Neoplan Cityliner HD 12 Bilder Zoom

Neoplan Cityliner HD: Strahlende Diva im Test

Der Neoplan Cityliner HD ist nicht mehr das jüngste Reisebus-Modell auf dem Markt. Er hat sich aber lange geziert, bis er endlich zum Test anrollte. Die Euro-6-Version hat uns dann aber doch beeindruckt.

Einen in Würde gereiften, weiblichen Filmstar fragt man für gewöhnlich nicht nach dem Alter. Zumal wenn er so zum Rendezvous erscheint: edles, markenprägendes blau, traditionsreiches "Sharp Cut"-Design, hochwertige Innenausstattung. Diese Bus-Dame hat sich herausgeputzt! Und wie um das nochmals zu unterstreichen, ziert die Flanken des
12,24 Meter langen Reisewagens bis hinauf in die angeschrägten Dachkanten das adrette Konterfei einer Dame mittleren Alters, die eine Werbebotschaft vermitteln will. Nämlich die, dass nun auch die Finanzierungstochter von MAN jetzt im Reich der übergroßen Mutter aus Wolfsburg angekommen ist – wie zuvor die Traditionsmarke aus Stuttgart.

Zurück zum Alter: Wir wagen die Frage nach dem Alter trotzdem, auch wenn es uns die stilvolle Dame krumm nehmen könnte. Vor rund acht Jahren erblickte sie als drittes Modell der neuen Neoplan-Ära das Licht der Straße. Die Dame wurde bisher rund 1.900 Mal gebaut, der Vorgänger hatte es auf rund 7.000 Einheiten gebracht in seiner mehr als 35-jährigen Bauzeit. Nach dem Umzug der Produktion von Pilsting nach Plauen steht jetzt wieder ein Meilenstein bevor: Die ersten Busse rollen bald im MAN-Werk in Ankara vom Band.

Euro 6 dank aufgemotzter Abgastechnik

Dass MAN aus Ankara gute Qualität abliefert, steht seit Jahren außer Frage. Neoplan-Freunden blutet trotzdem das Herz, war doch das "Made in Germany"-Label immer eines der wichtigen Kaufargumente für einen Neoplan. Der Kunde wird sich an die neuen Zeiten gewöhnen (müssen).

Einen nicht ganz so massiven Einschnitt stellt die Euro-6-Umstellung für den Cityliner dar. Während viele Wettbewerber die Chance nutzten und das Thema Euro 6 mit tiefgreifenden strukturellen Änderungen verbunden haben, die sowohl Gewicht sparen als auch die neue Umsturzrichtlinie für 2017 erfüllen, hat es sich MAN etwas leichter gemacht und hat nur die Abgastechnik aufgemotzt. Nachdem der Streit innerhalb des Konzerns um AGR versus SCR zumindest zunächst beigelegt ist (vorbehaltlich dessen, was Konzern-Schwester Scania dareinst einbringen könnte), setzt MAN das volle Arsenal an Emissionsminderungs-Technologien ein, die es derzeit gibt.

Interessant dabei: Als einer der wenigen Hersteller erlaubt es MAN, per Knopfdruck im Cockpit die regelmäßig nötige Regeneration des Partikelfilters entweder manuell einzuleiten oder zu unterbinden – gut mitgedacht! Nachteil der ausgebliebenen Fahrzeug-Neukonstruktion ist und bleibt indes das Gewicht. Alleine Euro 6 bringt rund 170 Kilogramm mehr auf die Waage. Der Testwagen ist mit rund 14,3 Tonnen durchaus propper zu nennen – Verzeihung, die Dame!

Abgespecktes Gerippe

Vertriebsmann Heinz Kiess verweist flugs auf die Wirkung einer bereits eingeleiteten Schlankheitskur. Bis zu 400 Kilo sollen runter vom Gerippe durch eine Vielzahl von Maßnahmen. Das Gerippe muss indes bis spätestens 2017 die gesetzlich geforderte Steifigkeit der ECE R66.02 erfüllen. Somit steht das Ende der Baureihe in der jetzigen, durchaus noch aufregenden Bauform, schon fest – sollte MAN die Kunden nicht schon vorher überraschen.

Überraschungen – zumindest böse – erlebt der Kunde beim Thema Verbrauch gar nicht gerne, er ist das zweite und noch entscheidendere Thema der Euro-6-Motoren. Der Wettbewerb sieht sich hier seit der Umstellung deutlich auf der Gewinnerseite und propagiert dies entsprechend lautstark. MAN hält sich hier etwas zurück, muss sich aber beileibe nicht verstecken. 27,5 Liter Durchschnittsverbrauch reicht zwar nicht an den Wert der vergleichbaren Setra Comfort-Class 500 heran, kann sich aber mehr als sehen lassen. Die Autobahnwerte von bestenfalls 19 Litern bestätigen zudem eine TÜV-Prüfung, die MAN mit dem Testwagen selbst vor einem Jahr in Auftrag gegeben hatte, und die einen Gesamtverbrauch von knapp unter 20 Liter ergab.

An standesgemäßen Trinksitten fehlt es unserer Diva also nicht. Leider im Testwagen noch nicht an Bord, aber für vergleichsweise teure 1.350 Euro auf Wunsch bereits zu haben, ist die GPS-unterstützte Getriebesteuerung Efficient-Cruise, die wie PPC von Mercedes Berg und Tal zur Verbrauchssenkung nutzt. Aber dieses Potenzial muss ein weiterer Test ausloten. MAN ­jedenfalls spricht von rund fünf Prozent.

Edles Interieur, angestaubtes Cockpit

Im Innenraum des Cityliner geht es edel zu, wie es sich für einen Neoplan gehört. Exqui­site Dekorbausteine der Neoplan-Individual-Linie gehören ebenso zum Erscheinungsbild wie die an Leder erinnernde Ultrafabrics-Sitzbezüge mit Stoffen in 3-D-Optik, eine hochwertige Komfort-Toilette mit Vakuumsystem, ein großer Zusatz-Kühlschrank im Kofferraum, der von innen zugänglich ist, 220-Volt-Steckdosen, ein doppelter Begleitersitz sowie optionale Dos-à-dos-Sitzgruppen. Einiges davon ist Bestandteil des verbauten "Long Distance"-Pakets.

Leicht in die Jahre gekommen zeigt sich das Cockpit. Das neue Multimedia-Center, eine Mitgift aus dem VW-Konzernbaukasten, verfügt zwar über einen Touchscreen. Der ist aber mit fünf Zoll eindeutig zu klein geraten und "glänzt"  mit einer nicht besonders hohen Auflösung. Für Ärgerfalten bei den Personen, die mit der ­Diva umgehen müssen, sorgt wie gewohnt die pneumatische Verstellung des Lenkrads sowie die schlechte Sicht in den veralteten Spiegeln und unter dem oberen Bugspiegel hindurch.

Tadelloses Fahrverhalten

Aber genug gemeckert – wie gibt sich die ­Dame in flagranti, also auf der Straße? Immer noch behende und wieselflink. Dazu trägt ­sicher auch das aufwendige Fahrwerk mit ­optionalen adaptiven CDS-Dämpfern bei (Aufpreis 1.750 Euro), die man in zwei Stufen
schalten kann. Der Unterschied dieser Stufen indes ist weniger zu bemerken als das weitgehend ausgeblendete Wippen des Vorderwagens bei ­Bodenwellen. Bisher ist Neoplan im Reisebus noch solitär mit dem System unterwegs. Zulieferer ZF will in rund zwei Jahren eine verbesserte Ansteuerung auf den Markt bringen.

Das Fahrwerk vermittelt jederzeit hohe Sicherheitsreserven und Komfort. Gleiches tut die Lenkung, leider ist es nicht mehr die Servocom­tronic, sondern die einfachere Version, die sich bei höheren Geschwindigkeiten nicht mehr versteift.

Assistenzsysteme hinken hinterher

Das erstmals an Bord befindliche Notbremssystem EBA der ersten Generation, das 2015 gesetzlich verpflichtend wird, ließ sich nur ansatzweise erleben. Es warnte im Testwagen relativ früh in Kurven, eine notwendige Vollbremsung musste der Fahrer zudem beherzt selbsttätig einleiten. Insgesamt mutet die Abstimmung der Assistenzsysteme nicht ganz so routiniert wie beim Wettbewerb an, ein Aufmerksamkeitsassistent ist gar nicht zu haben.

Motor und Getriebe des Cityliner gehören seit jeher zum Feinsten im Markt. Mit D26 und stolzen 440 PS bestückt, zieht der Cityliner jederzeit von unten heraus kraftvoll an und hält sich akustisch weitgehend zurück. Die gemessenen Geräuschwerte bestätigen es, die Dame bewegt sich geschmeidig und elegant. Die Gangwechsel der Zwölf-Gang-Box gehen recht flott von statten, allein die Schaltcharakteristik wirkt etwas phlegmatisch. Ein Dynamikmodus à la Powershift käme gerade recht. Bei bescheidenen 1.250 Touren bei 100 km/h auf Reiseflughöhe lassen sich Fahrkomfort und Aussicht bestens genießen. Dabei zieht die gereifte Diva mit großem Namen und Tradition ohne Mitleid an so manchem hippen Jungspund vorbei – sie kann es sich eben noch immer leisten.

Autor

Foto

Jacek Bilski

Datum

8. Januar 2015
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