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Panalpina: Umdenken beim Landverkehr

Der Wechsel vom festen Netzwerk zu flexibel eingekauften Kapazitäten ist geschafft. Der Landverkehrs-Verantwortliche für Europa bei Panalpina, Arne Lingemann, erklärt die Kursänderung und zieht eine positive Zwischenbilanz.

Wie geht eigentlich ein globales Transport- und Logistikunternehmen, das sich hauptsächlich auf Luft- und Seefracht konzentriert, mit dem Landverkehr um? Für Panalpina ist er seit diesem Jahr offiziell kein strategisches Geschäftsfeld mehr. Das heißt aber nicht, dass das Unternehmen seinen Kunden keine Landtransporte mehr anbieten würde. Im Gegenteil: Wo immer das Kerngeschäft – also die Luft- und Seefracht – damit sinnvoll ergänzt werden kann oder die Kunden nach Speziallösungen verlangen, ist Panalpina europaweit auch weiterhin mit Landverkehrslösungen zur Stelle.

Keine eigenen fixen Kapazitäten mehr

Im Gegensatz zu früher hält Panalpina auf der Straße aber kein eigenes, festes Netzwerk mehr vor: "Wir wollen keine eigenen, fixen Kapazitäten mehr vorhalten", erläutert Arne Lingemann, der als Regional-Manager die Landverkehrsaktivitäten in Europa verantwortet. "Der Markt hat hohe Überkapazitäten, also ergibt es keinen Sinn, hier noch eigene Kapazitäten einzuwerfen", sagt der 45-Jährige im Gespräch mit trans aktuell.
Es gibt keine langfristigen Bindungen mehr. Vielmehr arbeitet Panalpina laut Lingemann im Landverkehr nach einem flexiblen und modularen System mit europaweit mehreren tausend Transportdienstleistern zusammen. Dabei komme immer derjenige zum Zuge, der die individuellen Kundenbedürfnisse am besten erfüllen könne. Stimme die Leistung nicht mit den Anforderungen überein, ist der Partner angehalten, nachzubessern – oder es kommt ein anderer Partner zum Zug.  Erhöht oder reduziert sich das Volumen, erlaubt der flexible Ansatz, die notwendigen Kapazitäten entsprechend anzupassen.

Colo 21

Möglich macht dieses Vorgehen nicht zuletzt die eingesetzte IT-Lösung Colo 21 aus der Ulmer Software-Schmiede um den früheren Kühne+Nagel-Landverkehrsverantwortlichen Jörg Frommeyer. Sie bringt europaweit Auftraggeber wie Panalpina mit Straßentransportunternehmen zusammen. Panalpina konnte als Pilotkunde von Colo 21 von Beginn an eigene Vorstelllungen und Ideen in die Software einbringen.

"Wir können unseren Kunden mit dieser Flexibilität die nötige Stabilität geben", sagt Lingemann. Die Kunden sähen das genauso, man müsse ihnen die Kursänderung und den neuen Ansatz beim Landverkehr nur erklären. Lingemanns Argumentation: "Im Gegensatz zu den anderen Logistikkonzernen können wir individueller agieren, müssen nichts in starre Netzwerke pressen, können mit unserer Flexibilität hie und da sogar noch ein Schleifchen drum binden."

Landverkehr defizitär

Den Vergleich mit anderen Konzernen kann Lingemann ohne Weiteres anstellen. Er war zuvor mehrere Jahre lang bei Schenker und DHL tätig. Zu Panalpina kam er 2007, seine derzeitige Funktion bekleidet er seit März. Der Logistikfachmann und sein Team haben das Büro in der Stuttgarter Niederlassung in Kornwestheim, in der sich rund 75 Mitarbeiter um den Landverkehr in Europa kümmern.

In den vergangenen Jahren war der Landverkehr in Europa defizitär und damit ein Sorgenkind. Doch nun schreibt das Unternehmen in diesem Segment, das zur Logistiksparte gehört, wieder schwarze Zahlen. Bereits im Mai dieses Jahres verkündete Panalpina, dass im Landverkehr in Europa die Wende geschafft wurde und er im ersten Quartal ein ausgeglichenes Ergebnis erzielte. "Mit der Art und Weise, wie wir heute Landverkehr betreiben, fühlen wir uns wohl", fügt Lingemann hinzu und betont: "Wir sind froh, dass wir weder zwanghaft Hubs noch eigene, fixe Linienverkehre betreiben müssen."

Landverkehr als Diensleister für die Luftfracht

Ganz ohne Zwänge geht es aber auch bei Panalpina nicht. Denn sowohl in der Luft- als auch in der Seefracht gibt es feste Fahrpläne. Auch wenn Panalpina als einziges globales Transport- und Logistikunternehmen ein eigenes Luftfrachtnetzwerk vorhält, können die geleasten oder mehrheitlich gecharterten Frachtflugzeuge am Airport Luxemburg nicht beliebig lange auf Sendungen warten. Gleiches gilt für die Containerschiffe in Hamburg. Also unterhält das Unternehmen feste und getaktete Verkehre beispielsweise nach Hamburg oder Luxemburg. "Von der 100-Kilo-Beiladung bis hin zum regelmäßigen Wechselbrückenfahrzeug sind fast alle Arten von Verkehren dabei", erläutert Lingemann.

Der Landverkehr erfüllt für Panalpina hier eine Basisfunktion – eine "mission critical", wie Lingemann es nennt. Er ist der interne Servicedienstleister, der Vor- und Nachläufe abwickelt. Wo immer möglich und sinnvoll, konsolidiert und wickelt er zudem unterschiedlichste Dienstleistungen ab, die im Rahmen des Kerngeschäfts (Luft- und Seefracht) von der Versand- bis zur Empfangsrampe anfallen.

End-to-End-Lösungen

Diese Aktivitäten bilden die eine Säule des Landverkehrs bei Panalpina. In der anderen Säule sind individuelle Dienstleistungen gebündelt, die nicht zwingend mit bestehendem Geschäft in der Luft- und Seefracht, wohl aber in Verbindung mit Kunden stehen, die als Teil von grenzüberschreitenden End-to-End-Lösungen einen Landverkehrspartner meist für hochspezialisierte Aufgaben suchen.

Spezialgebiete des Unternehmens sind dabei die Energie-, Hightech- und Automobilindustrie. Im Automobilzulieferbereich in Deutschland etwa bietet Panalpina getaktete Milkruns sowie Lösungen in der Beschaffungslogistik an. Im polnischen Breslau betreibt das Unternehmen eine 10.000 Quadratmeter große Logistikimmobilie, von der aus es Polen, das Baltikum und Russland mit Patronen, Druckern, Notebooks oder Server-Equipment versorgt. In der dortigen Niederlassung sind fast genauso viele Mitarbeiter wie in Kornwestheim mit dem Thema Landverkehr betraut.

Landverkehre bis nach Baku

Ein weiteres Beispiel für spezialisierte Lkw-Aktivitäten bilden die Geschäfte im Bereich Energy Solutions. Vom schottischen Aberdeen oder auch von Norwegen und den Niederlanden aus steuert Panalpina die Landverkehrsaktivitäten von Öl- und Gaskunden. Ob Helikopter, Gestänge, Bohrköpfe, Sicherheitsschuhe oder Verbrauchsmaterial: Panalpina kümmert sich um nahezu alles, was diese Industrie an Land und auf hoher See braucht. Teils fahren die Lkw bis nach Baku in Aserbaidschan. Dafür setzt Panalpina spezielle Tieflader ein. Mit solchen Speziallösungen im Landverkehr erwirtschaftet Panalpina in Europa einen Umsatz von rund 300 Millionen Schweizer Franken. (etwa 250 Millionen Euro).

Der Landverkehr spielt für Panalpina also weiterhin eine Rolle. Das Geschäft muss aber Teil der Luft- und Seefracht sein oder Teil einer maßgeschneiderten, grenzüberschreitenden End-to-End-Lösung. Worum sich Panalpina künftig nicht mehr reißt, ist das Standard-Stückgut-Geschäft innerhalb der Republik. Fünf Paletten von München nach Hamburg – das sollen in Zukunft andere machen.

Matthias Rathmann, trans aktuell Chefredakteur

Autor

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Matthias Rathmann

Datum

4. Dezember 2014
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