Setra S 416 GT-HD/2 11 Bilder Zoom

Setra Comfort-Class: Ein blauer Bus im Test

Mag sich der Himmel über dem Hochdecker heute auch beleidigt eintrüben – dieser Setra verbreitet beste Urlaubslaune. Karibikblau-Metallic heißt seine Lackierung. Ihr Schimmern und die satte Tiefe erinnert an Meer und Strandurlaub in Regionen, in denen die Badehose zur Grundausstattung zählt und nicht der Regenschirm.

Dazu die dunkel getönte Verglasung, schon blitzt und strahlt das Aluminium entlang der Flanke wie ein edler Silberstreif.

In der Comfort-Class entdecken Setra-Kenner reizvolle Spezialitäten

Dabei ist die Setra Comfort-Class nicht etwa im Hochsommer, sondern im Spätherbst ihres Lebens angelangt. Nach acht Jahren und bald 6.000 Exemplaren zählt die Baureihe zwar noch nicht zum alten Eisen. Doch die Spatzen pfeifen es von den Dächern, dass im Hintergrund die Nachfolgegeneration heranreift. Die Zeichen trügen nicht: Setra legt eine "Final Edition" auf, der Markenchef bedankt sich fürs Vertrauen in die Baureihe, die Abgasstufe Euro 6 steht vor der Tür. In Nutzfahrzeugkreisen heißt dies: zuschlagen. Denn Verkäufer entdecken in Preisverhandlungen plötzlich ihr weiches Herz, auch sollen die ersten Wehwehchen einer neuen Baureihe ruhig andere plagen. Zumal Setra-Kenner in der Comfort-Class reizvolle Spezialitäten wie den Hochdecker mit Heckeinstieg und der umständlichen Bezeichnung 416 GT-HD/2 entdecken. Ob es so etwas beim neuen Layout des Euro-6-Motorraums künftig überhaupt gibt?

Der Hochdecker gehört zur Riege der überlangen Zweiachser, die sich auf 13 Meter strecken. In Frankreich bedeutet dies mit 19 Tonnen Gesamtgewicht kein Problem. In anderen Ländern fallen derlei Busse häufig in die Finger von Häschern, fahren teure Umwege über die Waage. Der zusätzliche Meter bringt eine weitere Sitzreihe, trotz eines Aufpreises von rund 18.000 Euro kostet der Lange pro Sitzplatz etwas weniger als der zwölf Meter lange Bestseller S 415 GT-HD.

Verlegung der Toilette auf dem Passagierdeck

Prompt haben Setra und findige Unternehmer aus der Not eine Tugend gemacht: Der Heckeinstieg statt der Mitteltür räumt das Untergeschoss auf, schafft dort einen Gepäckraum riesig wie in einem Containerschiff. Dazu ist er bestens von beiden Seiten durch sechs gleich große Klappen zu beladen. Dass sie nicht immer exakt zum Gerippe passen – geschenkt. Die Toilette verlegt Setra beim Hecktürer nach hinten rechts ins Eck auf dem Passagierdeck. Sie ist dort ohne jede Kraxelei zu erreichen, das schätzen nicht nur ältere Fahrgäste. Überdies geht’s drinnen auf einmal so hell und dazu fast so geräumig zu wie in einem richtigen Bad.

Nebenan dehnt sich eine große Küchenzeile. Setra liefert sie zwar auch eine Nummer kleiner, doch was anfangen mit den dann verbleibenden zwei Sitzplätzen im Heck? Also hinein mit dem sehr solide gebauten Möbel, her mit feiner Kaffeemaschine, mit Wurstkocher und einem zusätzlichen Kühlschrank mittendrin, willkommene Ergänzung zum Exemplar in der Armaturentafel. Unten gibt’s in Auszügen reichlich Platz für Vorräte und oben eine große Arbeitsplatte aus Kunststein. Wer gar an Herd und Speisezubereitung denkt, kann seiner Fantasie freien Lauf lassen. Auch die Beleuchtung ist üppig, nur die überlange Gepäckablage auf der linken Seite stört die Bewegungsfreiheit des Küchenchefs.

Ergänzt mit einer Vier-Sterne-Bestuhlung in der gehobenen Variante namens Voyage plus – schon verwandelt sich die sonst eher unscheinbare Comfort-Class in einen Luxus-Kreuzfahrer. Kennt bei 42 Sitzplätzen dank Aluminiumrädern und Alu-Druckluftkesseln, knappem Dieseltank und leichten Klappen mit 13,7 Tonnen Leergewicht kein Gewichtsproblem. Und bleibt trotz feinem Ambiente ein Zweiachser mit überschaubaren Unterhaltskosten zu einem handfesten Preis. Ein Fall für Schlaukäufer mit Sinn fürs Besondere.

Der Comfort-Class bittet eine individuelle Ausstattung

Zumal sich Setra nicht lumpen lässt, geht es um eine individuelle Ausstattung. So herrscht bei der Comfort-Class freie Wahl bei Bestuhlung und Polstern. Beim Testwagen wird daraus die mutige Kombination aus einem schwarzen Flachgewebe mit türkisfarbenen Lederkedern und Abnähern sowie Kopfteilen in Straußenlederoptik, ebenfalls in Türkis. Erlaubt ist, was gefällt, also tragen die Tür zu Toilette und Kühlschrank kräftige Schnörkel, legt Setra einen schrillen türkis-zotteligen Teppich in Flokati-Optik aus. Muss man nicht alles haben. Aber ist vielleicht eine willkommene Anregung, gewohnte Pfade zu verlassen.

Zumal der Setra sonst ein braver Kerl ist und nicht zu Abenteuern verleitet. Beginnen wir bei den Fahrgästen: Der Einstieg hinten bereitet keine Schwierigkeiten, auch wenn die Stufen wegen der Aggregate von Fahrwerk und Antrieb leicht schräg verlaufen. Die Sitze der aktuellen Generation sind bequem, ihre Bedienung ist eingängig. Oben strahlen Leselampen in LED-Technik. Zwei Monitore im großen 19-Zoll-Format zieren die Kuppel im Bug und den Mittelgang. Weniger schön ist die Wellenlinie der zweimal vier Deckel der Umluftansaugung in Wagenmitte. Es gibt an dieser Stelle weitaus elegantere Lösungen.

Der Motor und die Getriebe sind gut zugebaut

Vorbildliche Werte erreicht der Setra dagegen bei den Geräuschmessungen. Da Motor und Getriebe gut zugebaut sind, arbeiten sie von Hause aus dezent im Hintergrund. Und wo keine Mitteltür ist, kann auch kein Abrollgeräusch aus einem Treppenschacht nach oben dringen. Der Setra schnürt extrem leise dahin, vor allem in der Mitte. Auch das ist Luxus. Die Schleichfahrt ist so dezent, dass ein leises Scheppern aus Richtung Gepäckablage auffällt, auch der Retarder heult vernehmlich. Der Motor dagegen hält sich vornehm zurück. Setra zähmt das stehend eingebaute Triebwerk mit einem Zweimassen-Schwungrad. Selbst in kritischen Drehzahlbereichen rumort der Reihensechszylinder nur sehr dezent.

Dazu arbeitet die Maschine sauber, erreicht optional die Abgasstufe EEV ohne Partikelfilter. Und sie werkelt recht sparsam, jedenfalls in Verbindung mit dem automatisierten Achtganggetriebe Mercedes Powershift. Die Schaltbox zeigt sich im Setra von ihrer besten Seite: Die flauschigweichen Schaltungen sind besonders in den oberen Gängen kaum spürbar. Auch schaltet das Getriebe in schwierigen Situationen genau auf den Punkt, selbst gute Fahrer können es kaum besser. Manuelle Eingriffe sind nur unter extremen Bedingungen notwendig, etwa wenn sich unmittelbar vor dem Bus ein Berg auftürmt. Auf der Autobahn dreht die Maschine mit 1.300 Touren im höchsten Gang eine verträgliche Drehzahl. Sie nimmt auf leichten Überlandetappen mit 80 Sachen auch 1.000 Umdrehungen in der achten Schaltstufe nicht krumm. Hier ist auch der Siebte mit abermals 1.300 Touren, aber spürbar höherer Zugkraft kein Fehler. Genügsam ist der Setra auf jeden Fall unterwegs.

Der XL-Zweiachser punktet mit diversen Zusatzstauräumen

Beim Fahrwerk setzen die Ulmer auf eine eher straffe, aber nicht unkomfortable Abstimmung. Bei kurzen Fahrbahnunebenheiten poltert die Vorderachse allerdings manchmal etwas verärgert. Wie angesichts des enormen Radstands nicht anders zu erwarten, läuft der lange Setra unbeirrt geradeaus. Auch Kurven scheut er dank seines großen Radeinschlags nicht. Trotzdem nehmen Fahrer oder Beifahrer bei engen Radien mitunter im Gegenverkehr Platz – 6,9 Meter Radstand sind nicht ohne.

Der Setra entschädigt mit seinem bekannt fahrerorientierten und schlanken Cockpit. Hier vorne wirkt der Hochdecker fast drahtig. Ein griffiges Lederlenkrad schmeichelte dem Fahrer des Testwagens ebenso wie Verzierungen in Karbonoptik. Weitere Pluspunkte sammelt der XL-Zweiachser mit diversen Zusatzstauräumen rund um die Achsen.

Typisch Setra:

Trotz feiner und hier zum Teil sogar schrägen Ausstattungsdetails bleiben die Reisebusse der Marke stets vernünftig. Die karibikblaue Lackierung vermittelt zwar Fernweh, doch die Comfort-Class behält Bodenhaftung. Genau das ist ihr Erfolgsrezept.

Autor

Foto

Jacek Bilski

Datum

21. März 2012
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