Die spektakuläre Fracht sorgt auf der Autobahn für große Augen. 14 Bilder Zoom

Ungewöhnlicher Schwertransport: Drachenzähmen leicht gemacht

Im Gewand eines Drachens reist der größte Schreitroboter der Welt per Lastzug von der Oberpfalz nach Berlin – mancher Passant traut seinen Augen nicht.

Argwöhnisch betrachtet das Drachenungetüm die neugierigen Passanten. Die Augen rollen von rechts nach links und wieder zurück. Immer wieder blinzelt das Fabelwesen. Vereinzelt stößt das Untier ein paar Rauchwölkchen aus Maul und Nüstern. Unüberhörbar grollt und rasselt tief in seinem Bauch die Atmung. Vorsicht – nur nicht ärgern! Denn so ganz geheuer scheint dem über
15 Meter langen Vierbeiner dieses Treiben nicht zu sein. Keine Panik: Das Biest ist nur ein riesiger Roboter, hört auf den Namen "Tradinno" (ein Kunstwort aus Tradition und Innovation) und ist die Hauptattraktion des "Further Drachenstichs".

Further Drachenstich? Seit über 500 Jahren organisiert die Stadt Furth im Wald, in der Oberpfalz unmittelbar an der Grenze zu Tschechien gelegen, das älteste Volks­schauspiel Deutschlands. Für die Festspiele schlüpfen jedes Jahr tausende Besucher und Bürger in mittelalterliche Gewänder. Der Markt platzt zu dieser Zeit aus allen Nähten.

Aber was wäre ein Drachenstich ohne Drachen? 35 Jahre lang, bis 2009, spielt ein verkleideter Gabelstapler den Kinderschreck. Gedanken über seinen Nachfolger macht sich Schultes Sandro Bauer bereits 2001. 2,3 Millionen Euro und neun Jahre später gibt der von der Zollner Elektronik AG aus Zandt gelieferte Schreitroboter sein Debüt. Tradinno kann sich fast beliebig bewegen – sogar auf eine täuschend echte Mimik muss der Roboter nicht verzichten. Fliegen kann er – drachenuntypisch – aber nicht. Ein Tieflader hilft dem Hightech-Wunder im Sommer 2010, die 28 Kilometer von Zandt nach Furth zu ­überwinden. Seine Ankunft begeistert die Bevölkerung – gleich darauf besteht er im Wortsinn seine Feuerprobe während der Festspieleinsätze.

Zwei Jahre später heißt es für Tradinno: raus aus dem Drachenhort – zeitweise. Anlässlich einer Innovationsschau des Landkreises Cham im Rahmen des Berliner Oktoberfestes soll die einzigartige Konstruktion dem dortigen Publikum präsentiert werden und als größte Attraktion auf dem Alexanderplatz das Fest in der Hauptstadt einläuten.  Der Drache Tradinno muss also wieder rauf auf den Tieflader.

Keine leichte Aufgabe: Vier Mann braucht es allein für die Steuerung des gigantischen "Spielzeugs". Die bugsieren am 25. September 2012 den Feuerspeier zunächst auf ein funkgesteuertes Rangiergestell, mit dem der Schreitroboter üblicherweise vor Ort bewegt wird – mit einer Höchstgeschwindigkeit von 1,8 Stundenkilometern ist er nämlich ein eher träger Geselle. Unter den Augen von Bürgermeister Sandro Bauer und dem Fuhrparkleiter der Zollner Elektronik AG, Max Panzer, steuert ein fünfter Mann das Rangiergefährt an einen bereitstehenden Tieflader von Schwarzmüller. Panzer war schon für den Transport vom Hersteller nach Furth verantwortlich und organisiert auch den Abstecher ins 530 Kilometer entfernte Berlin. Für ihn und den Drachen steht viel auf dem Spiel: "Niemand vermochte vorauszusagen, wie sich ein Transport über mehrere hundert Kilometer auf die empfindliche Technik des Drachens auswirken würde", so Panzer in der Nachschau der Aktion. "Es gab schlichtweg keine Erfahrungswerte."

Für die aufsehenerregende Tour stellt MAN Truck & Bus wie schon bei der ersten Präsentation des Laufroboters zwei Fahrzeuge aus dem Vorführwagenpool der "Trucknology RoadShow" zur Verfügung – einen TGX 33.680 6x4 BLS und einen TGS 26.440 6x4 H-4 BL. Den Drachen auf dem von Schwarzmüller beigesteuerten Tieflade-Sattelanhänger zieht der TGX. Der TGS bringt das Rangierfahrzeug nach Berlin.

Verbindungsmann bei MAN ist Jens Grünsfelder vom Verkaufsbüro Regensburg. Anlässlich des Events lässt er beide Fahrzeuge mit einem Drachendekor versehen – übrigens keine Sonderanfertigung, sondern  dem MAN-Service-Zubehörkatalog entsprungen. Genau dieses Dekor ziert seit der Indienststellung des Drachens auch alle Lastwagen von Zollner.
Das Gewicht des Drachens von etwa elf Tonnen stellt weder Zugmaschine noch Tieflader vor Probleme. Wesentlich kritischer: die Gesamthöhe der Fuhre. Es gilt, den Drachen ganz exakt und in der richtigen "Körper"-Haltung auf dem Tieflader zu positionieren, um die genehmigte Gesamthöhe von 4,20 Metern nicht zu überschreiten. Tradinno muss sich hierfür ganz schön ducken! Auch das macht der Schreitroboter wie gewünscht und so erreicht Tradinno oder Fanny, wie er von den Further Bürgern auch liebevoll genannt wird, nach genau zwölf Stunden am 26. September um vier Uhr morgens den Alexanderplatz. Eine gute Stunde später startet er ohne Probleme auf Knopfdruck und weckt erst mal mit markerschütterndem Gebrüll die Bewohner der umliegenden Häuser.

Seit seiner Berlin-Reise darf sich Tradinno nun auch ganz offiziell als größter Schreitroboter der Welt bezeichnen. Für einen Eintrag ins Guinnessbuch der Rekorde muss das Hightech-Wunder eine Strecke von genau zehn Metern bewältigen. Das schafft er natürlich mühelos – mehr noch: Er läuft die Strecke anschließend sogar im Rückwärtsschritt wieder retour.

Der Drachenflug nach Berlin ist ein voller Erfolg – aber am 28. September schultert der Schwarzmüller-Tieflader Tradinno für die Heimreise. Derzeit steht der Schreitroboter in Furth im Museum – beim nächsten ­Drachenstich im August 2013 darf er wieder Besucher begeistern.

Autor

Foto

Otto Miedl

Datum

24. Dezember 2012
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