Zoom

Radkurier: Die letzte Meile emissionsfrei liefern

Der Fahrrad-Kurierdienst Velocarrier aus der Grünen-Hochburg Tübingen baut seine Standorte deutschlandweit stark aus.

Hinten eine Kabine, vorne ein Zugpferd in Form eines Drahtesels – Assoziationen an frühere Zeiten, als die Postkutsche die Briefe lieferte, sind beim Namen Radkutsche naheliegend, aber irreführend. So heißt das Unternehmen, das in Mössingen am Rande der Schwäbischen Alb moderne Lastenräder baut. Gemeinsam mit dem Tübinger Transportdienst Velocarrier hat Radkutsche-Chef Stefan Rickmeyer ein Lieferrad für den Stadtverkehr entwickelt. Ein Dutzend davon wartet in einer Garage an der Stuttgarter Schwabstraße auf seinen Einsatz.

Neue Perspektiven für die Stauhauptstadt Stuttgart

Seit Mai 2016 liefert der Tübinger Kurierdienst Velocarrier auch in der baden-württembergischen Landeshauptstadt aus. "Stuttgart ist die erste richtige Metropole für uns. Wir sind genau zum richtigen Zeitpunkt gestartet", zeigt sich Sebastian Bühler, Vertriebsleiter von Metropol Velocarrier, überzeugt. Deutschlands Staustadt Nummer eins kämpft seit zehn Jahren einen schier aussichts­losen Kampf gegen die vor allem verkehrsbedingte Luftverschmutzung, die der Bundesregierung im November 2014 sogar eine Abmahnung wegen deutlich überschrittener Feinstaubwerte von der EU-Kommission eingebracht hat.

Von Feinstaubalarm über blaue Plakette bis Fahrverbote

Passiert ist seitdem zu wenig. Im April rief die Stadt Feinstaub­alarm aus und forderte dazu auf, freiwillig das Auto stehen zu lassen. Gebracht hat es wenig. Bis 2020 will Oberbürgermeister Fritz Kuhn (Bündnis 90/Die Grünen) jedoch die Grenzwerte einhalten und dazu ab 2019 im Kampf gegen Stickoxide und Feinstaub eine blaue Plakette einführen.

Vertriebsleiter Bühler und Velocarrier-Gründer Raimund Rassillier haben sich nicht nur die Schwabenmetropole vorgenommen. Nach der Gründung im Herbst 2014 folgte Esslingen im Oktober 2015, dann in 2016 Stuttgart, Gießen, Würzburg und Bochum. Weitere Interessenten sind Reutlingen, Metzingen, Freiburg und Ulm. "Wir haben aktuell noch 30 Städte und Kommunen, die unser System übernehmen wollen", sagt Bühler.

Zum Start sucht Velocarrier einen Lizenznehmer, der vor Ort die Mitarbeiter anstellt, Kunden betreut und neue Aufträge akquiriert, während die zentrale Dispo­s­i­tion die Fahrten von Tübingen aus steuert und überwacht. Mit Echtzeitdaten wird die Sendungsverfolgung ermöglicht, bei Übergabe erhält der Kunde eine reine Quittung. "Wir lassen den Lizenznehmern aber größtmög­liche Freiheit bei der Gestaltung", versichert Bühler.

Same Day und klimafreundlich im Stadtgebiet

Velocarrier kommt Stuttgart wie gerufen, könnte man meinen. Doch während im vergleichsweise kleinen Tübingen jede Woche rund 200 Sendungen mit drei ­Rädern zugestellt werden, ist in Stuttgart noch Luft nach oben. Derzeit sind es wöchentlich circa 400 Sendungen. Viele Einzelhändler muss Bühler vom Velo-Service erst noch überzeugen.

Den CO2-freien Lieferdienst nutzt aber bereits Dilaver Gök, Blumenhändler in der Schwab­stra­ße. Apotheken und auch der Lebens­mit­tel­han­del nutzen die Kühlboxen, von denen jedes Rad ein Dutzend mitnehmen kann. In der sommerlichen Hitze schützen bis zu acht, in Storopack-Boxen gelegte Kühlakkus die empfindliche Ware – die kalte Luft strömt durch Schlitze im Deckel, ohne diese zu beschädigen.

Mit dem Pedelec zum Endkunden

Im Winter halten die Boxen auch Frost ab. An Bord sind auch Buchhändler und Haushaltswarengeschäfte.  Bis 16 Uhr bestellt, kommt die Ware am selben Tag an. Seine 25 Kurierfahrer erhalten 10,50 Euro Stundenlohn und legen in ihrer Fünf-Stunden-Schicht bis zu 50 Kilometer zurück. Grün ist der Transport nur, wenn der Strom für die Pedelecs regional und nachhaltig produziert wird, daher kommt der Ökostrom von den Stadtwerken Stuttgart.

Lückenschluss im Stückgut-Segment

"Die letzte Meile ist immer am teuersten", sagt Logistiker Bühler, der vor seinem Radstart 20 Jahre bei konventionellen Speditionen in Führungsverantwortung tätig war. Letztlich schließt Velocarrier eine Lücke im Stückgutsegment beim Versand von Kleinsendungen. Dabei wird die Ware entweder innerhalb der Stadt per Velo transportiert oder mit dem Rad beim Kunden abgeholt – "wir ersparen ihm den Gang zur Post" – und zum Hauptlager gebracht, wo ein DPD-Transporter die Waren einmal täglich abholt. "Wir wollen Partner der Paketdienstleister und Spediteure auf der letzten Meile sein", sagt Bühler, "dank des Hub-and-Spoke-Systems können wir unsere Preise garantieren."

Weil der Onlinehandel weiter wächst - laut Statista-Prognose innerhalb von fünf Jahren von 24,6 auf 73 Milliarden Euro Umsatz in 2017 -, müssten sich die lokalen Händler mit gutem Service wappnen, ist sich Bühler sicher, zum Beispiel durch CO2-freie, taggleiche Lieferungen an ihre Kunden. Gewinnen will Velocarrier auch Großunternehmen mit Werkverkehren wie Bosch, Daimler oder Porsche. "Hunderte von Sendungen werden täglich von A nach B gefahren, darunter auch viele Kleintransporte." Nur überzeugen muss er diese Kunden noch - zum Wohle des Stuttgarter Stadtklimas.

Das Angebot
  • Hersteller: Radkutsche, Mössingen. Pedelec mit Aluleichtbau­transportbox (Maße in cm: 130 × 130 × 80)
  • Maximal 250 Kilogramm pro Einzelfracht
  • Bis zu zwölf Kühlboxen für empfindliche Fracht
  • In Stuttgart (Same Day) und bundesweit (ein bis drei Tage) kostet ein Paket je nach Gewicht zwischen 4,99 und 9,99 Euro, Retouren zwei Euro

Portrait

Autor

Foto

Velocarrier

Datum

26. September 2016
5 4 3 2 1 0 5 0
Kommentare
Kostenloser Newsletter
Newsletter Small

+++ Tests +++
+++ News +++

Und immer bequem und kostenlos per E-Mail.