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Unfall trotz Notbremsassistenz: Zu spät gebremst

Zwei tödliche Unfälle schockieren, denn die Lkw hatten einen Notbrems­assistenten. Hat der Fahrer versagt oder die Technik? Eine Spurensuche.

Schon einmal passiert

Die Autobahn 9 bei Bayreuth-Nord am Montagabend Ende April. In Fahrtrichtung München steht ein Volumenzug der Spedition Ihro aus Neuenstein. Die Feuerwehr hat noch versucht, den schwer verletzten Fahrer aus seiner vollkommen zertrümmerten Kabine zu retten. Doch sie schafft es nicht mehr. Der 30 Jahre alte Familienvater stirbt noch an der Unfallstelle. Die Ursache ist schnell ermittelt: Kurz vor ihm war ein 52-jähriger Lkw-Fahrer mit seinem Sattelzug vermutlich wegen einer Panne auf dem rechten Fahrstreifen zum Stehen gekommen. Der Kollege der Spedition Ihro fuhr ihm nahezu ungebremst auf.
Schon einen Monat zuvor gab es auf der A 1 zwischen Stuhr und Brinkum einen ähnlich tragischen Unfall mit einem Lkw der Spedition Fehrenkötter aus Ladbergen. Auch hier stand ein Pannenfahrzeug auf dem rechten Fahrstreifen. Der 53-jährige Fahrer hatte ebenfalls keine Chance. Die veröffentlichten Bilder sind schrecklich. Deswegen hat sich Eurotransport dazu entschlossen, nur das eine Foto zu zeigen. Allerdings haben sich beide betroffenen Unternehmer, Kai Ihro und ­Joachim Fehrenkötter, bereit erklärt, über diese Unfälle zu sprechen – um aufzuklären. Denn die Vorfälle haben eins gemeinsam: Die beiden Mercedes Actros waren mit einem Notbremsassistenten ausgestattet. Der einzige Unterschied: Der Actros der Spedition Ihro war jünger, es konnten deshalb bei der Unfallanalyse mehr Daten ausgelesen werden.
Der Fahrer bei Ihro war dreieinhalb Jahre im Unternehmen, er hatte den Lkw erst knapp sechs Wochen zuvor neu übernommen. Er galt als ruhig und besonnen. Die ganze Firma stand tagelang unter Schock. Die Belegschaft hat spontan Geld gesammelt und überreichte der Witwe 4.500 Euro.
Auch Joachim Fehrenkötter schildert seinen Fahrer als erfahren, er sei von den Fahrassistenzsystemen überzeugt gewesen.  Er hatte gerade erst seine Tour begonnen. Die tief stehende Sonne, vermutet Fehrenkötter, könnte den Fahrer an diesem Tag geblendet haben.

Trotz Notbremsassistenten

Im Gegensatz zu den vielen Unfällen am Ende eines meist durch eine Baustelle bedingten Staus konnten beide Fahrer nicht mit einem Pannenfahrzeug auf ihrer Fahrspur rechnen. Für beide Firmen war es der erste Unfall dieser Art. Und beide Unternehmen haben den Fuhrpark frühzeitig mit allen verfügbaren Assistenzsystemen ausgestattet – eben um ihren Fahrern die größtmögliche Sicherheit im Straßenverkehr zu bieten.
Am Ende hat der Fahrer von Ihro – die Gründe lassen sich wohl nicht mehr ermittelten – zunächst einen Kickdown durchgeführt und anschließend eine Vollbremsung. Trotzdem und trotz des Notbremsassistenten an Bord ist er frontal ins Heck des stehenden Lkw gerast. Ohne Kickdown hätte das System den Lkw möglicherweise gestoppt, meint Kai Ihro, oder den Aufprall zumindest abgemildert.
Der Mensch muss die Hoheit über das Fahrzeug jederzeit zurückgewinnen, sagt ­Joachim Fehrenkötter, auch wenn das fatale Folgen haben kann. Bei seinem Unfallfahrzeug lag möglicherweise eine Übersteuerung vor, denn das System als solches war nicht dauerhaft deaktiviert.

AEBS ausschalten oder nicht?

Die Diskussion über die Konsequenzen ist schon längst entbrannt. Was nützt die beste Technik, wenn ein Fahrer sie einfach übersteuern oder, was möglich ist, sogar komplett ausschalten kann? Dr. Klaus Ruff aus dem Geschäftsbereich Prävention der BG-Verkehr fordert zusammen mit dem BGL, dass der Notbremsassistent nicht dauerhaft per Knopf oder Schalter deaktiviert werden kann. Unterstützt wird er dabei von Siegfried Brockmann, Leiter der Unfallforschung der Versicherer. "Nur die Möglichkeit, das System durch Kickdown zu deaktivieren, halten wir für richtig", erläutert Brockmann. "Immerhin sind Fehlfunktionen vorstellbar und den Kick Kickdown führt man eigentlich nicht aus Versehen durch."
Glaubt man Markus Rüdiger, einem Fahrer, der derzeit mit einem sicherheitstechnisch voll ausgerüsteten Lkw für die Spedition Haaf aus Römerberg unterwegs ist, schalten vor allem die älteren Fahrer, die in der Regel dank ihrer längeren Zugehörigkeit die moderneren Fahrzeuge bekommen, die Technik bewusst ab. "Oftmals höre ich, wie unzufrieden diese Kollegen sind, da sie sich nichts vorschreiben lassen wollen und ihre Fahrweise auch nicht ändern möchten", erzählt Rüdiger. "Ganz anders sieht es bei den jüngeren Fahrern aus. Diese interessieren sich nicht nur für die neue Technologie, sondern nutzen sie auch. Sofern sie denn solch ein Fahrzeug bekommen", sagt Rüdiger.

Jeden Werktag ein Unfall

Die Statistik des Unfallanalyseteams von Mercedes-Benz ist eindeutig: Der Auffahrunfall ist klar die Nummer eins, gefolgt vom Abkommen von der Autobahn. 759 Tote bei Unfällen mit Güterverkehrsfahrzeugen gab es laut BGL im Jahr 2014, einer mehr als 2013. Zwar sinkt seit 1992 die Zahl der Unfälle im Vergleich zur steigenden Transportleistung, aber das ändert nichts daran, dass laut im Internet veröffentlichen Meldungen der lokalen Medien jeden Werktag irgendwo in Deutschland mindestens ein Lkw in ein Stauende kracht. Allein im Mai starben sieben Fahrer innerhalb einer Woche in ihren zerquetschten Kabinen.
Am 11. Juni passiert es wieder: Vor einer Baustelle bei Langenhagen verkeilen sich gleich vier Lkw am Stauende. Wolfgang Horn, als Polizeidirektor in Hannover auch für die Autobahnpolizei Garbsen und damit einen Teil der A 2 zuständig, sieht neben deutlich zu geringem Abstand vor allem die zunehmende Ablenkung als eine der Hauptursachen. "In den zertrümmerten Fahrerhäusern finden meine Beamten immer wieder verschüttetes Essen oder Kaffee sowie laufende Laptops, auf denen die Fahrer Filme angeschaut oder über Facebook kommuniziert haben", erklärt Horn, der am 14. Juli zu einem Verkehrssicherheitstag nach Garbsen-Nord einlädt.
"Nach einem schlimmen Unfall, bei dem ein Pkw-Fahrer am Stauende zu Tode kam, fanden wir später das Handy des Lkw-Fahrers unter den Sachen des Toten. Er hatte telefoniert. Es war durch die zerberstende Scheibe des Lkw geflogen. Der Fahrer wurde später wegen fahrlässiger Tötung verurteilt." Axel Flaake aus Bad Oeynhausen kann das nur bestätigen. Seine größte Sorge gilt den Fahrern, die den linken Vorhang so zugezogen haben, dass niemand sieht, was sie alles noch tun – außer zu lenken.

Bedeutende Hinweise helfen

Seit mehr als 30 Jahren ist Flaake jeden Tag auf der A 2 unterwegs. "Der Verkehr ist immer schlimmer geworden", klagt er. Und viele Fahrer reagieren darauf immer undisziplinierter. Sie fahren bis auf fünf, manchmal drei Meter an den Vordermann heran, um dann zu überholen. Das geht nur, wenn die Assistenzsysteme nicht eingeschaltet sind." Den Vorwurf, dass man dann nach hinten durchgereicht wird, lässt er nicht gelten. "Ich komme genauso schnell aber viel entspannter ans Ziel, wenn ich in Ruhe mit 85 Stundenkilometern fahre."
Bei vielen Fahrern fährt längst die Angst mit. Flaake lässt nach vorne deshalb bei Stau immer ausreichend Abstand. Vor einem Jahr hat er nun mit Erlaubnis seines Chefs und mithilfe von Katja Schmalz zur Selbsthilfe gegriffen und das Heck des Trailers mit einem markanten Spruch beklebt. Es scheint zu wirken. "Rund 80 Prozent aller Fahrer halten tatsächlich Abstand, die anderen 20 Prozent fallen sofort wieder zurück, wenn sie es gelesen haben."

Joachim Fehrenkötter, 47, aus Ladbergen

"Das Problem war wohl, dass unser Fahrer mit einem Brems -, Lenk- oder sonstigem Eingriff die Systeme übersteuert hat. Das ist dramatisch, von der Logik aber richtig, da der Mensch eine Menge Informationen hat, die der Rechner nicht haben kann. Der Mensch muss also die Hoheit über das Fahrzeug jederzeit zurückgewinnen können, auch wenn das fatale Folgen haben kann. Grundsätzlich ist verstärkt Aufklärung und Information in Richtung der Fahrer zu leisten. Die Systeme werden sich verbreiten und werden Unfälle verhüten, da bin ich mir sicher. Bei unserem Lkw waren die Systeme nicht bewusst über den Kippschalter deaktiviert, ein kleiner Trost immerhin."

Kai Ihro, 48, aus Neuenstein

"Grundsätzlich ist die Frage zu diskutieren, ob der Notbremsassistent bei einem Kickdown ausgeschaltet wird oder überhaupt ausgeschaltet werden kann. Diese Funktion wurde damals ausdrücklich vom TÜV verlangt. Wenn der Notbremsassistent anspricht, ist ein Unfall in der Regel schon unvermeidbar und das System reduziert lediglich die Aufprallenergie. Für was dient also eine Abschaltfunktion? Wir haben die Thematik direkt in unsere Fahrerschulungen aufgenommen und würden gerne ab sofort über unsere Telematik den Nutzungsgrad aller Assistenzsysteme überwachen. Das ist aber derzeit für den Notbremsassistenten noch nicht möglich."

Autor

Foto

Ferdinand Merzbach, JB, Ihro, ETM

Datum

7. August 2015
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