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Permanentes Überholverbot: Fahrer im Dauerstress

Bis auf zwei Abschnitte in Österreich herrscht vom Inntal-Dreieck bis Modena ein permanentes Überholverbot für Lkw-Fahrer. Eintönigkeit am Steuer und gefährliche Kolonnenbildung sind die Konsequenzen.

Der Südtiroler Lkw-Fahrer Markus Dissertori aus Tramin ist mit seinem schwarzen Scania in ganz Europa unterwegs. Die "Heimstrecke" unseres Profis ist aber die Autobahn zwischen Modena und Inntal-Dreieck. Das sind rund 460 Kilometer. "Der größte Stressfaktor ist für mich dabei nicht der Termindruck", erklärt Dissertori. "Damit kann ich umgehen. Für mich und sicher viele meiner Kollegen ist es das permanente Überholverbot auf der gesamten Strecke."

Die Brennerstrecke ist eine der wichtigsten Nord-Süd-Achsen in Europa. Täglich fahren dort nach einer Studie der Berufsgruppe Transporte im Südtiroler Wirtschaftsverband Handwerk und Dienstleister (LVH) 5.800 Lkw in beide Richtungen. Dabei habe es eine starke Verschiebung der Nationalitäten gegeben, berichtet Elmar Morandell, Geschäftsführer von EMT Transport in Kaltern und Obmann der rund 380 Frächter im LVH. "2011 kamen von zehn Fahrzeugen vier aus Westeuropa und sechs aus den mittel- und osteuropäischen  Staaten", sagt der Chef von Markus Dissertori. "2015 waren es bei insgesamt 20 Fahrzeugen noch vier aus Westeuropa. Das größte Wachstum verzeichnen also die Flotten aus Osteuropa."

Tödliche Unfälle

Am Wochenende bietet sich auf den Raststätten entlang der A 22 dasselbe Bild, das auch von den deutschen Ost-West-Transit­achsen bekannt ist: Bis auf den letzten Platz sind die Parkplätze belegt. Vor allem Lkw aus Osteuropa stehen dort, Fahrzeuge aus Deutschland sind seltener geworden. Ende Februar war an einem Samstagmorgen ein Kleintransporter auf der A 22 in Richtung Norden nach rechts von der Fahrbahn abgekommen und ungebremst in das Heck eines Lkw aus Litauen geknallt. Der Lastwagen stand in der Einfahrt zu einer überbelegten Rastanlage. Der Fahrer des Transporters ließ dabei sein Leben.

So wie in Deutschland sitzen auch die Fahrer auf der Brenner-Route am Wochenende fest. In Italien herrscht von Oktober bis Mai ein Sonntagfahrverbot von 8 bis 22 Uhr, von Juni bis September sogar von 7 bis 22 Uhr. Mit Folgen: "Gerade bei den Fahrern aus Osteuropa steigt dann die Gefahr des übermäßigen Alkoholkonsums", sagt Morandell. "Jeder weiß das, aber keiner tut was dagegen."

Der langsamste Lkw gibt das Tempo an

Dissertori ist besorgt. "Das wird leider immer von den Medien totgeschwiegen", klagt er. "Auch die starke Zunahme von Auffahrunfällen mit tödlichem Ausgang auf der Strecke wird hingenommen. Es vergeht keine Woche, in der es nicht rumst. Auf der Strecke haben die Verkehrsplaner den zunehmenden Transitverkehr schlicht und einfach verschlafen. Die A 22 ist schon lange nicht mehr zeitgemäß. Die billigste und einfachste Lösung ist dann das Überholverbotsschild. Tote Lkw-Fahrer verschwinden in irgendwelchen Statistiken."

Vom Beifahrersitz seines Scania ist es deutlich zu erkennen: Der langsamste Lkw gibt das Tempo der Kolonne an. Vier, fünf Fahrzeuge fahren als Gruppe durch die schöne Landschaft im Etschtal, mal mit, mal ohne den vorgeschriebenen Sicherheitsabstand von 50 Metern. "Aus Sicht eines Fahrers bedeutet das permanente Überholverbot permanenter Stress", beschreibt Dissertori. "Es gibt Tage, da ist die Lastwagenschlange fast einen Kilometer lang und richtet sich auf den vordersten und damit den langsamsten Lkw aus. Da brauchst du Nerven wie Drahtseile."
Hinzu kommt: Von Bozen Süd bis Klausen verschärft ein für beide Fahrtrichtungen gültiges Tempolimit von maximal 60 km/h für Lkw zusätzlich das Problem. "In Stoßzeiten kommt der Schwerverkehr oft bis zum Stillstand", beschreibt Dissertori und malt den schlimmen Zustand sogar noch weiter aus. "Man stelle sich vor, der Erste von 50 Lkw fährt gerade mal 60 oder 58 km/h, dann kommt der Letzte durch kontinuierliches Abbremsen zum Stillstand. Genau in dieser heiklen Situation ist es bereits oft zu fatalen, teils tödlichen Auffahrunfällen gekommen. Und ehe man sich versieht, steht alles. Im Sommer wird es durch die unzähligen Baustellen noch viel schlimmer."

Hilfsbereitschaft wird unterbunden

Aber nicht nur das. Hilfsbereitschaft, wie sie Fahrer untereinander gerne zeigen, ist auf der zweispurigen Inntal-Strecke nicht erwünscht. "Wenn ein Lkw aus einer Tankstelle oder Autobahneinfahrt in die rechte Fahrspur will, und ich schere nach links auf die Überholspur aus, um ihm ein sicheres Einfädeln in den fließenden Verkehr zu ermöglichen, dann wird das in Italien und Österreich als Überholvorgang geahndet." Dafür findet Dissertori drastische Worte: "Zum Abkassieren von uns Lkw-Fahrern ist jedes Mittel recht, die Verkehrssicherheit bleibt auf der Strecke." Die Alternative wiederum kann schnell zu einer gefährlichen Kettenreaktion führen: "Bremse ich in dieser Situation und lasse den Kollegen einscheren, dann kann ich nur hoffen, dass hinter mir alle anderen Fahrer zu Hundert Prozent konzentriert sind und nicht auffahren. Aber wer ist schon immer konzentriert, wenn er stundenlang immer dasselbe Heck des Vordermanns sieht und keine Chance hat, zu überholen."

Ertappt die Polizei einen Fahrer beim Überholen auf frischer Tat, sind die Strafen in Italien drastisch. Die Polizia Stradale fährt Streife. "Du zahlst auf der Stelle 321 Euro Strafe, der Führerschein wird für zwei bis sechs Monate sofort eingezogen und es gibt zehn von 20 Punkten Abzug. Bei null Punkten erlischt zeitweilig die Fahrerlaubnis für Italien." Mit der Polizei auf der A 22 sei nicht zu spaßen, warnt Markus. "Selbst wenn sie auf der anderen Seite entgegenkommen, drehen sie um und schnappen dich. Also besser in der Kolonne bleiben. Die Polizeidichte ist auf der Strecke extrem hoch, Überholen ist wie russisches Roulette."

Autor

Foto

Jan Bergrath

Datum

29. März 2016
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