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Personalmangel in Werkstätten: Ursachen für fehlende Mitarbeiter

Mitarbeiter für Werkstätten werden händeringend gesucht – vom Azubi über Mechaniker und Servicemitarbeiter bis hin zu Werkstattmeistern. Doch der Markt scheint leer gefegt. Woran liegt das?

"Wir haben in den vergangenen beiden Jahre keine Lehrlinge gefunden. Insgesamt interessieren sich kaum noch Schüler für den Beruf, aber auch Altgesellen sind schwer zu finden, sagt Thomas Schulze, Betriebsleiter Volvo Truck Center Ost in Wildau. Einen der Gründe für die Misere vermutet er in den Arbeitszeiten der Branche: "Manchmal muss der Lkw noch am Samstagnachmittag oder am Abend fertig werden, da kann man nicht pünktlich Feierabend machen." Dierk Conrad, Geschäftsführer der Berger Karosserie- und Fahrzeugbau GmbH in Frankfurt am Main, bestätigt den Mangel: "Vor allem im Lkw-Reparaturbetrieb ist es extrem schwer, Personal zu finden."

Zwar sei die Arbeit in der Werkstatt hart, dafür aber auch sehr abwechslungsreich. Zudem hätten die Mitarbeiter mit moderner Technik und Diagnosegeräten zu tun. Im Fahrzeugbau sei es hingegen etwas einfacher, Mitarbeiter zu finden.

Zahl der offenen Stellen stark angestiegen

Was die Werkstätten bei der Personalsuche erleben, bestätigen die Zahlen der Bundesagentur für Arbeit. Sie sprechen eine deutliche Sprache: Zwischen August 2015 und August 2016 hat die Zahl der arbeitslosen Personen mit Berufen in der Kfz-Technik um 761 abgenommen, das entspricht einem Rückgang um 7,4 Prozent. Hingegen ist im gleichen Zeitraum die Zahl der offenen Stellen um 1.400 gestiegen, was einem Zuwachs von 12,3 Prozent entspricht.

Zwar unterscheidet die bundesweite Statistik für Beschäftigte der Kfz-Branche nur nach "Fachkraft", "Spezialist" und "Experte" und nicht zwischen Pkw- und Nutzfahrzeugbetrieben oder Werkstätten und Herstellern, aber der Trend ist eindeutig.
Das hat auch TIP Trailer Services erfahren. Das Unternehmen mit Hauptsitz in Amsterdam ist europaweit tätig. Zu den Leistungen gehören Trailer-Miete, -Wartung und ­Reparatur sowie weitere Serviceleistungen für Transport- und Logistikkunden. Europaweit unterhält TIP ein Netz aus eigenen Werkstätten und Werkstätten von Kooperationspartnern.

TIP ist auf Expansionskurs

Iris Henne verantwortet von Hamburg aus mit einem Team von drei Mitarbeitern den Bereich Personal für Zentral- und Osteuropa. Sie ist zuständig für Deutschland, Öster­reich, Tschechien, Rumänien und Polen. Bis Ende des Jahres möchte sie für zwölf TIP-Standorte in Deutschland und einen in Österreich 20 Mitarbeiter einstellen. TIP ist auf Expansionskurs, die eigenen Werkstätten sollen ihre Öffnungszeiten ausweiten, neue Werkstattbahnen sollen eingerichtet werden. "Wir wollen möglichst viele eigene Mitarbeiter an Bord haben", sagt Henne.

TIP präsentiert sich als freundlicher und attraktiver Arbeitgeber. "Wenn Mitarbeiter eine wertschätzende Umgebung suchen und einen sicheren Arbeitsplatz haben möchten, sind sie bei uns genau richtig", sagt Henne. "Bei uns zählt der Mensch, auch ältere Mitarbeiter sind uns sehr willkommen", betont sie. Das Unternehmen biete gute Konditionen, die Gehälter seien nicht tarifgebunden. Zwar sucht TIP ausgebildete Fachkräfte, besteht aber nicht unbedingt auf formalen Qualifikationen, mit Ausnahme der Meister. "Wir qualifizieren unsere Mitarbeiter gerne selbst", sagt Henne. Und wenn Zeitarbeitnehmer in den Werkstätten eingesetzt werden, ist TIP daran interessiert, sie zu übernehmen.

Jugendliche bevorzugen bekannte Unternehmen

Um neue Mitarbeiter zu finden, lässt sich die Personalverantwortliche einiges einfallen: "Wir präsentieren uns auf Messen und demnächst auch auf Ausbildungsmessen, wir beauftragen Personaldienstleister und Headhunter, wir kooperieren mit der Arbeitsagentur." Der Erfolg sei aber je nach Standort unterschiedlich. "In München konkurrieren wir mit großen Herstellern. Auch die Wohnungssituation bremst uns aus. Wir denken sogar darüber nach, Wohnungen für neue Mitarbeiter anzumieten." Ähnlich sehe es in Stuttgart aus. In Rheda-Wiedenbrück hingegen, einer mittelgroßen Stadt in Nordrhein-Westfalen, laufe es gut bei der Personalsuche: "Dort bekommen wir die Mitarbeiter, die wir uns wünschen.

Insgesamt, erklärt Henne, sei das Bild also gemischt. Viele Jugendliche seien auf Marken fixiert und bevorzugten Unternehmen mit bekannten Namen. Zudem sieht sie einen wichtigen Grund für die Personalflaute darin, dass während und nach der Wirtschaftskrise 2008 zu wenig ausgebildet wurde.

Rezepte gegen Personalmangel

Das bestätigt Joachim Syha, Referent für Berufsbildung beim Zentralverband Deutsches Kraftfahrzeuggewerbe (ZDK) in Bonn. Der Kfz-Meister und Diplom-Ingenieur nimmt die Unternehmen in die Pflicht: "Wenn ein Betrieb sagt, ich bekomme kein Personal, dann heißt das auch: Wir bilden nicht oder zu wenig aus." Auch an der Attraktivität als Arbeitgeber müsse das eine oder andere Unternehmen arbeiten. Ein Personalmangel sei immer auch ein Ansporn, mehr Initiative zu zeigen. Allerdings, so räumt er ein, seien Jugendliche heute weniger bereit als in früheren Zeiten, sich heimatfern ausbilden zu lassen: "Die Mobilität bei Jugendlichen hat abgenommen."

Als Rezepte gegen den Personalmangel empfiehlt er den Unternehmen drei Dinge: ein Konzept zu entwickeln, wie die Personalsuche systematisch angegangen werden kann, mehr auszubilden und stärker mit den Agenturen für Arbeit vor Ort zusammenzuarbeiten. "Mit denen kann man eventuell Sonderprogramme aushandeln, gerade für Jugendliche, die Defizite haben", sagt Syha.

Autor

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Messe Frankfurt

Datum

29. November 2016
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