Erwerb- und Familienarbeit Zoom

Projekt Pflegekoffer: Schnelle Hilfe

Immer mehr ältere Menschen bedürfen der Pflege durch Angehörige. Unternehmen können einiges tun, um betroffene Mitarbeiter zu unterstützen –  damit sich Erwerbs- und Familienarbeit besser vereinbaren lassen.

Die Themen Pflege und demografische Alterung der Gesellschaft sind in Deutschland zum Dauerbrenner geworden. Die Zahl der Pflegebedürftigen wird bundesweit kontinuierlich steigen: bis 2020 laut Statistischem Bundesamt auf mehr als 2,8 Millionen Bundesbürger. Im Jahr 2009 waren dies noch 2,34 Millionen Menschen, von denen 69 Prozent zu Hause versorgt wurden. Zwei Drittel wurden komplett von ihren Angehörigen betreut, ein Drittel zusätzlich durch ambulante Dienste. Bereits heute sind 23  Prozent der pflegenden Angehörigen auch erwerbstätig.

Das Projekt: Betrieblicher Pflegekoffer

Frauen sind dabei oft mehrfach belastet, da Kindererziehung, Job und Pflege der Eltern heute zeitlich zunehmend zusammenfallen, berichtet Dr. Floriane Schmied, wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Institut für Abfall-, Abwasser-, Site- und Facility Management (INFA-ISFM) der Fachhochschule Münster. Im Kreis Coesfeld hat sie gemeinsam mit der Wirtschaftsförderung (wfc) als Projektleitung und der Familienbildungsstätte Dülmen das Projekt "Betrieblicher Pflegekoffer" entwickelt und wissenschaftlich begleitet.

Ziel des 2010 gestarteten Projekts war es, die Vereinbarkeit von Arbeit und Pflege in Unternehmen zu fördern. Dazu wurden Management und Mitarbeiter von sieben teilnehmenden Betrieben zu ihrem Bedarf befragt. Im Anschluss der Auswertung entwickelten die Projektpartner dann ein Instrumentarium. Dieses sollte praxisnah und unkompliziert bei der Orientierung helfen, wenn plötzlich ein Pflegefall im Kollegium eintritt.

Eine Checkliste mit Ansprechpartnern

Der Pflegekoffer enthält eine Checkliste mit Ansprechpartnern für ein tragfähiges häusliches Pflegearrangement, liefert rechtliche und steuerliche Fakten rund um die Pflege sowie regionale Adressen. Und er hilft dabei, betriebliche Vertrauenspersonen zu Pflegelotsen auszubilden. Zielgruppe sind vor allem kleine und mittlere Unternehmen (KMU), wie sie auch in der Transportbranche anzutreffen sind.

Im Notfall ist guter Rat dank des Pflegekoffers ausnahmsweise nicht teuer. Ein Koffer kostet rund 70 Euro. Ein im Unternehmen etablierter und durch die Familienbildungsstätte Dülmen ausgebildeter Pflegelotse gibt dem Thema ein Gesicht und hält es am Leben. Er oder sie ist sozusagen als beratender Ersthelfer vor Ort, um den Kontakt zu den richtigen Stellen zu vermitteln, sodass keine Zeit verloren geht. "In der Regel liegt ein akuter Fall vor und der Mitarbeiter braucht schnelle Unterstützung", sagt Schmied.

Der betriebliche Pflegekoffer nutzbar für jedes Unternehmen

Zum Pflegelotsen schulen lassen sich oft Mitarbeiter der Personalvertretung, aus dem Management oder auch ehemalige Kollegen im Ruhestand, die persönliche Erfahrungen mitbringen. Wie viele Lotsen in einem Unternehmen benötigt werden, hängt allerdings von den Strukturen ab.

Von den Vorzügen des Projektes ist die Wissenschaftlerin Schmied absolut überzeugt: "Das Beste am betrieblichen Pflegekoffer ist, dass er für jedes Unternehmen nutzbar ist, gleich welcher Größe und Branche." Er beantworte einen Großteil der Fragen, die in einem akuten Pflegefall auftreten, und werde so diesem komplexen Thema gerecht. "Er ist für Arbeitgeber und -nehmer gleichermaßen passend und bietet einen einfachen Einstieg zum Thema", erklärt die Wissenschaftlerin.

Das beteiligte Institut wertete den Pflegekoffer aus

In der dritten Projektphase erfolgte die Auswertung des Pflegekoffers durch das beteiligte Institut: Wie praxistauglich ist er wirklich? 
Sowohl die befragten Mitarbeiter als auch gehörte Pflegeexperten lobten den Koffer als praxisnah, informativ und sehr gut verständlich. Tipps zur Optimierung wurden eingebaut und der Pflegekoffer an die am Projekt beteiligten Unternehmen übergeben. Sie testen das Instrumentarium nun in der Praxis.

Zwar haben sich an der Entwicklung des Pflegekoffers keine Unternehmen aus der Logistik- und Transportbranche beteiligt. Doch das Thema sei auch für diese allemal relevant, ist Schmied überzeugt.

Die Pflegestützpunkte, -kassen und -beratungsstellen

Frauen leisten mit rund 70 Prozent immer noch den Hauptteil der Pflege ihrer Angehörigen. "Immer mehr Männer werden sich jedoch mit dem Thema Pflege auseinandersetzen müssen", sagt Schmied. Die Gründe lägen in der Zunahme von Single-
und kinderlosen Haushalten und der steigenden Erwerbsarbeit von Frauen. Sie könne sich gut vorstellen, dass besonders für Berufskraftfahrer, die viel unterwegs sind, ein Pflegelotse als fester Ansprechpartner vor Ort in der Spedition ein Gewinn sei. Immer mehr Einheiten sind über Telematik an die Zentrale angebunden und so könnten Kontakte und Informationen zu Pflegefragen auch während der Tour abgerufen werden. Die Pflegestützpunkte, -kassen und -beratungsstellen haben leider eben nur dann geöffnet, wenn die meisten Fahrer unterwegs sind.

Auch das Familienministerium des Landes Nordrhein-Westfalen ist vom Nutzen des Pflegekoffers überzeugt. Auf seiner Internet-Aktionsplattform Familie@Beruf.NRW hat es Ideen zur besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf bei einem Wettbewerb prämiert. Bis heute wurden mehr als 30 Projekte ausgezeichnet. In der ersten Runde war das Coesfelder Projekt auf dem Siegerpodest. "Wir waren eines der ersten, das sich mit dem Thema Pflege befasst hat", sagt Schmied nicht ohne Stolz.

Transparenz und Wahrnemung von familiären Hintergründen

Für familienbewusstere Betriebsstrukturen kann dies nur ein Baustein sein. Laut Familienministerium NRW müssen vor allem die Führungskräfte zur Gestaltung motiviert sein. Am besten gehen Manager selbst mit gutem Beispiel voran und nutzen bei Bedarf familienfreundliche Angebote. Sie sollten dafür Sorge tragen, alle Mitarbeiter zu informieren und deren familiären Hintergrund wahrnehmen, schlägt das Ministerium im Rahmen eines Leitfadens vor, den es als Download auf der Aktionsplattform Familie@Beruf.NRW gibt. Neue Ideen und Verbesserungsvorschläge vom Personal sollten vom Management außerdem zügig bearbeitet und sinnvolle Vorschläge rasch umgesetzt werden.

Eine familienfreundliche Firmenpolitik zahlt sich nicht nur für betroffene Mitarbeiter aus, heißt es dort weiter. Auch das Unternehmen gewinnt 
dabei, nämlich Mitarbeiter. Bei den Top 25 der familien-
bewussten Unternehmen kehrten diese mit nahezu 75 Prozent aus der Elternzeit ins Unternehmen zurück. Bei den Low 25 mit der schlechtesten Familienpolitik lag der Wert nur bei rund 60 Prozent, hat eine Studie des Forschungszentrums Familienbewusste Personalpolitik von 2008 ergeben.

Deutschlandweite Afragen

Auch beim Thema Fachkräftegewinnung zeichnet sich Familienpolitik im Unternehmen aus: Potenzielle Mitarbeiter mit besonders wichtigen Qualifikationen bewarben sich laut der Studie um 25 Prozent häufiger bei den Top-25-Betrieben.
Zwar ist das Projekt betrieblicher Pflegekoffer formal abgeschlossen, doch können interessierte Unternehmen das Angebot weiter nutzen und für sich anpassen. "Das Schönste ist, dass sich unser Projekt herum spricht und wir mittlerweile Anfragen aus ganz Deutschland haben", freut sich Schmied.

"Abgesehen von den Adressen sind alle Informationen so allgemein gültig, dass sie für jede Unternehmensgröße und alle Branchen einen hohen Nutzwert haben", betont sie. Ab Herbst 2012 liegt der Koffer in der dritten aktualisierten Auflage vor und kann bei der Wirtschaftsförderung Coesfeld (www.wfc-kreis-coesfeld.de) bestellt werden.

Dialog

Im Rahmen eines Branchenforums Personal des Bildungswerks Verkehr Wirtschaft Logistik NRW stellt Floriane Schmied von der FH Münster den betrieblichen Pflegekoffer vor. Die Veranstaltung am Mittwoch, den 11. Juli, findet von 9.30 bis 14.30 Uhr in der Akademie Mont-Cenis in Herne statt. Infos und Anmeldung unter www.vvwl-transport.de, Rubrik Veranstaltungen.

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Datum

13. Juli 2012
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