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Mühle Ingersleben: Als Silofahrer unterwegs

Seit 118 Jahren betreibt die Familie Zitzmann ihre Handelsmühle im thüringischen Ingersleben. Auch die jüngste Generation engagiert sich tatkräftig im Familienbetrieb mit eigenem Fuhrpark.

Morgengrauen in Ingersleben, einem kleinen Ort südwestlich von Erfurt: Nebel steigt aus dem Flüsschen Apfelstädt und verhüllt die herbstliche Landschaft. Von der lähmenden Kälte ist auf dem Hof der Gustav Zitzmann Mühle Ingersleben nichts zu spüren. Es herrscht emsiges Treiben: Mehlsäcke à 25 Kilogramm werden auf Paletten gepackt, mit Folie eingeschnürt und mit dem Stapler auf einen MAN mit Ladebordwand verladen. Ein anderer Lkw mit Siloaufbau rollt derweil unter eine der Verladestationen der Mühle. Am Steuer des TGS 26.400 sitzt Dirk Zitzmann.

"Wir verladen 500 Kilogramm in der Minute"

Routiniert steigt Dirk aus der Kabine, klettert die Leiter hoch, stellt die Dachreling auf und öffnet den Domdeckel der ersten von sechs Kammern. Geräuschlos, nur am Vibrieren des Füllschlauchs zu erkennen, fällt das Mehl in die Kammer und verteilt sich gleichmäßig. "Wir verladen 500 Kilogramm in der Minute", erklärt Dirk. Mit dieser Geschwindigkeit ist das Silo theoretisch in 25 Minuten voll – macht insgesamt 12,5 Tonnen Mehl. Wie Dirks Onkel Jochen erläutert, bietet Spitzer das Silo normalerweise mit vier Kammern an, auf Kundenwunsch aber auch mit sechs. "So können wir drei Bäckereien mit je einer Ladung Weizen- und Roggenmehl beliefern."

Nach jeder Füllung fährt Dirk mit dem TGS auf die firmeneigene Waage, geht in das alte Wiegehäuschen und dokumentiert das Gewicht sowie die Mehlsorte auf dem Lieferschein. Doch woran erkennt er an der Verladestation, dass die jeweilige Kammer voll ist? Dirk zeigt auf die Stoppuhr, die an einer Schnur um seinen Hals baumelt. "Ich stoppe die Zeit. Wenn die Station 500 Kilo pro Minute hergibt, brauche ich für eine Kammer vier Minuten." Heute dauert das Beladen insgesamt etwas länger, weil eine der Kammern zuerst noch gereinigt werden muss.

Für Biomehl gelten sogar strenge Transportbestimmungen

Der Grund: Biomehl, für das nicht nur strenge Anbau-, sondern auch Verarbeitungs- und Transportbestimmungen gelten. Die Mühle besitzt daher eine separate Verladestation für Biomehl. Sobald Letzteres im Silo ist, kann Dirk seine Tour beginnen. "Silofahren ist gar nicht so trivial", betont er, während wir nach Gotha aufbrechen. "Du hast beim Abladen 1,3 bar Druck auf dem Kessel – damit wird das Mehl über Schläuche abgeblasen. Manchmal ist die Leitung zum Bäckerei-Silo 80 Meter lang, dann brauchst du noch mehr Druck." Auch die kalten Winter sind durchaus eine Herausforderung, besonders, wenn es über den höchsten Berg in der Region, den Rennsteig, geht. Am Tag fährt Dirk zwischen 200 und 400 Kilometer.

"Wir sind viel auf der Landstraße unterwegs", erzählt er, während der MAN durch eine schöne alte Allee rollt. Vor anderthalb Jahren hat Dirk seinen Bürojob in der Industrie aufgegeben, um in die thüringische Heimat zurückzukehren und im Familienbetrieb Verantwortung zu übernehmen. Denn Tradition verpflichtet bei den Zitzmanns. 1898 hatte der gebürtige Ostpreuße Gustav Zitzmann mit seiner Verlobten Selma die damalige Obermühle in Ingersleben ersteigert. Durch zwei Weltkriege, Wirtschaftskrisen und Jahrzehnte sozialistischer Planwirtschaft hindurch bewahrten und erweiterten die Kinder, Enkel und Urenkel die Mühle bis in die Gegenwart.

Auch hier gibt es Fahrermangel

Heute wird sie von den Brüdern Jochen und Konrad sowie deren Cousin Hans gemeinsam geführt. Mit Konrads Sohn Dirk und Hans’ Sohn Stefan steht auch schon die nächste Zitzmann-Generation bereit, um den Familienbetrieb weiterzuführen. Dirks Arbeitsplatz befindet sich deshalb eigentlich eher am Schreibtisch statt am Steuer. Er übernimmt jedoch regelmäßig die Urlaubsvertretung für die Kraftfahrer der Mühle. "Auch wir haben Fahrermangel", berichtet Dirk. Den Lkw-Führerschein hat er schon vor 13 Jahren gemacht. "Der Alltag als Silofahrer ist schon stressig. Du musst morgens ruck, zuck laden und zu den Kunden fahren. Die arbeiten sehr früh am Tag und für den Kundenkontakt ist es wichtig, dass noch jemand in der Backstube ist."

Nach einigen Kilometern erreichen wir Gotha. Dirk freut sich auf seinen ersten Kunden an diesem Tag: "Der Bäcker, zu dem wir jetzt fahren, ist ein ganz feiner Kerl." Schließlich hält er vor einem roten Gebäude, dem Stammsitz der Gothaer Traditionsbäckerei Salomon. Freudig begrüßt Dirk den Chef, Lars Salomon. Der Mehlvorrat der Bäckerei lagert in einem atmungsaktiven Gewebetank im Keller. "Wir pumpen es mit Luft rein und der Bäcker zieht es dann wieder mit Luft aus dem Keller raus", erklärt Dirk. Salomon bekommt eine Lieferung Roggen- und Weizenschrot. "Wir bestellen unser Mehl nur bei Zitzmann", betont Lars Salomon. "Und wir unser Getreide nur bei Thüringer Bauern", ergänzt Dirk. "Aus der Region für die Region!"

Frisches Mehl aus der Traditionsmühle

Der Transportpreis ist übrigens im Mehlpreis enthalten. Aus den seitlichen Staurohren am Siloaufbau zieht Dirk nun mehrere der schwarzen, lebensmittelechten B-Schläuche, verbindet sie und schließt sie an die Befülleinrichtung im Kellerschacht des Gebäudes an. An letzterer ist die entsprechende Mehlnummer vermerkt. Sie gibt den Mineralstoffgehalt des Mehls an. Bevor Dirk das andere Schlauchende am Silo andockt, steckt er ein Siebmodul dazwischen. Das wird eigentlich nicht benötigt, aber sicher ist sicher. In etwa vier Minuten hat das Silo seine 1,3 bar Innendruck, dann kann Dirk den Hahn öffnen. Bis es soweit ist, trägt er ein paar Mehlsäcke, die er im Staukasten des MAN transportiert hat, in die Backstube. "Stollenmehl/Schittchenmehl" steht darauf. Schittchen ist eine historische Bezeichnung für den Thüringer Weihnachtsstollen. "Bis die zwei Tonnen aus einer Kammer draußen sind, dauert es acht bis zehn Minuten", sagt Dirk.

Am Ende klopft er mit einem Gummihammer kräftig ans Silo, bläst noch mal durch und leer ist die Roggenkammer. Jetzt ist der Weizen an der Reihe. Dirk muss wieder zum Kellerschacht, dann zurück zum Lkw und sicherheitshalber auch mal in den Keller, um zu schauen, ob mit dem Mehlbehälter alles in Ordnung ist. "Als Silofahrer bekommt man garantiert keinen Bauch, man ist immer am Flitzen", scherzt Dirk. "Nach dem Abkuppeln ist es wichtig, den Schlauch sofort zu verschließen. Es geht ja um Lebensmittel." Sobald die zweite Kammer geleert und die Schläuche verstaut sind, überreicht er Lars Salomon den Lieferschein. Dann geht es auch schon weiter – der nächste Bäcker wartet auf das Mehl aus der Traditionsmühle.

Dieser Artikel stammt aus Heft FERNFAHRER 12/2016.
Hier finden Sie alle Artikel dieser Ausgabe im Überblick.
Johannes Roller, Redakteur FERNFAHRER

Autor

Foto

Thomas Kueppers

Datum

23. November 2016
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