Redaktionsgespräch DVR Zoom

Null Verkehrstote machbar: Leben ist nicht verhandelbar

Der Deutsche Verkehrssicherheitsrat (DVR) hat sich der Sicherheitsstrategie Vision Zero verschrieben. „"Ihr Ziel ist das Bild einer Zukunft, in der niemand im Straßenverkehr getötet oder so schwer verletzt wird, dass er lebenslange Schäden davonträgt“", erläutert DVR-Hauptgeschäftsführer Christian Kellner. Im Gespräch mit eurotransport.de spricht er über die bisherigen Erfolge und die weiteren Herausforderungen.

eurotransport.de: Herr Kellner, null Verkehrstote  und Schwerverletzte sind Ihr Ziel. Doch worum geht es Ihnen mit der Strategie Vision Zero genau?

Kellner: Die Sicherheitsstrategie Vision Zero ist weniger eine quantitative als vielmehr eine qualitative Vorgabe. Und bekanntlich gilt ja: Wer das Bestmögliche erreichen will, muss das unmöglich Scheinende fordern. Quantitative Ziele, wie etwa die Halbierung der Getötetenzahlen in einer Dekade, können erst als Folge der Strategie formuliert werden. Die Vision Zero will von ihrer ursprünglichen Definition her ausdrücklich nicht alle Unfälle vermeiden. Ihr Ziel ist das Bild einer Zukunft, in der niemand im Straßenverkehr getötet oder so schwer verletzt wird, dass er lebenslange Schäden davonträgt. Vision Zero als politisches Programm setzt Prioritäten. Und diese Priorität muss lauten: Bei der Abwägung von unterschiedlichen Werten oder Zielen muss die Unversehrtheit des Menschen an erster Stelle stehen. Leben ist nicht verhandelbar. Die Gestaltung der Verkehrsmittel und der Verkehrswege muss dieser Erkenntnis entsprechen und die Regelwerke zur Teilnahme am Straßenverkehr sind entsprechend anzupassen.

Wie stark lässt sich die Zahl der Verkehrsopfer in den nächsten Jahren noch senken?

Eine konkrete Zahl zu nennen, dürfte schwierig sein. Fakt ist aber: Der DVR will in den Bereichen Technik, Straße und Mensch bei der Senkung der Zahl der Verkehrsopfer noch mehr erreichen. Mit den derzeit zur Verfügung stehenden Maßnahmen wird es allerdings ungleich schwerer sein, die Zahl der Verkehrstoten von zum Beispiel 4.000 auf 2.000 zu bringen als in den 1970er Jahren von 20.000 auf 17.000. Es müssen also alle Potenziale ausgeschöpft werden, um die Opferzahlen drastisch zu reduzieren. Und auch wenn sich die Zahl der Verkehrsopfer 2014 wieder leicht erhöht hat, kann man über die Gesamtbetrachtung der letzten Jahrzehnte eine insgesamt positive Entwicklung feststellen. Selbstverständlich darf uns das nicht zufriedenstellen, aber wir sind auf einem guten Weg.

Was müsste weiter geschehen, damit die Vision Zero Realität wird?

Sicherlich konnten in den vergangenen Jahren im Sinne der Vision Zero wichtige Fortschritte erzielt werden. Aber selbstverständlich gibt es Sicherheitspotenziale, die ausgeschöpft werden müssen.  Ein zentrales Thema ist und bleibt die Geschwindigkeit auf unseren Straßen. Der DVR-Vorstand hat 2014 den einstimmigen Beschluss gefasst, dass auf Landstraßen, die sechs Meter breit oder schmaler sind, die Höchstgeschwindigkeit auf 80 km/h reduziert werden sollte. Zudem plädieren wir für ein Überholverbot bei zu geringen Sichtweiten, um gerade auf den besonders unfallträchtigen Landstraßen eine Verbesserung der Situation zu erreichen. Sehr gefreut haben wir uns im DVR auch über die Ankündigung des niedersächsischen Modellversuchs zur "Section Control", der in diesem Jahr gestartet wird. Bereits 2010 hat der DVR ein solches Pilotprojekt gefordert. Bei der ausgewählten Strecke auf der B6 im Raum Hannover handelt es sich um eine Unfallhäufungsstrecke mit teilweise sehr schweren Unfällen aufgrund überhöhter Geschwindigkeit. Ich bin davon überzeugt, dass der Modellversuch ein positives Ergebnis für die Verkehrssicherheit erbringen wird.

Welchen Stellenwert haben bei Ihren Sicherheitsbemühungen die Fahranfänger?

Wir wollen auch die Kompetenz aller Verkehrsteilnehmer immer weiter verbessern. Daher fordern wir Maßnahmen einer besseren Fahranfängervorbereitung und Fahrausbildung durch den Ausbau des "Begleiteten Fahrens", die Einführung einer Monitoring-Phase mit Feedback-Fahrten nach Erhalt der Fahrerlaubnis und ein einheitliches Referenz-Curriculum für die Fahrschulausbildung.  Und auch ein absolutes Alkoholverbot am Steuer würde die Verkehrssicherheit deutlich erhöhen. Gleiches gilt für die Verhinderung von Baumunfällen oder die konsequente Ausstattung von Fahrzeugen mit elektronischen Fahrerassistenzsystemen. „Schlaue Autos“ kommen nun mal besser an.

Wagen Sie eine Prognose, wann Vision Zero in Deutschland Realität werden kann?
Wie entsprechende Erhebungen von Dekra zeigen, ist sie das in einigen Kommunen mit Blick auf die Zahl der Getöteten bereits. Das ist ein tolles Ergebnis und zeigt, dass die Vision Zero der richtige Weg ist. Wir sind optimistisch und hoffnungsvoll, dass sich diese Entwicklung fortsetzt. Im Sinne der Vision Zero und des gefährdungsorientierten Ansatzes müssen wir uns weiterhin bemühen, die Zahlen der Getöteten und Verletzten auf unseren Straßen zu reduzieren. Wir müssen uns also noch stärker auf Hauptrisikogruppen und Hauptunfallursachen konzentrieren, um besonders schwere Unfälle zu vermeiden.
Welche positiven Effekte sehen Sie in dem Zusammenhang durch das vernetzte oder autonome Fahren?

Technisch ist heute schon vieles möglich, doch bis es vollautomatisierte Fahrzeuge auf unseren Straßen gibt, sind noch zahlreiche Fragen zu beantworten, zum Beispiel die nach Haftung und Datenschutz. Aber auch weiterer Forschungsbedarf zur Mensch-Maschine-Schnittstelle ist notwendig. Mit Blick auf die Fehleranfälligkeit des Menschen, rund 90 Prozent aller Straßenverkehrsunfälle sind auf menschliches Fehlverhalten zurückzuführen, steckt in den technischen Systemen sicherlich hohes Sicherheitspotenzial. Gleichzeitig muss man aber auch die Risiken im Blick behalten, wenn Teile aus der Gesamtfahraufgabe herausgelöst werden, die von der Technik übernommen werden. Denn damit reduziert man auch die Beanspruchung und die Gesamtwahrnehmung. Ich gehe davon aus, dass sich Systeme durchsetzen werden, die neben mehr Sicherheit auch den Komfort für die Fahrer erhöhen. Für den DVR ist die Entwicklung hin zum autonomen Fahren ein Schritt in Richtung Vision Zero. Wir werden diesen spannenden Prozess weiterhin intensiv begleiten.

Matthias Rathmann, trans aktuell Chefredakteur

Autor

Foto

Andreas Techel

Datum

16. Juni 2015
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