Sekundenschlaf: Schlafapnoe forciert Tagesmüdigkeit

Sekundenschlaf, Verschwommene Sicht

Wenn sich bei Lkw-Fahrern der Sekundenschlaf einstellt, kann eine Schlafapnoe der Grund sein. Dabei steht zeitweise die Atmung still, was auch gesundheitlich bedenklich ist.

Fünf tote und zwei schwerverletzte Polizisten ist die grausige Bilanz eines Verkehrsunfalls auf der Autobahn bei Madrid. Sie wurden von einem Lastzug bei einer Straßenkontrolle überrollt, berichtet die Presseagentur dpa: Der aus Rumänien stammende Lkw-Fahrer sagte bei seiner Vernehmung aus, er sei plötzlich am Steuer eingeschlafen.  

Das ist kein Einzelfall, weder in Spanien und erst recht nicht in Deutschland. Zwar schweigt sich die Nachrichtenmeldung über die Gründe der Müdigkeit aus, aber es darf spekuliert werden. Denn Reinhard Wagner, Vorsitzender des „Arbeitskreises Schlaf-apnoe Niedersächsischer Selbsthilfegruppen e. V.“, schätzt, dass ungefähr vier Prozent der männlichen Bevölkerung in Deutschland an obstruktiver Schlafapnoe leiden, rund drei Millionen Personen, von denen auch viele hinter dem Steuer eines Lkw sitzen.

Bei der Schlafapnoe kommt es zum Atemstillstand

Apnoe (sprich „Apnö“) bezeichnet einen Atemstillstand. Obstruktion bedeutet eine Behinderung. In diesem Fall führt im Schlaf unter anderem eine starke Entspannung der ringförmigen Muskulatur um die oberen Atemwege dazu, dass die Luftröhre durch den beim Einatmen entstehenden Unterdruck in diesem Bereich zusammenfällt. Üblicherweise geht mit dieser Krankheit lautes Schnarchen einher. Die Aussetzer treten individuell unterschiedlich in Bezug auf ihre Häufigkeit und Dauer auf. Ärzte sprechen von einer pathologischen Apnoe, wenn pro Stunde mindestens zehn solche Phasen über zehn Sekunden Dauer gezählt werden.

Während der Nichtatmung fällt der Sauerstoffgehalt im Blut stark ab. Dies führt zu einer Mangelversorgung des Gewebes. Der Körper reagiert panisch, schüttet Adrenalin aus, die Atmung setzt wieder ein. Normalerweise wachen die Betroffenen nicht auf, aber die physiologische Struktur des Schlafs wird zerstört, die Erholungsfunktion behindert. Die Folgen sind unter anderem Tagesmüdigkeit in Verbindung mit dem erhöhten Risiko des Sekundenschlafs, der bei Autofahrern blitzschnell tödlich enden kann.

Krankheit mit hohem Aufklärungsbedarf

Bei dieser Krankheit besteht Aufklärungsbedarf. Deshalb stand sie auch im Mittelpunkt eines Verkehrssicherheitstages, den der Arbeitskreis Schlafapnoe zusammen mit der Autobahnpolizei Sittensen im Juni auf der Raststätte Dammer Berge an der A  1 veranstaltete. Eingeladen waren auch die Initiative zur medizinischen Unterwegsversorgung für Lkw-Fahrer, DocStop, und Dr. Christian Godde, Experte für Schlafmedizin und Chefarzt des St. Franziskus Hospitals aus Lohne. Polizeidirektor Gunther Lüdecke aus Osnabrück sprach in Bezug auf die hohe Dunkelziffer von einem „hohen Präventionsbedarf für die Verkehrssicherheit generell“. Reinhard Wagner, Vorsitzender des Arbeitskreises, stellte eine bayerische Studie vor, die besagt, „dass 25 Prozent der Verkehrsunfälle mit schwerverletzten Personen und Toten im Zusammenhang mit starker Müdigkeit stehen“. Und Godde wies auf den Zusammenhang hin, dass Lkw-Fahrer ohnehin schon unter „ungünstigen Schlafbedingungen leiden wie Lärm, Licht oder Temperaturen“.

Dabei sind die rechtlichen Bestimmungen bei der Verursachung eines Verkehrsunfalls im Zusammenhang mit Übermüdung und Sekundenschlaf und die daraus resultierenden Folgen den meisten Verkehrsteilnehmern nicht einmal ansatzweise bekannt. Denn in der Regel gibt es kein Einschlafen am Steuer ohne vorherige Anzeichen, die auch von unerfahrenen Fahrern festgestellt werden können. Der Paragraf 1 StVO verpflichtet jedoch jeden Fahrzeugführer, sich so zu verhalten, dass andere weder geschädigt noch gefährdet werden. Und im Paragraf 2 Fahrerlaubnis VO (eingeschränkte Zulassung, nachfolgend FEV) wird darauf hingewiesen, dass derjenige, der sich aufgrund körper-licher und geistiger Mängel nicht sicher im Verkehr bewegen kann, am Straßenverkehr nur teilnehmen darf, wenn er Vorsorge getroffen hat, dass er andere nicht gefährdet. Sollte es dann trotz der Verpflichtung zur Beachtung der Bestimmungen der Paragrafen 1 StVO sowie 2 FEV zu einer Fahrt mit einem Fahrzeug und dabei zu einem Verkehrsunfall mit der Ursache Übermüdung kommen, greifen unter Umständen die Bestimmungen des Paragrafen 315c StGB - und das bedeutet knallharten Führerscheinentzug, ganz zu schweigen von einem eventuellen Regress der Versicherungen.

Doch damit nicht genug. Es könnte nach Paragraf 315c StGB auch eine Straftat in Betracht kommen, wenn der Fahrzeugführer etwa deutliche Ermüdungserscheinungen ignoriert hat. Der Gesetzgeber und die Justiz betrachten diesen Tatbestand als derart gefährlich, dass dieses Verhalten vom reinen Ordnungswidrigkeiten-Tatbestand nicht mehr getragen wird (Jagusch/Henschel 35. Auflg., § 315c Randnummer 14, Seite 1414, Becksche Kurzkommentare).

Müdigkeit ist genauso gefährlich wie Alkohol

Kurzum, die Polizei setzt die Unfallursache Müdigkeit von der Gefährlichkeit her mittlerweile mit Alkoholkonsum, unkontrollierter Medikamenteneinnahme oder Drogen im Straßenverkehr gleich. Da hilft nur eins: selber dagegensteuern, um die eigene Haut zu retten. Die Symptome eines obstruktiven Schlafapnoe-Syndroms sind bekannt. Außer den Müdigkeitsattacken zählen nächtliches Schwitzen während des Schlafs dazu, vermehrter Harndrang und häufiges Aufwachen. Beim Aufstehen können Kopfschmerzen oder Schwindel auftreten, der Mund ist trocken. Tagsüber fällt die Konzentration schwer bis hin zu Gedächtnisstörungen. Begünstigende Faktoren sind Übergewicht, eine Behinderung der Nasenatmung und der Konsum von Alkohol, Schlafmitteln oder Nikotin.

Wie bei jeder ernsthaften Krankheit hilft nur ein Arztbesuch weiter. Der Allgemeinmediziner schreibt eine Überweisung ins Schlaflabor. Dort wird zunächst der Verdacht mit einem ambulanten Gerät, das eine Nacht zu Hause eingesetzt wird, untermauert. Steht der Befund, folgt der Besuch eines Atemzentrums, in dem eine passende Maske ausgewählt wird. Es schließen sich zwei Nächte im Schlaflabor an. Der Patient wird ausgiebig verkabelt und während der Nacht mit einer Videokamera überwacht. Er macht außerdem die Bekanntschaft mit einem CPAP-Atemtherapiegerät (sprich Cepap, Continuous Positive Airway Pressure): Ein Gebläse erzeugt via Schlauch und Maske einen leichten Überdruck, der das Zusammenfallen der Atemwege verhindert. Das Schlaflabor misst die Zahl der Aussetzer, kontrolliert den Sauerstoffgehalt im Blut und fährt langsam dem Atemdruck hoch. Ist der richtige Level erreicht, dient die zweite Nacht der Feinjustage und der Überprüfung der ermittelten Werte. Das Ergebnis: Schlaf gerettet, Schnarchen und Tagesmüdigkeit vergessen. Einziger Haken: Diese Therapie heilt nur in Grenzen (siehe Kasten), da sie lediglich die Symptome bekämpft. Deshalb muss sie ein Leben lang angewendet werden. Und wer aussetzt, hat sofort alle Symptome wieder.

Atemtherapiegeräte kosten rund 2.000 Euro

CPAP-Geräte kosten mit Maske und Luftbefeuchter, die in der Regel mitverschrieben werden, rund 2.000 Euro, müssen allerdings nicht erworben werden. Krankenkassen schließen mit Atemzentren, welche die Geräte bereitstellen, sogenannte Serviceverträge, die alle Kosten beinhalten. Typischerweise beträgt die jährliche Summe, welche die Kasse aber vollständig übernimmt, 650 Euro. Darin enthalten sind bei einem Lkw-Fahrer auch das Adapterkabel für das Bordnetz, Verbrauchsmaterialien wie Filter und neue Masken, die jährlich ausgetauscht werden. Der Eigenanteil des Patienten an den Geräten beträgt in der Regel nur zehn Euro.

So weit, so gut. Jetzt kommt die Praxis in der Lkw-Kabine. Ein Zwölf-Volt-Adapter stellt die Stromversorgung sicher. Der Verbrauch liegt je nach Modell mit Befeuchter bei rund 50 Amperestunden pro Nacht - Vorsicht bei einem langen Wochenende. Ein sicheres, möglichst staubfreies Plätzchen in Kojen-nähe ist wichtig, da der Schlauch nur eine begrenzte Länge hat und beim Kippen Flüssigkeit auslaufen kann. Eventuell mit einem Zurrgurt sichern. Doch der wichtigste Aspekt ist die Hygiene.

Das heißt gründliches Gesichtwaschen vor dem Schlafengehen, weil sonst auf Dauer Fette der Haut die Dichtigkeit der Maske in Mitleidenschaft ziehen. Es müssen aber auch regelmäßig Filter gewechselt werden. Weitere Anforderungen sind das tägliche Trocknen von Maske, Schlauch und Tank und die regelmäßige Reinigung und Entkalkung der gesamten Apparatur. Es stehen auch jährliche Checks beim Schlafmediziner auf dem Programm, allerdings mit ambulanten Geräten. Das ist zwar ein Haufen Holz und grenzt an Zumutung. Aber hier geht’s schließlich um die Therapie einer ernsthaften Krankheit, die nicht nur durch einen Unfall mit dem Tod enden kann.

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Bernickel/Hammermeister

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