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Report Käsetransport: Alles Käse oder was?

Auch Dank Ruud Baars kann die Stadt Alkmaar jeden Freitag den weltgrößten Käsemarkt zelebrieren. Denn er bringt den Käse zum Mann.

Morgens um sieben Uhr am Freitag ist es noch ruhig in der nordholländischen Stadt Alkmaar. Geschäfte und Cafés sind geschlossen, Anwohner wie auch die zahlreichen Touristen lassen sich im gut erhaltenen Zentrum mit seinen malerischen Giebelhäusern noch nicht blicken. Lediglich ein Metallgitter rund um den Käsemarkt deutet darauf hin, dass hier in wenigen Stunden eine der größten Attraktionen der Stadt über die Bühne gehen wird.

Eine Sache der Tradition

Ruud Baars ist einer der Ersten, der den fast schon heiligen Ort betritt. Rückwärts setzt er mit seinem käsegelben DAF XF und dem City-Trailer durch die engen, ebenfalls abgesperrten Gassen auf den großen Platz mit dem hellen Kopfsteinpflaster. Am Rande des Mient, eine der vielen Grachten, bauen Händler ihre Stände auf. Sie rüsten sich für einen regelrechten Massenansturm. Etwa 95.000 Einwohner hat Alkmaar. Und jeden Freitag von Anfang April bis Anfang September kommen auf einen Schlag noch 5.000 Touristen dazu. Genau 23 Mal im Jahr.

Schon seit 1622 wird in Alkmaar ein Käsemarkt abgehalten. Damals brachten die kleinen Erzeuger den Käse auf ihren Holzkarren in die große Stadt, so wie auch in Gouda, der Stadt, die so heißt wie ihr bekanntestes Produkt. Dort wurde er gewogen und verkauft. Heute gibt es nur noch wenige große Käseproduzenten, die den Handel direkt beliefern. Doch jeden Freitag lebt die alte Tradition wieder auf. Mitarbeiter der Gemeinde ziehen die blütenweißen Anzüge der alten Gilden an und spielen Vergangenheit. Nur dass der Käse, die typischen Räder oder Laibe heute per Lkw aus zwei nahe gelegenen Fabriken kommt. "Für die Touristen macht das keinen wirklichen Unterschied", sagt Ruud. "Sie wollen einfach das farbenfrohe Erlebnis sehen und am Rande des Marktes ziemlich guten Käse aus den Händen hübscher holländischer Mädchen kaufen."

Ruud kommt gerne nach Alkmaar

Ruud ist ein typischer selbstfahrender niederländischer Unternehmer. Er ist 34 Jahre alt, machte mit 19 Jahren den Lkw-Führerschein und fuhr erst zehn Jahre für verschiedene Speditionen. Sein letzter Chef hatte fünf Lkw für den nationalen Käsetransport. Als er starb, machte sich Ruud mit einem DAF und einem Spezialauflieger von Eck selbstständig. Für ein gutes Dutzend Produzenten transportiert er den frischen Käse in Blöcken in die Reifereien. "Ich liebe meinen Beruf. Und am Ende der Woche macht es einfach Spaß, nach Alkmaar zu kommen."

Frühmorgens um halb drei bricht er aus Zegveld bei Utrecht auf und fährt anderthalb Stunden zu Friesland Campina in Leutjewinkel im Norden der Provinz Holland. Dort wartet der City-Trailer, den er sich vor fünf Jahren, als er diesen Auftrag bekam, angeschafft hat. Daan, der 17-jährige Sohn seiner Nachbarin, begleitet ihn, wenn er Zeit hat. 20 Boxen mit 1.200 Käserädern warten auf die beiden. "Das Beladen geht schnell", sagt Ruud. "Bis Alkmaar sind es dann nur noch 45 Minuten Fahrzeit."

Punkt sieben Uhr parkt Ruud seinen Zug auf dem Käsemarkt, wenig später kommt auch Gerrit de Vries dazu, Seniorchef einer Kühlspedition mit 20 Scania. Er bringt die anderen 1.000 Käselaibe aus der Produktion der Firma Beemster. Dann geht alles sehr, sehr schnell: Die beiden Kollegen heben die Gestelle (je 60 Käse) vom Lkw und die "Setzer" legen sie schön ordentlich am Boden aus. "Um neun Uhr muss der ganze Käse am Boden liegen", sagt Ruud. Wenn Willem Borst, der "Vater des Käsemarkts", seinen Frachtbrief unterschrieben hat, parkt er den Zug direkt um die Ecke und geht zusammen mit Daan und Gerrit kurz in sein Stammcafé.

Sport genug für eine Woche

Punkt 10 Uhr, mit dem Glockenschlag aus dem Turm der alten Markthalle, beginnt die Auktion, mehrsprachig live moderiert und simultan auf eine große Leinwand übertragen. Vier Gruppen von je sechs Trägern bringen den Käse zur Waage, tun so, als würden sie bezahlen und tragen zu zweit die Holzladen zu den Karren der fiktiven Käufer. Die bringen ihre Fracht aber nur um die Ecke – zu den wartenden Lkw. Jetzt muss Ruud richtig ran. 13 Kilo wiegt ein Laib und alle 1.200 Laibe muss er zusammen mit Daan wieder in die Gestelle laden. "Das ist Sport genug ­für die Woche", lacht er. "Aber ich bin es ja gewohnt."

Gegen 13 Uhr ist das Spektakel vorbei, Alkmaar kehrt langsam wieder zur Normalität zurück. Und Ruud macht sich auf die letzte Tour für diese Woche. Er bringt den Käse wieder zurück in die Fabrik. "Ein perfekter Rundlauf", freut er sich. "Aber alles reine Show."

Autor

Foto

Jan Bergrath

Datum

6. Oktober 2015
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