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Oldtimer Bergung: Schlafende Schönheiten

Nutzfahrzeug-Veteranen: Helmut Hoffmann vom Nutzfahrzeuge Veteranen Center aus Oberhausen hat in einer Scheune in Friesland zwei seltene Kipper-Modelle von MAN und Henschel ausgemacht. Bei der Bergung stießen Mann und Material beinahe an Grenzen.

Helmut Hoffmann ist bekannt dafür, dass er für das Nutzfahrzeug Veteranen Center (NVC) in Oberhausen jährlich Tausende von Kilometern unterwegs ist, um nach alten Lkw Ausschau zu halten. Als ehemaliger Spediteur schlägt sein Herz für Lastwagen aus der Wirtschaftswunderzeit. Mit der Restaurierung  der Schätzchen verbringt er jede freie Minute. Meistens ist es so, dass Hoffmann die Entscheidung über einen Ankauf der häufig schrottreifen Lkw an Ort und Stelle trifft. "Die ­Leute erzählen viel. Wie es aber tatsächlich um die Substanz eines alten Lastwagens bestellt ist, davon muss man sich selbst überzeugen und das Fahrzeug persönlich in Augenschein nehmen", erklärt der 68-Jährige.

Schon damals ein Auge darauf geworfen

Dass sich in Friesland in einer zugestellten Scheune noch ein 1950er Mk von MAN und ein 1955-er Henschel HS 120 befanden, davon wusste Hoffmann bereits seit langer Zeit. "Vor mehr als 20 Jahren war ich das erste Mal dort und habe dann nach und nach drei alte Lkw abgeholt. Es waren ein MAN 10.212, ein MAN 10.210 HK und danach noch einmal ein MAN 19.256". Schon damals waren ihm die beiden alten Lkw aufgefallen, doch der Besitzer machte keinerlei Anstalten, sich davon zu trennen – nicht für Geld und gute Worte. Auch zwischenzeitliche Telefonate brachten Hoffmann nicht weiter. "Wir sind immer in Kontakt geblieben. Doch der Mann, der früher einen Baustoffhandel und eine eigene Kiesgrube hatte, wollte sie einfach nicht verkaufen. Der MAN mit 120 PS und Acht-Liter-Sechszylinder-Motor erinnerte ihn an seine beruflichen Anfänge und stammte aus dem Besitz seines ersten Arbeitgebers. Und mit dem Henschel, dessen 6,1-Liter-Motor ebenfalls 120 PS hat, glaubte er selbst noch etwas anfangen zu können", erzählt Hoffmann.

Als der ehemalige Firmenchef aber vor einem Jahr im hohen Alter verstarb, nahm Hoffmann noch einmal Kontakt zu den Angehörigen auf. Sein Angebot lautete: Gegen Zahlung einer zuvor festgelegten Summe wollte er die Lkw abholen und auch die Sanierung des Firmenareals übernehmen. Und tatsächlich: Die Verwandtschaft willigte ein und Hoffmann machte sich mit mehreren Freunden und Mitarbeitern auf den Weg nach Friesland. Auf was er sich bei diesem Abenteuer tatsächlich eingelassen hatte, das wurde ihm aber erst bei seinem Eintreffen klar. In zwei bis drei Tagen wollte Hoffmann die Bergung eigentlich über die Bühne gebracht haben – eigentlich. In Wirklichkeit wurde daraus eine ganze Woche. Und hätte es zwischendurch nicht erste Erfolgserlebnisse gegeben, wäre dem ehemaligen Transportunternehmer vermutlich die Hutschnur gerissen. Einer der ­Höhepunkte der ganzen Aktion sollte die "Befreiung" der alten Lkw sein.

70 Tonnen Schrott

Zum Öffnen der Scheunentore musste Hoffmann sogar einen Brenner einsetzen. Doch dann, endlich dieses überwältigende Gefühl: Der MAN und der Henschel konnten aus ihrem Dornröschenschlaf geweckt werden. An der Prüfplakette des MAN Mk ließ sich sogar noch erkennen, dass der nächste Termin für die ­Hauptuntersuchung im Jahr 1964 gewesen wäre. Ein sicherer Beweis dafür, dass der alte Kipper über 50 Jahre in der Scheune gestanden hat.

Neben den beiden Lkw fand Hoffmann in dem Gebäude noch einen stark heruntergekommenen Ford-Transit-Lieferwagen aus den 50er-Jahren. Der stand eingeklemmt zwischen zwei Böseler-Anhängern, Baujahr 1963, die allerdings mit Altreifen und Schrott beladen waren. Doch deren Inhalt fällt nicht weiter ins Gewicht. Denn insgesamt kamen rund 70 Tonnen Schrott zusammen und mussten Container für Container zu einem Verwerter geschleppt werden. Und ein alter Schwimmbagger musste zerschnitten werden. Eine Aufgabe, bei der das mitge­brachte Werkzeug an seine Grenzen stieß. Doch auch hier hat sich die Mühe gelohnt. ­Einen alter Radlader aus den Anfängen der ­80er-Jahre brachte Hoffmann ebenfalls mit nach Hause. Und unzählige Ersatzteile von freigeschnittenen Baumaschinen.

Was ist Schrott, was nicht?

Wie es bei dem Wust an Schrott überhaupt möglich, die Spreu vom Weizen zu trennen? Was wird weggeworfen und was für die Nachwelt erhalten? Einer der Helfer bei der Bergeaktion in Friesland ist Arno Fries, der selbst eine Leidenschaft für historische Lastwagen hegt und Fan von Henschel-Lkw ist. "In Zweifelsfällen ist es immer ratsam, Dinge mitzunehmen, anstatt sie wegzuwerfen. Aber Helmut Hoffmann hat hier immer den richtigen Riecher. Und das gilt sogar für Anbauteile oder scheinbar wertloses Zubehör", erklärt Fries. Bergeweise finden sich alte Prospekte oder auch Kundenzeitschriften der Hersteller. Auch das legt Hoffmann zur Seite. Sie sind viel zu schade fürs Altpapier. Ein klarer Fall fürs Privatarchiv. Und sollte dann etwas doppelt vorhanden sein, so gibt es genügend Freunde und Bekannte, die sich über die Original-Lektüre freuen.

Die Scheunenfunde sind eine willkommene Gelegenheit, die eigene Sammlung aufzustocken oder sie vielleicht auch zu verkaufen. Dass aber MAN und Henschel  ausgerechnet Kipper sind, macht die ganze Angelegenheit noch viel interessanter. Bei den vielen Szeneveranstaltungen fällt auf, dass sich ausgerechnet die Kippertreffen wachsender Beliebtheit erfreuen. Historische Eckhauber und Rundhauber sind längst be­gehrte Sammelobjekte und zugleich auch das perfekte Spielzeug für große Jungs. "Es macht einen riesigen Unterschied, ob man mit einem alten Lkw nur fahren kann oder ob sich mit ihm tatsächlich noch etwas bewegen lässt. Und ein Kipper bietet immer ideale Voraussetzungen dafür, sich an die eigene Kindheit oder Jugend zu erinnern", erklärt Hoffmann.

Lkw-Oldie-Szene boomt

Was aber wird jetzt aus dem alten Henschel und dem noch älteren MAN? "Abwarten! Zunächst muss ich mal sehen, ob wir die Motoren wieder in Gang setzen können. Davon hängt vieles ab. Fest steht aber, dass wir die Patina von beiden Lkw in jedem Fall erhalten wollen, denn die ist wunderbar original. Der Rest wird sich zeigen", sagt Hoffmann.
Seitdem die beiden Lkw im Ruhrgebiet eingetroffen sind, hat das Telefon bereits häufig geklingelt. Die Bergung der beiden Lkw-Raritäten hat sich wie ein Lauffeuer herumgesprochen. Kein Wunder, denn die Szene boomt. Alleine in der Nutzfahrzeuge Veteranen Gemeinschaft (NVG) sind bundesweit rund 1.000 Mitglieder organisiert.
Und die Zahl historischer Lkw wächst von Jahr zu Jahr. Am 1. Januar 2015 waren in Deutschland laut VDA 24.067 historische Trucks zugelassen. Gegenüber dem Vorjahr beträgt der Zuwachs 15 Prozent. Noch viel markanter aber ist die Bestandsentwicklung seit 2010. Seither ­registriert die Zulassungsstatistik ein sattes Plus von 70 Prozent!

Autor

Foto

Norbert Böwing

Datum

17. September 2015
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