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Report: Rahmen richten: Es geht um Millimeter

Bei Paul Nutzfahrzeuge in Passau stehen regelmäßig Fahrzeuge mit Unfallschäden auf der Richtbank. Wir haben die Reparatur eines Trailers begleitet. 

Der ehemals dreiachsige Auflieger steht bei Paul Nutzfahrzeuge in Passau auf der Richtbank, die letzte Achse wurde bereits vom Kunden ausgebaut. "Ein Pkw ist von links in die Achse geknallt und hat sie aus dem Rahmen gerissen", erklärt Peter Reitberger. Der Karosserieschlosser wird in den kommenden zwei Tagen den verzogenen und gerissenen Rahmen wieder richten. 

Unfallschäden durch Front- oder Heckaufprall kommen häufig vor, auch umgestürzte Kipper hat Reitberger immer wieder auf der Richtbank. "Bei Kippern oder Zugmaschinen wird meist das Fahrerhaus abgenommen und der Motor ausgebaut – das ist dann ein angenehmes ­Arbeiten, weil man gut an den Rahmen herankommt", sagt Reitberger. Grundsätzlich gebe es nicht viel, was man nicht richten könne.

Schweißen benötigt die meiste Zeit

Der heutige Schaden sieht auf den ersten Blick unspektakulär aus. Leicht verbogene Rahmenzüge innen und außen, dazu ein etwa 20 Zentimeter langer Längsriss sowie ein weiterer kleiner Riss zwischen den Achsbefestigungslöchern. Doch der Anblick täuscht, vor allem die Risse werden viele Stunden Arbeitszeit in Anspruch nehmen. Der Rahmen des Trailers ist aus Aluminium, welches sich beim Richten anders verhält als Stahl.
"Alu ist sehr zäh und bewegt sich sehr spät, wenn man mit der Presse Druck ausübt", erklärt Reitberger. Zudem darf Alu nicht mit der Flamme erwärmt werden, wie es bei Stahl praktiziert wird. "Aber selbst bei Stahl nutzen wir den Brenner nur in seltenen Fällen, meistens geht es auch ohne", sagt der Richtexperte. An kritischen Stellen wird nach dem Erwärmen manchmal zusätzlich eine Verstärkung eingeschweißt, um auf Nummer sicher zu gehen.

Je nach Schaden kann ein Teilersatz des betroffenen Rahmenstücks sinnvoll sein. Dabei trennen die Karosserieexperten das beschädigte Stück des Rahmens großflächig heraus und schweißen ein neues ein. Im vorliegenden Fall hätte das aber genauso lange gedauert wie das Richten.

Die wichtigsten Werkzeuge beim Rahmenrichten – die Pressen – kommen erstaunlich selten zum Einsatz. Höchstens 20 Prozent der Arbeitszeit wird damit gearbeitet, der Rest geht für die Vorbereitungen drauf, etwa fürs Schleifen und Schweißen. "Bei dem Fall hier sind die Risse das Problem. Der Rahmen an sich ist nicht stark verzogen und verhältnismäßig schnell gerichtet", sagt Reitberger.

In Achsnähe gibt es keine Toleranzen

Schleifen, schweißen, wieder schleifen und noch einmal schweißen – der Zeitaufwand allein für die Schweißnahtvorbereitung ist beträchtlich. Wenn alles gerichtet ist, gehen noch einmal zwei Stunden fürs Lackieren drauf. Zwischen 1.200 und 1.400 Euro wird der Kunde für die Reparatur bezahlen. Die neue Achse indes montiert er selbst. Danach geht der Trailer zur Achsvermessung und -einstellung erneut zu Paul. Die Beschädigung liegt an einer ungünstigen Stelle, direkt an der Achsaufnahme. Toleranzen sind hier praktisch nicht erlaubt, die Achse muss später exakt am Rahmen anliegen. Bei anderen Schäden wie großflächigen seitlichen Torsionen sind dagegen bis zu acht Millimeter Toleranz über die gesamte Rahmenlänge erlaubt.

Nach fünf Stunden Arbeit ist der Längsriss verschweißt, der Rahmen grob gerichtet und der Riss zwischen den Achsbefestigungsbohrungen zum Schweißen vorbereitet.
Mittlerweile liegt ein ganzer Werkzeugpark am Arbeitsplatz von Peter Reitberger: zwei Trennschleifer, drei Pressen, Vorschlaghammer, Schweißgerät, mehrere Schraubzwingen – Karosseriearbeiten sind immer mit hohem Aufwand verbunden und brauchen Zeit.
Die Hydraulikpressen erzeugen zehn Tonnen Druck, in den Leitungen herrschen 600 bar, dicke Ketten spannen den Trailer nach unten auf die Bühne – Vorsicht ist geboten! "Wir arbeiten immer mit Sicherheitsabstand und bedienen die Pressen über ein langes Kabel", sagt ­Karosserieschlosser Reitberger.

Damit sich der Druck besser auf dem Rahmen verteilt, legt er ein breites Stück Stahl zwischen Presse und Rahmen. Immer wieder wird für wenige Sekunden Druck ausgeübt, der Rahmen biegt sich in Form. Nach einigen Versuchen ist er nahezu gerade. Die immer wieder angehaltene Wasserwaage liegt fast sauber an, Reitberger muss nur noch einige Details ausbessern. "Wie man Karosserien richtig instand setzt, steht in keinem Lehrbuch, jeder Fall ist anders", resümiert ­Peter Reitberger abschließend.

Paul Nutzfahrzeuge

Zur Unternehmensgruppe Josef Paul mit Sitz in Passau gehört mit der Josef Paul GmbH eines der größten Nutzfahrzeug-Servicecenter der Region. Paul ist ­Mercedes- und MAN-Servicepartner sowie Truck-Works-Standort. Mehr als 30 Reparaturbahnen stehen zur Verfügung, rund 230 Mitarbeiter in Werkstatt und Büro kümmern sich um die Anliegen der Kunden. Neben den typischen Arbeiten einer Vertragswerkstatt ist Paul bekannt für aufwendige Fahrzeugumbauten. Spezielle Achskonfigurationen, Achsverlängerungen, Kranaufbauten, Luftfedersysteme oder Fahrgestelle für Betonpumpen und Agro-Mover-Konzepte zeichnen das Unternehmen aus. Paul besitzt langjährige Erfahrung im Fahrzeug- und Karosseriebau, die Mechaniker richten nicht nur Lkw-Kabinen und Rahmen, sondern reparieren auch Kühlkofferaufbauten.

Autor

Foto

Matthias Heerwagen, Paul Nutzfahrzeuge

Datum

14. Dezember 2015
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