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Prävention: Spinnennetz für Sicherheit

Das wichtigste Glied in der Sicherheitskette ist der Parkplatz. Davon ist Ronny Pflug überzeugt. Esporg heißt das Konzept gegen Ladungsdiebe, an dem der Wörnitzer Autohof-Chef bastelt.

Wie Spiderman sieht Ronny Pflug mit seinem Lockenschopf und der dunklen Brille zwar nicht aus. Doch sein System legt sich wie ein Spinnennetz für Sicherheit über Europa. Wenn der Crailsheimer in seinen Dress von Esporg (European Secure Parking Organisation) schlüpft, kämpft er mit Engagement gegen kriminelle Kräfte, allerdings nicht in Manhattan, sondern in Europa. "Damit dem Fahrer, der Ladung und dem Lkw nichts passiert und die Lieferung pünktlich ans Ziel kommt", hat der Betreiber des Autohofs Wörnitz am Autobahnkreuz A 6/A 7 viele Partner eingebunden und wirbt auf allen Ebenen für sein Thema. Dieses ist komplex und die Problematik verschärft sich von Jahr zu Jahr. "Die wirtschaftlichen und die Imageschäden für die von Ladungsdiebstahl betroffenen Unternehmen sind enorm", sagt Pflug. Sie summieren sich auf geschätzte 8,5 Milliarden Euro pro Jahr in Europa. Am Sicherheitsnetz für Europa weben viele Partner. Mit der Tankkarte von UTA bezahlen die Fahrer die Parkzeit: 2,94 Euro für die erste Stunde und 21 Euro ab Stunde sieben in Wörnitz. Der ADAC Truck Service informiert die Fahrer über sichere Lkw-Parkplätze. Mit sieben Autohöfen gestartet, zählt der Verein heute 28 Mitglieder.

Pilotprojekt Setpos macht den Anfang

Am Anfang stand das EU-geförderte Pilotprojekt Setpos mit fünf zentralen Autohöfen in Europa: Wörnitz in Süd- und Uhrsleben in Norddeutschland, Valenciennes in Frankreich, Ashford in England und Liège in Belgien. Die EU-Kommission förderte mit 10,8 Millionen Euro den Aufbau eines Netzes an Sicherheitsparkplätzen als Reaktion auf steigende Überfälle auf hochwertige Waren und Lkw-Fahrer. Ronny Pflugs Ziel, ein vollautomatischer Parkplatz ohne Personal, wurde zunächst belächelt. Doch es hat geklappt, bei Kosten von 100.000 Euro allein für die Technik und ebenso viel für Zäune, Schranke und mehr. Vor der Einfahrt zieht der Fahrer vom Lenkrad aus ein Ticket und wird dabei gefilmt, ebenso das Kennzeichen, das aufs Ticket gedruckt wird. Schranke und Schnelllauftor öffnen sich und beim Einfahren wird der Lkw von allen Seiten aufgezeichnet. Ein Rechner im rund um die Uhr besetzten Tankstellenshop speichert alle Daten. Der Fahrer stellt den Lkw ab und kann mit dem Ticket durch die videoüberwachte Fußgängertür zum Restaurant, zur Sauna oder zum Einkaufen gehen. Vor der Abfahrt lässt er sein Ticket im Shop abrechnen und freischalten, dort werden die Daten geprüft und er hat 20 Minuten Zeit, um den Parkplatz zu verlassen. Wenn etwas nicht stimmt, bleibt der Lkw drinnen. Größtes Problem: "Das Setpos-Projekt war beendet, aber das Marketing hatte die EU vergessen", sagt Pflug. Wie konnten die Spediteure, Verlader und Fahrer von den sicheren Parkplätzen erfahren? Durch den Zusammenschluss von sieben Autohöfen zur Esporg mit Sitz in Brüssel konnten sie Mitglied bei der Sicherheitsorganisation Tapa werden und waren so in der weltweiten Öffentlichkeit. Nach dem schleppenden Start ist der Parkplatz nach zwei Jahren zu 40 Prozent ausgelastet. Wann er die 200.000 Euro an eigenen Investitionen wieder drinnen hat, weiß Pflug nicht. Doch das Konzept lohne sich für ihn trotzdem, denn die zusätzlichen Fahrer kaufen auch ein und gehen im Autohof etwas essen.

Wirtz bietet ein Sicherheitskonzept für High-Value-Transporte

Im Wettbewerb um Kunden bietet die Spedition Wirtz aus Bornheim ein Sicherheitskonzept für High-Value-Transporte. Zigaretten, Elektronik und PC-Spiele lassen sich leicht weiterverkaufen und sind daher interessant für Diebe. Damit die Tour quer durch Europa, etwa von Helsinki nach Lissabon, trotzdem ohne Störungen ankommt, werden die elektrisch gesicherten Lkw GPS-überwacht und von extra geschultem Personal gelenkt. In einem Hochsicherheitslager wartet die begehrte Ware bis zur Abfahrt. Welche Routen ihre Lkw besser meiden, weiß die Spedition Wirtz durch ihre Mitgliedschaft bei Tapa, der größten Sicherheitsorganisation für die Transport- und Logistikbranche mit weltweit 300 Mitgliedern. Bei einer Tapa-Konferenz hat Dieter Guckes, Prokurist bei Wirtz, Ronny Pflug kennengelernt und sich von dessen Netzwerk überzeugen lassen. "Das Esporg-Konzept setzt sich immer mehr durch, weil es neben der Sicherheit auch das Wohl der Fahrer im Blick hat. Wir nutzen die Sicherheitsparkplätze, weil sie in unser Konzept passen und von den Kunden verlangt werden", sagt Guckes. Auf einer Liste von rund 50 möglichen Maßnahmen sind sichere Parkplätze eine: 50 Euro mehr veranschlagt Guckes dafür bei einer Fahrt von Köln nach Madrid. Ein Rundum- Sicherheitspaket kostet zwischen 100 und mehr als 1.000 Euro, je nachdem, ob etwa noch ein Begleitfahrzeug die Tour bewacht oder ein Transport mangels sicherer Parkplätze umgeleitet werden muss.

Diebe sind mit Sauerstoffbrennern unterwegs

"Wir stehen in ständigem Wettbewerb mit den Kriminellen. Wir denken uns ein neues Sicherheitskonzept aus und die finden eine passende Methode, das System zu knacken", sagt der Sicherheitsexperte. Neuerdings sind Diebe mit Sauerstoffbrennern unterwegs, um Sicherheitsschlösser zu schmelzen. "Damit schneiden sie das Schloss in Sekunden durch", erklärt Guckes. Wohin geht die Entwicklung? "Es wird mehr sichere Parkplätze geben, weil die Zahl der Übergriffe zunimmt und die Räuber brutaler werden", ist er überzeugt. Nur rund 50 Parkplätze in ganz Europa stuft er als sicher ein. Auch im neuen Jahr knüpft die Esporg an ihrem Sicherheitsnetz: Zu den aktuell 28 sollen weitere Autohöfe in Litauen, Estland, Italien, Österreich, Skandinavien und der Slowakei hinzukommen, um das Netz zu schließen. Dafür fordert Ronny Pflug mehr Geld vom Bund und der EU. Schließlich profitieren alle von sicher geparkten Lkw: die Kunden, Speditionen, Fahrer und die anderen Teilnehmer im Straßenverkehr. Denn wer beruhigt schlafen kann, baut auch seltener einen Unfall.

Foto

Claudia Wild

Datum

20. Dezember 2011
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