Symbolbild zum Fortbestand des Schengen Raum s während der anhaltenden Krise in der EU erodierende Zoom

Schengen bröckelt: Europa gerät aus dem Lot

Die EU wird zur brüchigen Gemeinschaft. Europas Wettbewerbsfähigkeit steht wegen Grenzkontrollen auf dem Spiel.

Die europäische Transportwelt ist aus dem Lot. Mit zunehmenden Grenzkon­trollen stehen fein vernetzte Verkehre auf dem Spiel. Denn der freie Warenverkehr mit seinen engen Verflechtungen hat die europäische Wirtschaft wettbewerbsfähiger gemacht. 

Österreich ist derzeit einer der Brennpunkte in Europa, sieht man vom Dauerproblemfall Calais auf dem Weg nach Großbritannien einmal ab. Aber auch Dänemark und Schweden haben sich zu den Kontrolleuren dazugesellt, Staus gibt es mittlerweile auch zwischen Deutschland und Frankreich. Und es gibt Tage, da sitzen die Fahrzeuge der österreichischen Spedition Klacska sieben Stunden zwischen Ungarn und Rumänien fest. Um die gleichen Umläufe zu schaffen, werden mehr Lkw, aber auch Fahrer gebraucht und die warten nicht einfach irgendwo.

Enorme Zeitverluste drohen

"Unsere große Sorge ist, dass Schengen tatsächlich ausgesetzt werden könnte", sagt Sebastian Lechner, geschäftsführendes Präsidiumsmitglied beim Landesverband Bayerischer Transport- und Logistikunternehmen (LBT). "Wenn wir tatsächlich wieder echte Grenzkontrollen bekommen sollten, dann drohen enorme Zeitverluste."

Derzeit ergäben sich über den gesamten Transportablauf gerechnet maximal Verzögerungen von zwei bis vier Stunden. Wenn sich das Ganze verschärfe, werde es gefährlich. Hinzu komme, dass Lkw-Schlangen an den Grenzen Situationen wie in Calais provozieren könnten, wo Flüchtlinge die Fahrzeuge als Transportmittel zu nutzen versuchten. 

Arbeitsabläufe gestört

Noch erstrecken sich die Kontrollen nicht auf den Laderaum. Aber schon jetzt hätten sie einen negativen Einfluss auf die Arbeitsabläufe der bayerischen Speditions- und Logistikunternehmen, sagt auch die Geschäftsführerin des Landesverbands Bayerischer Spediteure (LBS), Edina Brenner. Unkalkulierbare Wartezeiten an den Grenzen erschwerten die Disposition, verlängerten die Transportzeiten der Güterverkehre und trieben die Kosten in die Höhe. Zwar gehörten Umgang mit Staus, Baustellen oder Unfällen zum Alltag der Branche, die Verzögerungen an den Grenzen belasteten die Unternehmen aber zusehends finanziell.

Das Schlimme an den Grenzen sei die Ungewissheit, sagt Anton Hagg, Geschäftsführer der Niederlassung von Gebrüder Weiss in Memmingen. "Fahrpläne und Taktungen verschieben sich, Begegnungsverkehre sind bald kaum noch möglich." Und wenn man zu große Puffer einbaue, mache das System kaum noch Sinn. "Das Ganze ist ein Trauerspiel."

Die Wertschöpfungsketten der hochgradig spezialisierten, arbeitsteiligen deutschen Wirtschaft seien darauf ausgelegt, dass Warenlieferungen just-in-time ankommen und direkt weiterarbeitet würden, betont Verbandsvertreterin Brenner. "Industrie und Handel müssten höhere Lagerbestände einrichten oder kurzfristig nationale Zulieferer mit der Versorgung beauftragen, was mit weiteren Kosten verbunden ist", gibt auch der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Speditions- und Logistikverbands (DSLV), Frank Huster, zu bedenken. 

Steigende Kosten werden durchgereicht

Erhöhte Kosten werden letztlich beim Verbraucher landen, das schwächt die Kaufkraft in Europa. Aber auch die Wettbewerbsfähigkeit auf dem Weltmarkt wird leiden. Aus Sicht des LBS ist es unerlässlich, dass die europäische Politik alles für die Bekämpfung von Fluchtursachen und die Sicherung der europäischen Außengrenzen tut. "Statt Ressourcen für verstärkte innereuropäische Grenzkontrollen einzusetzen, müssen die südeuropäischen Staaten stärker bei der Sicherung der Außengrenzen unterstützt werden", sagt Brenner gegenüber trans aktuell.  

Dass die Schiene auf der Balkanroute vom Flüchtlingsproblem zum Teil noch stärker betroffen ist als die Straße, ist ein gut gehütetes Geheimnis. Die Bahnunternehmen stellen die Lage als weitgehend unproblematisch dar. Andere Gesprächspartner sind nur hinter vorgehaltener Hand zu Auskünften bereit. "Bis dato ist es beim Güterverkehr nur vereinzelt zu marginalen Verzögerungen gekommen, was im Güterverkehr durch die längeren Transportwege und Ausweichrouten innerhalb Österreichs keine signifikanten Auswirkungen hatte", so die Auskunft einer Sprecherin der ÖBB zum Balkanzug.

Ein Spediteur, in der Region seit langen Jahren tätig, berichtet dagegen von tagelangen Verspätungen. Es herrschten bereits seit sechs Jahren Zustände wie in Calais, von aufgebrochenen Containern und verschmutzter Ladung ist die Rede.  "Unsere Züge werden permanent als Transportmittel genutzt, Flüchtlinge springen von Brücken auf die Aufliegerdächer, an den Grenzen herrschen Zustände wie am Tag des Jüngsten Gerichts", sagt der Kenner der Lage im griechischen Idomeni an der Grenze zu Mazedonien.

Es seien große Zahlen an Flüchtlingen unterwegs, für die die Schiene Orientierung und der Zug Transportmittel sei. Griechenland sei mit dem Problem völlig überfordert, Europa müsse endlich seine Außengrenzen schützen. Bis dahin müssten die Unternehmen mit den Zuständen irgendwie klar kommen. Zwar würden Container mit doppelten Schlössern gesichert und viele Sicherheitsmaßnahmen umgesetzt. Trotzdem würden Fahrzeuge unter dem Vorwurf des Menschenschmuggels zum Teil jahrelang beschlagnahmt. Die Schäden erreichten Millionenhöhe.

Dieser Artikel stammt aus Heft trans aktuell 05/2016.
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Datum

18. Februar 2016
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