Lkw-Rastplatz 6 Bilder Zoom

Parkplatzmangel: In Österreich fehlen 1.600 Stellplätze

Und ewig grüßt das Murmeltier – Lkw-Fahren bedeutet jeden Abend die Suche nach einem freien Parkplatz, auch in Vorarlberg, Österreich.

Die Uhr tickt, die Lenkzeit geht gnadenlos ihrem Ende entgegen. Doch der erste bewirtschaftete Rastplatz an der A 14 nach dem Arlbergtunnel in Richtung Bregenz, Hohenems, ist rappeldicht. Schweißperlen glänzen auf Richards Stirn. Wo soll er sich jetzt hinstellen? Und vor allem: Wann? Der nächste bewirtschaftete Übernachtungsplatz ist die Rastanlage Illertal an der A 7 – in 108 Kilometer Entfernung. Und der Tachograf ist unbestechlich.Das Problem ist bekannt und überschreitet die Grenzen.

FERNFAHRER hat sich in Österreich umgeschaut: Auch dort gibt es zu wenig Parkflächen. In den letzten Jahren wurden zwar neue Raststationen gebaut und weitere werden folgen, nur eben nicht in Vorarlberg. Seit Juni 2011 ist die neue Raststation Brennerpass an der A 13 Brennerautobahn in Betrieb. Die ASFINAG (die österreichische Autobahnen- und Schnellstraßen- Finanzierungsaktiengesellschaft) will die Zahl ihrer großen Pausenplätze ausbauenund zahlreiche kleinere, unbewirtschaftete Anlagen verschwinden lassen. Bis zum Jahr 2020 soll sich im Nachbarland Österreich der Bestand an großen Raststationen um sechs neue Stationen auf 94 erhöhen. Ebenso soll in diesem Zeitraum die Zahl der mittelgroßen Rastplätze von derzeit 25 auf insgesamt 85 steigen. Die 199 kleinen Anlagen werden hingegen reduziert. Es sollen nur noch 20 übrig bleiben.

In Österreich fehlen 1.600 Lkw-Parkplätze

Jeder Fernfahrer weiß: Die Plätze sind dringend notwendig. "Vor allem in den Nachtstunden wird die Suche nach einem Rastplatz entlang der Autobahnen für die Lkw- Lenker oft zur unendlichen Geschichte", sagt der Verkehrsexperte der österreichischen Arbeiterkammer Franz Greil: Rund 1.600 Lkw-Stellplätze fehlten derzeit in Österreich. Auf Park- und Rastplätzen zusammen gibt es dort derzeit laut ASFINAG 4.700 Stellflächen.

Die Alpenrepublik kennt, anders als in Deutschland, auf vielen Autobahnen zudem ein Nachtfahrverbot. Von 22 bis 5 Uhr darf auf vielen Strecken kein Lastwagen über 7,5 Tonnen unterwegs sein. Ausnahmen gibt es nur für lärmarme Fahrzeuge mit L-Tafel. Dazu kommt, dass das Sonntagsfahrverbot bereits am Samstag ab 15 Uhr beginnt und bis Montagmorgen um 5 Uhr dauert, denn zum Sonntagsfahrverbot bis 22 Uhr addiert sich das Nachtfahrverbot.

In dieser Zeit geht für Lkw-Fahrer auf vielen Routen gar nichts mehr. Doch gerade übers Wochenende ist es entscheidend, ob man an einer Raststätte oder irgendwo in der Prärie steht. Und: Die Strafen für eine Überschreitung der Lenkzeit sind in Österreich sogar noch höher als in Deutschland. Wird die zulässige Lenkzeit um mehr als eine Stunde überschritten, ist ein Bußgeld zwischen 200 und 5.000 Euro fällig. Falschparken ist da deutlich günstiger.

Die Parkplatzsuche wird zum Glücksspiel

Dass die Polizei speziell in Vorarlberg wenig Verständnis für die Lkw-Fahrer aufbringt, beweist auch die Tatsache, dass aus Deutschland kommend an der A 14 ein Parkplatz dauerhaft geschlossen und umfunktioniert wurde – ausgerechnet als Kontrollstelle für Lkw. Aber ab dem Arlbergtunnel wird’s auch in Richtung Deutschland schwierig, erklärt Willi Hensler, Sprecher des Fahrerverbands UICR. "An der A 14 abends noch einen Parkplatz zu bekommen kann zum Glücksspiel werden." In Vorarlberg stelle in dieser Richtung die Rastanlage Hohenems an der A 14 gerade mal 48 reguläre Stellplätze zur Verfügung. Dazu kämen 50 weitere "wilde" Parkmöglichkeiten, häufig ohne Sanitäranlagen. Hensler: "Heute gibt es in Vorarlberg nur noch halb so viele Lkw- Parkflächen wie 1988 – und das, obwohl der Lkw-Verkehr ständig zunimmt." Ob in Hohenems noch ein Stellplatz frei ist, weiß der Fahrer vorher nicht.

Ein Parkleitsystem, etwa für parkende Pkw-Fahrer beim Einkaufen, kann sich zwar jede mittelgroße Stadt leisten, auf Autobahnen ist dieser Service bis jetzt die Ausnahme. Anzuerkennen ist allerdings, dass es Pläne gibt, ein Verkehrsleitsystem wie im Großraum Wien nach und nach auch in anderen Teilen Österreichs aufzubauen. Über einige der neu installierten Parkflächen urteilt Hensler: "Nicht alle sind im Sinne der Fahrer gebaut worden." Es sei doch selbst für Nicht-Lkw-Fahrer nachvollziehbar, dass man den Lastzug so parken wolle, dass das Fahrerhaus auf der vom Verkehrslärm abgewandten Seite stehe. Ebenso müsste es gute Sanitäranlagen geben, "und zwar nicht erst in 200 Meter Entfernung". Man kann hoffen, dass solche Fehler beim Bau der neuen Rastanlagen nicht wiederholt werden.

Der Lkw-Verkehr wächst stetig

An den Autobahnen zwischen Flensburg und Bad Reichenhall gibt es derzeit 430 bewirtschaftete und 1.520 unbewirtschaftete Rastanlagen. Zusammen sollen dort insgesamt 21.000 Parkplätze für Lastkraftwagen vorhanden sein. Die in der Vereinigung Deutscher Autohöfe zusammengeschlossenen privaten Rastplatzbetreiber bieten nach eigenen Angaben weitere 18.500 Parkplätze an. Laut Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer sollen bis 2015 insgesamt 15.500 weitere Lkw-Stellplätze gebaut werden. Dafür wolle man 540 Millionen Euro ausgeben, so der Bundesminister. Das hört sich besser an, als es ist. Denn bis 2025 werden Prognosen zufolge bis zu 50 Prozent mehr Lastkraftwagen in Deutschland unterwegs sein als heute.

Auch das Bundesverkehrsministerium ist davon überzeugt, dass noch weitere neue Stellflächen benötigt werden. Für den Zeitraum von 2015 bis 2020 geht Ramsauer von einem Bedarf von weiteren 8.000 Stellflächen aus. Wenn keine Flächen unmittelbar an der Autobahn zur Verfügung stünden, solle auch auf geeigneten Flächen neben der Autobahn gebaut werden. Das Ministerium will dazu mit privaten Investoren zusammenarbeiten. Insofern besteht also Hoffnung, dass sich langfristig sowohl in Österreich als auch in Deutschland die Parkplatzsituation verbessern wird.

Juristen zeigen kein Verständnis

Bis dahin werden noch viele Fahrer wie Richard mit Schweißperlen auf der Stirn vergeblich einen freien Stellplatz suchen und dann vor der Frage stehen, ob sie lieber falsch parken oder – bei höheren Strafen – ihre Lenkzeit überschreiten sollen. Im Extremfall müssen sie ihren Lastzug notgedrungen auf dem Verzögerungsstreifen oder einer anderen nicht erlaubten Fläche abstellen. "Warum parken diese Lastwagenfahrer immer derart gefährlich?", werden sich nach schweren Unfällen dann Richter und Staatsanwälte fragen. Sie kennen zwar ihre Gesetze, haben aber in aller Regel keine Vorstellung davon, wie die Arbeitsbedingungen der Lkw-Fahrer aussehen.

Kaum ein Jurist wird jemals länger in einem Lkw gesessen, auf die Uhr geschaut und verzweifelt einen Parkplatz gesucht haben. Kein Richter wird anerkennen, dass es doch eine logische Überlegung ist, lieber eine geringere Strafe wegen Falschparkens zu riskieren als eine hohe Strafe für das Überschreiten der Lenkzeit. Außerdem wird sich vermutlich kaum jemand im Gericht darüber Gedanken machen, dass eine Nacht im Fahrerhaus direkt am vorbeirollenden Verkehr alles andere als gemütlich und erholsam ist. Dabei muss jeder andere Arbeitgeber seinen Mitarbeitern einen sinnvollen Platz bieten, an dem sie sich in ihrer Pause aufhalten können. Erst recht hat jeder Arbeitnehmer einen Anspruch darauf, dass ihm ordentliche Sanitäranlagen zur Verfügung stehen.

Berufskraftfahrer müssen auf Ihre Rechte bestehen

Für Fernfahrer gelten offensichtlich andere Bedingungen. Ihr Fahrerhaus ist Arbeitsplatz, Pausenraum und Nachtquartier zugleich. In vielen Speditionen könnten zwar die Arbeitsund Lebensbedingungen verbessert werden, etwa durch den Einbau von Standklimaanlagen. An den äußeren Möglichkeiten für das Übernachten hingegen kann der Spediteur nichts ändern. Da ist der Staat gefragt – also genau die Stelle, die Fernfahrer permanent auf ihre Verantwortung für ihr Verhalten im Straßenverkehr hinweist. Es ist lobenswert, dass sowohl in Österreich als auch in Deutschland weitere Parkflächen für Fernfahrer entstehen werden. Auch wird kein Fahrer grundsätzlich gegen Kontrollen sein. Denn es wäre tatsächlich für keinen Verkehrsteilnehmer wünschenswert, dass ein übermüdeter Fahrer mit 40 Tonnen unter sich und vollem Risiko über die Autobahn tourt.

Folglich müssen Fahrt- und Pausenzeiten überprüft werden. Sich auf die Vernunft der Fahrer allein zu verlassen, das funktioniert weder bei Auto- noch bei Lastwagenfahrern. Der Schwerverkehr auf der Straße wird weiter ansteigen. Insbesondere die, die weiteres Wirtschaftswachstum wünschen, sollten erkennen, dass dies nicht ohne zunehmende Transportkapazitäten funktionieren kann. Die Berufskraftfahrer sollen und können ihren Teil dazu beitragen, dass ihr Tun nicht für andere zum Nachteil wird. Aber neben all diesen Pflichten, an die alle immer wieder gerne appellieren, haben Berufskraftfahrer auch Rechte. Zumal das, was Fernfahrer für ihren Arbeitsalltag fordern, eher in die Kategorie "Menschenrechte" anstatt "Sonderwünsche" fällt.

Cleveres Nachbarland

Der Schweiz gelingt es, viel Transportaufkommen nach Österreich zu verlagern.

Wie reduziert man den Lkw-Verkehr im eigenen Land? Indem man ihn in die Nachbarländer verdrängt. Nach der Devise handeln die Eidgenossen. Auch die Schweiz liegt "im Herzen Europas". Sie ist vielleicht politisch unabhängig, aber wirtschaftlich keine einsame Insel. Auch die Schweiz profitiert vom Welthandel und ist daher auf Bahn und Lkw mangels Transportalternativen angewiesen. Trotz dieser Abhängigkeiten gelang es der Schweiz, den Nord-Süd-Lkw-Transit weitgehend ins Nachbarland Österreich zu verlegen.

Über den Brennerpass rollt viel mehr Schwerverkehr als durch den Gotthardtunnel. Denn dort kann genau "dosiert" werden, wie viele Lkw hindurch dürfen – sehr zum Nachteil der ausländischen Fahrer. Das ist auch so gewollt. In einer Art von nationalem Egoismus gelang es so den cleveren Schweizern, viel Transportaufkommen nach Österreich zu verlagern.

Autor

Foto

Dietrich Hub

Datum

31. Januar 2012
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