Mercedes Sprinter, VW Crafter, 11 Bilder Zoom

Mercedes Sprinter und VW Crafter: Ungleiche Zwillinge

Mercedes Sprinter und VW Crafter scheinen auf den ersten Blick fast identisch. Unser Vergleichstest der 3,5-Tonner mit 163 PS zeigt, in welchen Punkten sich die beiden Brüder unterscheiden.

Sie laufen beide im Düsseldorfer Daimler-Werk vom Band. Sie lassen sich äußerlich nur auf den zweiten Blick auseinanderhalten. Bei beiden arbeitet ein Vierzylinder-Diesel mit 163 PS unter der Haube. Und doch unterscheiden sich die Transporter-Brüder in mehr als nur dem Markenzeichen. Denn während der  eine als Mercedes Sprinter zur Welt kommt, bekommt der andere in Düsseldorf das Markenzeichen des Konkurrenten VW und den Schriftzug Crafter verpasst.

Beide Hersteller setzen auf eigene Common-Rail-Motoren

Beide Unternehmen leben gut mit diesem Arrangement. Daimler lastet mit dem VW-Auftrag  seine Fertigung besser aus, VW kann ohne teure Komplett-Eigenentwicklung in diesem Segment ein wettbewerbsfähiges Modell anbieten. Das wichtigste Unterscheidungskriterium der beiden Arbeitstiere sitzt aber hinter dem Kühlergrill. Beide Hersteller setzen auf eigene Common-Rail-Motoren, die sich auch in zahlreichen Pkw-Modellen der Marken finden. Sie sollen in den Transportern beweisen,  dass sie auch für den harten gewerblichen Alltag geeignet sind.

Noch vor wenigen Jahren waren für die Leistungsklasse um 120 kW wesentlich hubraumstärkere Fünf- oder gar Sechszylinder-Aggregate vonnöten. Heute reichen rund zwei Liter Hubraum, um den Aggregaten mit Hilfe zweier Turbolader 163 PS und ein 400-Nm-Drehmoment zu entlocken.

Normverbräuche um acht Liter pro 100 Kilometer

Dabei sind die beiden hochgezüchteten Selbstzünder keine Säufer:  Normverbräuche um acht Liter pro 100 Kilometer machen sie im Segment der 3,5-Tonner zu echten Asketen. Wie sie sich auf unserer beladen gefahrenen Testrunde schlagen, dazu später mehr.

Der Hochdach-Mercedes empfängt uns in seiner zweisitzigen Kabine mit einem sehr guten Raumgefühl (Beifahrerdoppelsitzbank: 386 Euro Aufpreis). Das Cockpit birgt keine Überraschungen, die Instrumente sind klar gezeichnet und gut ablesbar. Die großen Schalter und Bedienelemente lassen sich notfalls auch mit Handschuhen bedienen.

Crafter mit VW-Nachtdesign in Rot

Ähnlich aufgeräumt präsentiert sich der Crafter. Der gönnt sich zwar noch das ältere VW-Nachtdesign in Rot, die Instrumente tragen dafür seit der Überarbeitung ebenfalls verchromte Umrandungen. Der hier verbaute Beifahrer-Doppelsitz zeigt, dass die Kabinenbreite auch für drei Erwachsene gut ausreicht. Eng wird es nur für das linke Knie des mittleren Passagiers, das mit dem Schalthebel ins Gehege kommt. Insgesamt sitzt man aber in beiden Modellen bequem und auch Ablagen sind in ausreichender Zahl vorhanden.

Tempomat am Lenkstockhebel

Kleine Extravaganz im Bedienkonzept ist der Lenkstock-geschaltete Tempomat, ein Relikt aus dem Mercedes-Teilebaukasten. Einziger für den Fahrer wirklich fühlbarer Unterschied: Form und Durchmesser des Schalthebels. Während sich der Knauf im Mercedes dem Fahrer entgegen reckt, sitzt auf dem VW-Hebel eine klassische Kugel, die mit ihrem stolzen Durchmesser auf den festen Griff einer Handwerkerhand ausgelegt ist.

Nun aber die Schlüssel gedreht und zunächst den Klängen der beiden Kraftwerke gelauscht: Kerniges Nageln im Leerlauf war gestern, diese beiden Diesel sind kultiviert. Der Mercedes ist trotzdem vor allem nach dem Kaltstart akustisch präsenter, läuft einen Tick rauer. Und setzt man die beiden beladenen 3,5-Tonner in Bewegung, wird jedenfalls schnell klar, dass man es trotz ähnlicher Leistungsdaten mit zwei verschiedenen Charakteren zu tun hat.

Die Schaltkugel im VW bietet etwas mehr Widerstand bei der Führung und beim Einrasten der Gänge als der Sprinter-Hebel, erzieht so zu weniger Hast beim Gangwechsel. Dazu kommt eine gewisse Zögerlichkeit des TDI im Drehzahlkeller, was sich in einer minimalen Anfahrschwäche und einem langsameren Hochziehen aus niedrigen Drehzahlen äußert. Ein Blick ins Datenblatt bestätigt: Während der VW sein beeindruckendes Drehmoment von 400 Newtonmetern bei 1.800 Touren bereitstellt, serviert der Mercedes seine 360 Newtonmeter bereits ab 1.400 Touren.

Sprinter kein Freund von abrupten Lastwechseln

Dafür quittiert der Sprinter zügige Gang- und abrupte Lastwechsel gelegentlich mit einem leichten Ruck im Antriebsstrang – da hilft nur ein gefühlvoller Umgang mit Gas- und Kupplung. Keine Abhilfe gibt es aber für die Neigung des Sprinter zu fühlbaren Resonanzen beim Herausbeschleunigen aus niedrigen Drehzahlen und für die minimal spürbaren Vibrationen, die der Kupplungsfuß im Crafter ertastet.

Lässt man den beiden Transportern freien Lauf, gehen sie dynamisch ans Werk – kein Wunder in dieser Leistungsklasse. Wir notieren, dass trotz nomineller Gleich- bzw. Unterlegenheit der Mercedes den Eindruck erweckt, etwas besser im Futter zu stehen als der VW. Am Ortsausgang oder bei Zwischenspurts auf der Autobahn hängt er ab 1.700 Touren geschmeidiger am Gas und überrascht sogar mit einem gewissen Maß an Drehfreude.

Crafter kraftvoll an 2.000 Umdrehungen

Der VW, seinerseits ebenfalls nicht lahm, muss stets ein wenig mehr Richtung Drehmomentgipfel gebeten werden und lässt erst ab 2.000 Umdrehungen die Katze richtig aus dem Sack. Im Bereich des Drehmoment-Maximums sind die Kräfte des Crafter aber beeindruckend. Ab Tempo 80 darf der Ganghebel im Sechsten bleiben, Zurückschalten ist nicht nötig. Muss im Anhängerbetrieb gelegentlich doch der Fünfte rein, pendelt die Nadel des Drehzahlmessers bei Marschtempo 90 um die 2.000 Touren – genug, um fast jede Steigung einzuebnen, aber zu viel für die Schaltempfehlung (Serie in beiden Modellen), die dann den Wechsel nach oben anmahnt.

Auch wenn wir uns auf der Verbrauchsrunde brav an diesen Hinweis halten, wirklich nah kommen wir den Normwerten nicht und schaffen es ebenso wenig, die magische Zehn-Liter-Grenze zu unterbieten. Wie abgesprochen treffen sich beide bei 10,4 Litern pro 100 Kilometer, was für beladene Hochdach-Kästen sicher ein gutes Ergebnis ist. Zumal, wenn man die guten Fahrleistungen des Mercedes berücksichtigt sowie die Einstufung des VW nach der gegenüber Euro 5 leicht verschärften Abgasnorm EEV. Die senkt zwar den NOx-Ausstoß, erhöht aber tendenziell den Verbrauch.

Klimaanlage kostet immer noch extra

Bleibt noch der Vergleich der Anschaffungspreise. Hier kann der Crafter einen Vorteil von 1.245 Euro in die Waagschale werfen. Dieser Bonus wird aber durch die teilweise deutlich teureren Extras wieder aufgezehrt. Trotz grundsätzlich guter Ausstattung beispielsweise mit elektrischen Fensterhebern, Zentralverriegelung und Trennwand lassen sich beide Marken Klimaanlage, Beifahrerairbag oder Laderaumboden immer noch extra bezahlen. Ein aufmerksamer Blick in die Preislisten lohnt sich daher. Ein wichtiges Argument für die Kunden dürfte die kostenfreie Anschlussgarantie für das dritte Jahr (bis maximal 250.000 Kilometer) sein, die VW seit 2011 gewährt.

Sprinter und Crafter begegnen sich wie zu erwarten auf Augenhöhe. Motor und Frontdesign sorgen für den eigenen Charakter des VW, die längere Garantie ist ein Pluspunkt. Für das Original mit Stern sprechen in diesem Fall vor allem die Fahrleistungen und die potenziell längeren Wartungsintervalle.

Download
Kostenlos herunterladen VW Crafter 35 2.0 BiTDI L2H2-Technische Daten (PDF)

Autor

Foto

Jacek Bilski

Datum

25. Juni 2012
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