DVR, IAA Nutzfahrzeuge, Claudia Wild, Zoom

Sicherheit: Nicht bei allen hat's geklickt

Nach zehn Jahren „Hat’s geklickt“ haben der Deutsche Verkehrssicherheitsrat (DRV) und seine Partner auf der IAA eine gemischte Bilanz gezogen. Obwohl sich rund 60 Prozent der Brummifahrer heute anschnallen, sei „noch viel Luft nach oben“.

Nicht bei allen hat’s geklickt. Manch einer hat leider immer noch nicht verstanden, dass er sein Leben riskiert, wenn er statt des richtigen Gurts eine lose Extra-Schnalle einrasten lässt, damit der Warnton verstummt. „Die wichtigste Ladung sind Sie“, heißt seit vielen Jahren die wichtigste Botschaft des DRV.

Jeder Mensch soll sicher und unversehrt am Ziel ankommen, das gilt für Berufskraftfahrer ebenso wie für ältere Menschen und Kinder im Straßenverkehr. Seit mehr als 40 Jahren setzt sich der DVR dafür ein und hat verschiedene Aktionen entwickelt, damit die Botschaft überall ankommt. Vor zehn Jahren startete er die Kampagne „Hat’s geklickt?“ mit 19 Partnern auf der IAA in Hannover, darunter auch Dekra und die Berufsgenossenschaft für Transportwirtschaft und Verkehr (BG Verkehr).

Sicherheitsgurt anzulegen, ist das Ziel

Ziel war und ist es, die Nutzung des Sicherheitsgurtes im Lkw zu steigern. Dafür hat die Kampagne die Argumente der Fahrer gegen den Gurt aufgegriffen und anhand der Ergebnisse der Unfallforschung entkräftet. Es wurden Roadshows auf Rasthöfen veranstaltet, eine Internetseite als Infoplattform eingerichtet, tausende Aufkleber verteilt. In zehn Jahren konnten so 150.000 Fahrer erreicht werden. Zum diesjährigen Jubiläum zogen die Initiatoren auf der IAA Nutzfahrzeuge in Hannover eine vorsichtig positive Bilanz.

Nur jeder 10. Lkw-Fahrer legt Gurt an

Trotz der gesetzlichen Anschnallpflicht legte vor zehn Jahren nur etwa jeder zehnte Fahrer eines schweren Lkw einen Gurt an. Heute seien dies immerhin geschätzte 60 Prozent. Die Bundesanstalt für Straßenwesen spricht sogar von durchschnittlich 85 Prozent im Güterverkehr.

Für den DVR und seine Partner sind die Zahlen immer noch nicht zufriedenstellend. Das Ziel sei eine Anschnallquote wie im Pkw, die 2011 bei 98 Prozent lag. Im Güterverkehr schnallen sich am seltensten die Fahrer schwerer Brummis an, wohl in dem Glauben, dass die Kabine sie ausreichend schützt und sie im Konvoi ohnehin nicht so schnell unterwegs sind. Mancher Gurtsünder behauptete auch, im Notfall könnte er sich am Lenkrad abstützen. Doch das ist eine trügerische Hoffnung, wovon sich die Fahrer bei einem vorgegaukelten Überschlag oder Crash im Simulator selbst überzeugen können. „"Das hätte ich jetzt nicht gedacht“", sagten viele der verblüfften Fahrer nach einem simulierten Crash mit nur zehn Kilometern pro Stunde, der sie ordentlich durchschüttelte. Selbst gestandene Lkw-Fahrer seien von der Wucht des Aufpralls und der Wirkung der Gurte beeindruckt, erklärte Dr. Klaus Ruff von der BG Verkehr.  

Simulator an rund 200 Tagen im Einsatz

Allein im Jahr 2011 waren der Gurtschlitten und der Überschlagsimulator an rund 200 Tagen bundesweit im Rahmen einer Roadshow auf Autohöfen im Einsatz. Hinzu kommen Besuche in rund 280 Unternehmen, teilweise kombiniert mit Fahrsicherheitstrainings. „Wir erfuhren dabei sehr viel Resonanz von Fahrern“, freute sich DVR- Geschäftsführer Christian Kellner. Seit 1992 gilt die Gurtpflicht auch für Nutzfahrzeuge ab 2,8 Tonnen nach §21a der Straßenverkehrsordnung. Anfangs nahmen weder die Fahrer noch die Polizei die Gurtpflicht so genau, berichtete Alexander Berg. Doch seit 2003 ist die Quote jährlich um rund fünf Prozent geklettert – ein schöner Erfolg auch für die Kampagne „Hat’s geklickt?“. „Es ist aber immer noch viel Luft nach oben“, betonte Kellner.

Wer nicht angeschnallt ist, muss zahlen

Wer nicht angeschnallt von der Autobahnpolizei erwischt wird, begeht eine Ordnungswidrigkeit und wird mit einem Verwarnungsgeld bestraft. Manchmal haben die Gurtsünder Glück und können wählen zwischen Geldstrafe und Gespräch. Dort erfahren sie dann, welche Wirkung der Gurt hat und was passieren kann, wenn Fahrer oder Beifahrer bei  einem Unfall nicht angegurtet sind. „Wir haben 143 Unfälle analysiert“, berichtet Kellner. „Die Straße ist ein besonders gefährlicher Arbeitsplatz“, sagte Kellner. Dies belegten die Zahlen des Statistischen Bundesamt: 2011 sind 169 Fahrer oder Beifahrer im Lkw ums Leben gekommen, mehr als 10.000 wurden verletzt, davon 1.921 schwer.  

Gurt kann Verletzungen vermindern

Alle maßgeblichen wissenschaftlichen Studien zum Beispiel von Dekra zeigten, dass bei bis zu 80 Prozent der schweren Unfälle der Gurt die Verletzungen der Lkw-Insassen vermindern oder gar vermeiden kann. Auch Dekra-Unfallforscher Alexander Berg machte deutlich, dass es ohne Gurt nicht geht: Damit ein Insasse optimal geschützt sei, müssten eine stabile Fahrgastzelle, Rückhaltesysteme und Polster zusammenwirken. „Der Gurt ist die Voraussetzung für eine bestmögliche Wirkung“, sagte Berg. Schon 1998 habe ein Lkw-Crashtest bei Tempo 30 eindrücklich gezeigt, wie gut das Rückhaltesystem schütze: „Der angegurtete Fahrer hatte keine kritischen Verletzungen, während der Beifahrer fast durch die Windschutzscheibe geschleudert wurde.“ Zwar hat sich bei den Sicherheitssystemen im und am Fahrzeug in den vergangenen 50 Jahren viel getan. „Doch auch Fahrerassistenzsysteme sind keine Kompensation für den Gurt“, ermahnte Dekra-Sicherheitsexperte Berg. Machen Notbremssysteme einen Gurt überflüssig? „Nein, denn diese verringern nur die Geschwindigkeit“, sagte Berg – jedoch verhindern sie nicht automatisch einen Aufprall.

DVR will Kampagne fortführen

„Wir werden die Kampagne fortführen, um unser Ziel und die Einsicht bei allen Fahrern zu erreichen“, sagte der beim DVR für fahrpraktische Programme zuständige Referent, Jürgen Bente. Neu eingebaut wird dazu das Thema Sicherheitsabstand. Hierfür steht den Hat’s geklickt-Partnern ein neues technisches Gerät zur Verfügung: In Zukunft ist der Dekra Abstandssimulator auf den Roadshows mit an Bord. Seine Aufgabe: Den Fahrern zu zeigen, wie viel Abstand richtig ist. Denn bis der Fahrer auf das Bremslicht des Vordermanns reagiert, seinen Fuß umsetzt und der Lkw tatsächlich bremst, vergehen mindestens zwei Sekunden. Bei Tempo 80 legt der Lkw noch 44 Meter Strecke zurück. Selbst bei den vorgeschriebenen 50 Metern Sicherheitsabstand wird es da schon eng. Ist der Fahrer schon einige Zeit unterwegs und vielleicht nicht mehr voll konzentriert, verlängert sich die Reaktionszeit und es knallt. Auch im Abstandssimulator zerbirst dann die Scheibe. Ein kleiner Schock mit hoffentlich heilsamer Wirkung.

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25. September 2012
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