgt für Akzeptanz

Das ist ganz im Sinne des Logistikdienstleisters. „Je unauffälliger, desto besser und desto größer die Akzeptanz“, sagt Ansorge-Prokurist Volker Zocher. Das Langfahrzeug soll niemanden stören, sondern harmonisch im Verkehrsfluss mitschwimmen. Die Kontrolleure sollen ebenfalls keinen Anstoß an der langen Kombination aus Motorwagen, Dolly und Auflieger nehmen. „Wir gehen aktiv auf die Polizeidirektionen sowie das Landrats- und Straßenbauamt zu und machen sie mit den Lang-Lkw vertraut“, sagt Stefan Hauke, der Assistent der Geschäftsleitung bei Ansorge.

Pünktlich zum Start setzt dichter Schneefall ein, sämtliche Straßen rund um das Firmengelände sind weiß. Das Thermometer zeigt zwölf Grad minus an. Diese unwirtlichen Bedingungen können Wolfgang Thoma aber nicht von seinem Plänen abhalten. „Wir wollen keine Schönwetterveranstaltung“, sagt der Geschäftsführende Gesellschafter von Ansorge Logistik. Ihm sei vielmehr daran gelegen, die Teilnahme am bundesweiten Feldversuch so alltagstauglich wie möglich zu gestalten. „Wir schicken jeden Tag auch unter widrigen Umständen 200 Fahrer auf unsere Straßen“, erklärt Thoma. „Es wäre nicht angebracht, dieses absolut alltagstaugliche Objekt dem Straßenverkehr vorzuenthalten.“

Chef setzt sich selbst hinters Steuer

Daher habe er auch nicht daran gedacht, kurzfristig die Reißleine zu ziehen. Im Gegenteil: Eis und Schnee halten ihn nicht davon ab, sich selbst ans Steuer zu setzen. Noch einmal winkt er aus dem Führerhaus dem Fotografen zu, dann setzt er um 8.37 Uhr die Lkw-Kombination in markanten Firmenrot und weißer Aufschrift in Bewegung. Für die rund 120 Kilometer lange Strecke nach München-Riem hat Thoma rund zwei Stunden eingeplant. Aufgrund von Staus, verursacht durch zwei Pkw-Unfälle, werden es genau drei. Dennoch genießt der Fahrer den ungewöhnlichen Trip, der über die B12, die A96, die A99 und die A94 führt.

„Ich bin begeistert, wie ruhig, stoßfrei und schön das Fahrzeug sowie die Dolly-Achse laufen“, gibt der Firmenchef bei der Ankunft in der bayerischen Hauptstadt zu Protokoll. „Gegenüber den Lkw, die wir sonst bedienen, habe ich keinerlei Nachteile erkannt“, sagt der gelernte Anwalt, der seit 26 Jahren bei der Spedition ist. Auch der Kreisverkehr unmittelbar nach der Firmenausfahrt habe keinerlei Probleme bereitet.

Intensive Vorbereitung auf den Versuch

Alles andere hätte auch überrascht: Experten einer Sachverständigenorganisation hatten zuvor eingehend geprüft, ob das Fahrzeug den BO-Kraft-Kreis bewältigt. Die sechs für die beiden Lang-Lkw – ein Scania der R-Reihe und ein Mercedes-Benz Axor – auserwählten Fahrer wurden einen ganzen Tag lang geschult. Und Mechaniker Georg Epp von der Alnufa-Werkstatt in Marktoberdorf hatte die nach der Ausnahmeverordnung nötigen Nachrüstungen am Fahrzeug vorgenommen – so etwa das Kamerasystem montiert, die Seitenmarkierungen und eine stärkere Zugtraverse angebracht.
   
Das Fahrzeug ist noch nicht mal eine Stunde unterwegs, da ist es bereits Gegenstand der Top-Nachrichten bei Antenne Bayern: „Erstmals ist im Allgäu ein Gigaliner unterwegs“, sagt eine Frauenstimme aus dem Radio – was die Insassen des Lang-Lkw-Konvois erfreut. Das Fahrzeug stößt bei Medienvertretern auf riesiges Interesse: Es ist der erste Lang-Lkw, der in Bayern unterwegs ist – und auch bundesweit einer der ersten. Erst drei Unternehmen haben sich nach Angaben der Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt) Anfang Februar zum bundesweiten Feldversuch registriert und erfüllen die erforderlichen Auflagen.

Einsatz im Kombinierten Verkehr

Dass Ansorge ausgerechnet die Strecke zum Duss-Terminal nach München ausgewählt hat, kommt nicht von ungefähr: Das Unternehmen ist ein Verfechter des Kombinierten Verkehrs (KV) und wickelt das Gros der Hauptläufe auf der Schiene ab. Die knapp 200 eigenen Lkw sind daher überwiegend nur im Vor- und Nachlauf unterwegs. Gleiches gilt für den Lang-Lkw. „Wir sind überzeugt, dass wir mit ihm einen Beitrag leisten können, um die strukturellen Probleme im Güterkraftverkehr abzumildern“, sagt Firmenchef Thoma. Als da wären: der Fahrermangel oder die Klimadebatte.
   
Ansorge straft damit auch diejenigen Lügen, die unbeirrt behaupten, Lang-Lkw schadeten der Schiene. „Wir wollen mit dem Irrglauben aufräumen, dass diese Fahrzeuge kombi-untauglich sind“, sagt Thoma. Die firmeneigenen 25-Meter-Züge jedenfalls bescheren der Schiene zusätzliches Volumen. Ohnehin schreibt die Ausnahmeverordnung vor, dass Lang-Lkw nur bahnfähiges Equipment einsetzen dürfen. Im Fall von Ansorge handelt es sich dabei jeweils um eine kranbare Wechselbrücke und einen kranbaren Auflieger.

Verladezeit bleibt gleich

Brücke 3.220 und Auflieger 901 – beide aus dem Hause Kögel – sind die ersten. Sie sind Teil des ersten Lang-Lkw, der zum Terminal vorfährt. Gierig nähert sich der Spreader am Portalkran dem Auflieger – und schnappt zu. Danach greift er sich die Brücke. „Wir kalkulieren mit zwei Minuten pro Einheit“, sagt Peter Hahn, Betriebsleiter des Terminals München-Riem. Für ihn mache es keinen Unterschied, ob Einheiten eines Lang-Lkw oder eines konventionellen Lkw auf die Schiene kommen. „Die Verladezeit pro Einheit bleibt die gleiche“, sagt er.

Er behält recht: Vier Minuten später ist die Ware – Sanitärprodukte – auf dem Zug nach Köln. Dort kommen die Einheiten am nächsten Tag an und werden durch konventionelle Fahrzeuge abgeholt, da sich Nordrhein-Westfalen nicht am Feldversuch beteiligt. Umgekehrt nehmen die Lang-Lkw die bereits von Köln angekommene Ware – leere Flaschen – mit. Kommen im Vorlauf drei Lkw in Köln zum Einsatz, sind es im Nachlauf in München nur zwei. Sauber geht hier die Formel der Lang-Lkw-Befürworter auf: aus drei mach zwei.

Ansorge will Erfahrungen sammeln

Von dieser Formel abgesehen, kann Ansorge-Chef Thoma aber noch nicht allzu viele Rechnungen aufstellen. Fest steht für ihn, dass der Einsatz des Lang-Lkw anfangs auch aufgrund der Investitionen und des zeitlichen Aufwands für Genehmigungen, Gutachten und anderes noch keine Vorteile in punkto Wirtschaftlichkeit bringt. „Wir haben einfach ehrliches Interesse daran, von Anfang an dabei zu sein, um Erfahrungen zu sammeln.“

Schon seit jeher sei man offen für Innovationen. Zwar stellt der XXL-Laster keine wirklich technische Innovation dar – weil nur bestehende Einheiten kombiniert werden. Angesichts des langen Vorlaufs und der erhitzten Diskussionen ist er für Ansorge dennoch ein Meilenstein. Und Stoff für jede Menge Gespräche und Geschichten.

Matthias Rathmann, trans aktuell Chefredakteur

Autor

Foto

Jacek Bilski

Datum

13. Februar 2012
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