Sitzhersteller Isringhausen Zoom

Sitzhersteller Isringhausen: Chefsessel

Sitze sind die wichtigste Schnittstelle zwischen Mensch und Lkw. Besuch beim Welt-Marktführer.

Wer als Lkw-Fahrer rund eine ­Million Kilometer abgespult hat, gilt als Voll-Profi. Das entspricht ungefähr einer Berufspraxis von zehn Jahren. Das ist auch das Maß, das Isringhausen in Lemgo für einen neuen Fernverkehrssitz anlegt. Eine Distanz von 800.000 bis 1.200.000 Kilometern ist üblich, bevor ein neues Gestühl neben vielen anderen Prüfungen den Segen des Laborchefs erhält. Donnerwetter, das dauert ja zehn Jahre. Natürlich nicht: Die Ingenieure können die Zeit raffen nach dem Motto des Kino-Gassenhauers aus den 80er-Jahren "Liebling, ich habe die Kinder geschrumpft". Die Sitze sind auf einer tonnenschweren Stahlplatte montiert. Eine ausgefeilte Hydraulik bewegt das schwere Trumm und die Steuerungselektronik simuliert übelste Fahrstrecken. So reichen je nach Anforderungsprofil schon 100 bis 350 Stunden im Labor für ein ganzes Sitzleben.

Isringhausen weiß auch, wie schwer ein durchschnittlicher Fahrer ist: 90 Kilo. Auf jeden Fall senkt sich ein künstlicher Hintern mit diesem Gewicht circa 50.000 Mal auf ein Sitzkissen und stellt so Ein- und Ausstiegsvorgänge nach. Anschließend werden die Pols­terung und auch die Stoffe kritisch beäugt. Letzteres ganz besonders, denn die Aunde-Gruppe mit den Marken ­Aunde und Isringhausen bietet als Global Player die gesamte Prozesskette vom Garn bis zum Sitz in den Sparten Van, Lastwagen und Omnibus an.

Natürlich ist das Prüflabor mit den beschriebenen Verfahren noch lange nicht am Ende. Beispiel: Einstellsysteme und Funktionen der Sitze. Die Anzahl der Betätigungen wird nicht einfach festgelegt, sondern wurde zuvor in einer Feldstudie an insgesamt 18 Sitzen ermittelt. Die sind mit Messtechnik vollgestopft und haben alles registriert, was in einem Zeitraum von 12 bis 18 Monaten mit dem Gestühl im echten Leben angestellt wird. Diese Daten sind die Grundlage für den Test. Und ganz wichtig: Obwohl der Crashversuch in der Lkw-Branche nicht gesetzlich vorgeschrieben ist, zählt er in Lemgo zum allgemeinen Prüfverfahren. Isringhausen produziert pro Jahr etwa 2,35 Millionen Sitze. Der internationale Marktführer stellt mit 5.000 Mitarbeitern in 49 Werken und 20 Ländern Gestühl für Lkw, Transporter, Busse und Baumaschinen her. Klarer Fall, dass der Platzhirsch sich über die Zukunft Gedanken machen muss. Er tut dies mit Trendstudien.

Der jüngste Entwurf hat den griffigen Namen NTS III: ein echtes Leichtgewicht, denn es erzielt schon im ersten Anlauf eine Gewichtsreduzierung von 20 Prozent und will die inneren Werte mit einer filigranen Konstruktion offensichtlich machen. Funktionale Bedieneinheiten und die selbstanpassende Rückenlehne ermöglichen eine vereinfachte Bedienung. Doch der Clou ist die Rückenlehne. Johanna Keiner ist für das ergonomische Design zuständig: "Die Fixpunkte sind im Fahrerhaus die Pedalerie, das Sichtfeld und das Lenkrad. Trotzdem sollte der Mensch einen gewissen Bewegungsspielraum nutzen, um der Monotonie entgegenzuwirken." Denn selbst die richtige Sitzposition ist nach 90 Minuten die falsche. "Daher haben wir die Rückenlehne so konstruiert, dass sie Bewegungen des ­Fahrers mitmacht. Der Trick ist eine fle­xible Anpassung der Lehnen-Polsterkontur", sagt ­Keiner. Dennoch wird der Rücken des Fahrers jederzeit gestützt und nach einiger Zeit wieder sanft in die optimale Position zurückgebracht. Das Ganze ohne Elek­tronik, aber mit einer intelligent montierten flexiblen Schale als Innenleben der Lehne. Mit solchen cleveren Ideen blickt Isring­hausen ­optimistisch in die Zukunft.

Richtig sitzen und gesund bleiben

Die Einstellung des Sitzes vor dem Fahrtantritt ist entscheidend für das richtige Sichtfeld, um das Verkehrsgeschehen und die Bedienelemente im Blick zu haben und um Beschwerden durch dauerhaft krumme und gleichbleibende Sitzhaltung zu vermeiden.
Faustregeln, die immer gelten:

  • Aufrecht sitzen, damit die Wirbelsäule der natürlichen S-Form folgt
  • Druckstellen an den Auflageflächen der Ellenbogen und Kniekehlen vermeiden
  • Körperwinkel größer oder gleich 90 Grad an Ellenbeuge, Leistenregion und Kniekehle, damit keine Gefäße oder Organe dauerhaft gedrückt werden
  • Bewegung: Auch wer meint, die richtige Sitzhaltung eingenommen zu haben, sollte seine Glieder ab und zu strecken und recken, damit der Körper wach bleibt und die Sinne aktiv sind.

Sitzhöhe: entscheidend für das optimale Sichtfeld; Beine bei durchgetretenem Pedal noch leicht angewinkelt lassen.

Längsposition: Beim Einstellen sollte das Gesäß so dicht wie möglich an die Lehne; Beine bei durchgetretenem Pedal noch leicht angewinkelt; das Lenkrad sollte mit noch abgewinkelten Armen umfasst werden können.

Sitzneigung: Die Oberschenkel sollten leicht aufliegen; kein Druck von der Vorderkante des Sitzkissens; Beine bei durchgetretenem Pedal noch leicht angewinkelt.

Lehnenneigung: Das Lenkrad sollte mit noch angewinkelten Armen umfasst werden können; beim Drehen des Lenkrads sollte der Schulterkontakt erhalten bleiben.

Schulterunterstützung: unterstützt den Schulterbereich so, dass er sich der S-Form der Wirbelsäule anpasst; Druck vermeiden.

Sitzkissenlänge: Druck von der Sitzkissenkante vermeiden; eine Entfernung von zwei bis drei Fingerbreit zwischen Kniekehle und Kissen beachten.

Beckenunterstützung: stützt das Becken am Beckenkamm; Druck vermeiden.

Lordoseunterstützung: füllt die natürliche Wölbung der Wirbelsäule aus; Druck vermeiden.

Vertikaldämpfung: harte Einstellung etwa beim Manövrieren, weiche bei schlechten Straßen; Beine in allen Positionen bei durchgetretenem Pedal noch leicht angewinkelt.

Horizontaldämpfung: mildert Stöße und ­Anregungen in Fahrzeuglängsrichtung.
Isringhausen bietet Sitzschulungen an, ­entweder im Werk oder beim Kunden.

Geld von der gesetzlichen Rentenversicherung

Nachrüstbare Fahrerarbeitsplätze tragen zur Aufrechterhaltung der Arbeitsfähigkeit bei. Die rechtliche Grundlage für die Bewilligung von Kraftfahrzeughilfen findet sich in der Kraftfahrzeughilfeverordnung des Sozialgesetzbuches.

Folgende Kostenträger bezahlen unter Umständen Zuschüsse oder auch alle Kosten, etwa für orthopädische Fahrzeugsitze. Dort gibt es eine Beratung und alle notwendigen Unterlagen:

  • Deutsche Rentenversicherung Bund
  • Bundesagentur für Arbeit
  • Hauptfürsorgestellen
  • Berufsgenossenschaften
  • Deutsche Rentenversicherung Knappschaft-Bahn-See.

Grundsätzlich sollte erst die Entscheidung des Kostenträgers abgewartet werden. Vorkasse ist ein Risiko.

Voraussetzungen, die erfüllt sein sollten:

  • Das Fahrzeug muss zur Ausübung des Berufes ­notwendig sein und der Sitz der beruflichen Rehabilitation oder dem Erhalt der Arbeitsfähigkeit dienen.
  • Die Notwendigkeit eines orthopädischen Fahrzeugsitzes muss medizinisch begründet werden.

Hinweis: Sonderausstattungen wie Lederbezüge, ­Klimatisierungen oder auch Armlehnen, die nicht der beruflichen Rehabilitation oder einer orthopädischen Grundversorgung dienen, müssen gegebenenfalls vom Versicherten selbst getragen werden.

Hammermeister

Autor

Foto

Volker Hammermeister

Datum

14. Oktober 2013
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