Abenteuer Norwegen 17 Bilder Zoom

Route von Oslo nach Bergen: Norwegische Einsamkeit

Die Route von Oslo nach Bergen lockt mit herausfordernden strecken. Teil eins der neuen Serie Traumrouten.

Fernfahrer unterwegs auf Europas Straßen: In einer sechsteiligen Serie stellen wir sehenswerte Traumrouten unseres Kontinents vor. Erster Stopp ist der hohe Norden, in den nächsten Ausgaben geht es dann weiter südwärts: Berichte aus Spanien, Griechenland, Frankreich, Italien und dem Baltikum folgen. Die Reportagen transportieren die dortige Stimmung, bieten aber auch praktische Informationen für Fernfahrer.
Die erste Traumroute führt nach Norwegen: ein für Lkw-Fahrer gleichermaßen einsames, wildes und herausforderndes Territorium. Nur wenige Autobahnen sind dort zu finden und viele der schmalen Fernstraßen führen durch abenteuerliche Wildnis und Gebirge. Die Fläche des Landes ist zwar größer als die Deutschlands, in Norwegen lebt aber nur ein Sechzehntel der Bevölkerung: gerade einmal fünf Millionen Menschen. Davon wiederum wohnen fast zwei Millionen in der Hauptstadt Oslo und deren Umgebung.

In Oslo treffen wir den selbstfahrenden Unternehmer Peter Schramm aus Lübeck, der sich mit seinem sechsachsigen Kühlsattelzug auf Norwegen-Transporte spezialisiert hat. Gerade hat er Fracht von Hamburg nach Oslo gebracht, jetzt lädt er eine Fuhre für die Lofoten, rund 1.600 Straßenkilometer nordwärts von Oslo. Da oben am Polarkreis wird es im Winter selbst am Tag kaum hell.

Der Kühlspezialist fährt auch öfter nach Bergen. "Hier werden hohe Frachtpreise gezahlt, aber auch höchste Anforderungen gestellt. Zum Beispiel muss ein Lastzug volle Winterbereifung mit mindestens fünf Millimeter Profiltiefe haben, dazu eine Kette für die Lenkachse, vier Ketten für die Antriebsachse und zwei für den Auflieger", erklärt Schramm. Ein paar Tage später erzählt er, dass einer der Kollegen, mit denen er Frischfisch auf den Lofoten geladen hat, auf dem Rückweg nach Süden von der vereisten Straße geschlittert ist.

Die schmale Straße des Haukelfjell

Durch Oslo geht es auf vierspurigen Schnellstraßen. Dort ist Vorsicht geboten: Der von rechts auffahrende Verkehr hat das Recht zum Einfädeln. Nur wenige Kilometer nordwestlich von Oslo bleiben das städtische Gedrängel und die Autobahnen zurück. Nun gibt es mehrere Möglichkeiten, nach Bergen zu kommen. Die südlichste Trasse ist die E 134 über Kongsberg. Gerade hat die norwegische Regierung deren weiteren Ausbau zur Hauptstrecke beschlossen.

Das wird aber noch Jahre dauern. Gegenwärtig ist diese Straße über den Haukelifjell (Fjell: Hochgelände oder Gebirge) teilweise schmaler als zwei Fahrzeuge. Der hier vorgestellte Weg führt weiter nördlich erst über die E 16, dann aber nicht den weiteren Bogen über Fagernes, sondern die kürzere Strecke über die E 7 bis Gol, von dort über die E 52, die weiter nördlich wieder auf die E 16 mündet. Die "Sechzehn" reicht in ihrer kompletten Länge von Derry in Nordirland nach Gävle in Schweden.

Norwegens Fernstrecken sind Kunstwerke des Straßenbaus. Sie wurden mit teilweise gigantischem Aufwand durch die landeinwärts immer wilder werdene Landschaft getrieben. Die Brücken- und Tunnelbauwerke lassen die enormen Kosten für Errichtung und Erhalt erahnen. Dafür gibt es immer wieder Mautstationen, die beim Durchfahren einen Nutzungsbetrag abbuchen. Alle gewerblich genutzten Fahrzeuge über 3,5 Tonnen benötigen seit 2015 für das Abbuchen der Maut einen Chip, Infos dazu gibt es hier.

Eine kalte Gegend

Schon nach einigen Kilometern tauchen immer mehr Felswände neben der Straße auf. Der Gebirgszug der Skanden ist so etwas wie die Alpen des Nordens: von faszinierender Schönheit, aber für den Straßengüterverkehr immer wieder eine schwere Herausforderung. Dazu kommen oft noch extreme Schneefälle. Dann werden Lastwagenkonvois gebildet, die einem Räumfahrzeug über heikle Passagen folgen.
Gol hat als kleine Gemeinde nur insgesamt 5.000 Einwohner, von dort geht es bergauf nach Hemsedal. Diese Gegend ist für die Norweger ein beliebtes Skigebiet. Da es im Winter aber nur für vier, fünf Stunden Tag ist, sind viele Abfahrten mit Flutlicht erhellt. An Schnee mangelt es ein wenig auf dieser Reise, dafür nicht an Kälte. Beim Überfahren des Hemsedalfjells sinkt das Thermometer kurzfristig auf unter 30 Grad minus.

24.505 Meter durch den Berg

Obwohl der Winterdienst ständig im Einsatz ist und hervorragende Arbeit leistet, ist in der Nacht zuvor ein mit Frucht beladener norwegischer Lastwagen mit einem baltischen Fahrer im Straßengraben gelandet. Das passiert schnell, denn es gibt wegen der Gefahr der Schneeverwehung kaum Leitplanken und wegen der zu räumenden Schneemengen liegt die Fahrbahn oft höher als der Rand daneben. Dem Kollegen ist nichts passiert und da Norwegen eine unglaubliche Zahl schwerer Bergefahrzeuge besitzt, zeugen nach wenigen Stunden nur noch einige Spuren von der Havarie.

Wieder zurück im Tal, kommt bald die Zufahrt zu einem echten Superlativ in Sicht. Der Laerdaltunnel ist mit 24.505 Metern die längste Straßenröhre der Welt. Über fünf Jahre hat der Bau gedauert, im Jahr 2000 fand die Einweihung statt. Um die Kraftfahrer bei der Durchfahrt vor Monotonie zu schützen, würzten die Straßenbauer den Straßenverlauf mit leichten Kurven. Dazu gibt es bunt beleuchtete Halteplätze, ein kultiges Fotomotiv für Norwegenfahrer.

Jede vierte Woche zurück in die Heimat

Den weiteren Weg nach Westen säumen schroffe Berge und prächtige Fjorde, auf Letzteren können selbst größere Seeschiffe bis tief ins Land hinein zu den kleinen Hafenorten fahren. Hier zeigt sich eine weitere Tücke der norwegischen Winter: stark vereiste Fahrbahnen. Vom Atlantik drückt warme und feuchte Luft, von den Bergen weht frostiger Wind. Wenn sich beide Strömungen mischen, wird es wirklich gefährlich.

Kurz vor Bergen treffen wir Dirk Lübke, einen Fahrer aus dem brandenburgischen Prenzlau, der seit 2008 für norwegische Firmen arbeitet. Er tut das, weil der gesetzliche Mindeststundenlohn in Norwegen derzeit bei mehr als 16 Euro liegt. Die Arbeit, die er dafür leistet, ist allerdings auch wirklich hart. Mit dem Rückhalt von Frau und Kindern, die er jede vierte Woche in der deutschen Heimat besucht, fühlt er sich recht wohl in Norwegen. Außerdem beherrscht er mittlerweile die Landessprache, auch das half beim Eingewöhnen.

Gemeinsam besichtigen wir Bergen, die urige Innenstadt, deren Holzhäuser noch aus der Zeit der Hanse stammen und fahren per Standseilbahn auf den Stadtberg, um die Aussicht über die zerklüftete Küste zu genießen. Maritime Delikatessen auf dem Fischmarkt runden den Besuch ab. Norwegen beweist eindrucksvoll, dass es auch in diesen Zeiten noch abenteuerliche Strecken für den Fernfahrer gibt. Wer sich von Minusgraden nicht abschrecken lässt, ist hier richtig.

Dieser Artikel stammt aus Heft FERNFAHRER 03/2016.
Hier finden Sie alle Artikel dieser Ausgabe im Überblick.

Autor

Foto

Felix Jacoby

Datum

26. Februar 2016
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