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Mercedes LP 608: 6,5-Tonner erobert die Herzen

Historie: Der LP 608 war vor 50 Jahren eine wichtige Station für Mercedes auf dem Weg zum Vollsortimenter. Und er eroberte die Herzen im Flug. Mit dem kleinen LP 608 gelang dem Hersteller ein wahrhaft großer Wurf.

Nur wenige wurden mit so offenen Armen empfangen wie er: Kaum ist der Januar 1965 vorgestellte LP 608 zu haben, da erobert er das Segment der mit Pkw-Führerschein zu fahrenden 6,5-Tonner mit Siebenmeilenstiefeln. In seiner Klasse erreicht der neue Frontlenker bereits während der ersten beiden Jahre mit mehr als 10.000 produzierten Einheiten gleich einmal  den stolzen Marktanteil von 45 Prozent.

Sein erster Auftritt, der auf dem Automobilsalon in Brüssel stattfindet, ist in dreifacher Hinsicht eine Premiere: Zum einen hat das neue Werk in Wörth am Rhein mit der Vorserie dieses Fahrzeugs die Produktion aufgenommen. Dem neuen LP 608 wird schließlich die Ehre zuteil, als erster Lkw die am 14. Juli 1965 offiziell eröffnete Lkw-Montagehalle zu verlassen.


LP 608 setzt auf Direkteinspritzung

Zum anderen ist Mercedes mit dem LP 608 nun in einem bisher eher vernachlässigten Segment präsent. Und legt damit 1965 einen weiteren wichtigen Schritt hin zum Vollsortimenter mit modernen Frontlenkerkabinen von der leichten bis zur schweren Klasse zurück. Obendrein sagt der LP 608 mit seinem neuen Vierzylinder OM 314 als einer der ersten Lkw von Mercedes dem Vorkammerprinzip Adieu und setzt auf Direkteinspritzung.

In seinen Grundfesten geht dieser besonders leicht bauende 3,8-Liter-Motor auf den legendäre Nachkriegs-Sechszylinder  OM 312 zurück, den das Werk just 1964 bei unverändertem Hubraum (4,6 Liter) vom Vorkammerprinzip auf Direkteinspritzung umgestellt hat. Aus dem OM 312, der anno 1954 auch schon als einer der ersten aufgeladenen Lkw-Motoren mit Turbo gekommen (OM 312 A) ist, wird der Direkteinspritzer OM 314. Genau 80 PS beträgt die Leistung des vierzylindrigen Direkteinspritzers anfangs. Flink wuselt der wendige Frontlenker, dessen Metier Stadt- sowie Nahverkehr sind, damit durch die Lande. Bei dieser Leistung bleibt es auch fürs Erste, bis in Gestalt des LP 808 anno 1967 ein erster 7,5-Tonner auf den Plan tritt. Als in vier verschiedenen Radständen erhältlicher Pritschenwagen, als Kipper und sogar als Sattelzugmaschine (LP 608 LPS) hat sich der kleine Frontlenker zu dieser Zeit bereits einen Namen gemacht und in seiner Klasse 45 Prozent des Markts erobert.

4,5 statt 3,5 Tonnen Nutzalst sind geboten

Vom Ur-LP mit der Ziffer 608 in der Typenbezeichnung unterscheidet sich der neue 7,5-Tonner LP 808 in der Nutzlast: 4,5 statt 3,5 Tonnen sind geboten. Eine Verstärkung des Fahrgestells, der Federn sowie eine angepasste Bereifung machen’s möglich. Ab 1969 klettert die Leistung dann auf 85 PS. Und 1970 erscheinen schließlich noch zwei besonders kräftige Kerlchen, die als LP 811 und LP 913 nun doch lieber auf den Sechszylinder OM 352 zurückgreifen, der wahlweise mit 110 oder 130 PS zu haben ist.

Relativ voluminöser Motortunnel in der Kabine

Äußerlich orientieren sich die neuen Benjamine unter den Mercedes-Lkw an der großen kubischen Kabine, die Mercedes schon 1963 in der schweren Klasse gebracht hat. Doch haben sie dank weit vorgezogener Vorderachse  und hinter diese verlegter Trittstufe einen nahverkehrsgerechten, besonders niedrigen Einstieg aufzuweisen. Der Preis, den die leichten LP dafür zu entrichten haben, ist allerdings ein relativ voluminöser Motortunnel in der Kabine.

Zugang zu diesem sogenannten Untersitzmotor gewährt eine Klappe auf dem Motortunnel, über die der Fahrer den Ölstand kontrollieren und gegebenenfalls Schmierstoff nachfüllen kann. Eine kippbare Kabine soll in der leichten Klasse erst 1984 mit der Einführung der LK-­Reihe kommen, der die als äußerst robust und zuverlässig bekannten Leichten kubischer Prägung dann das Feld räumen.

Zwei größere Frischkuren erlebten die Leicht-LP während ihrer knapp 20-jährigen Karriere. 1977 starten sie durch, mit glatter gehaltenen Gestaltung der Front sowie gefällig aus dem Kühlergrill in den Stoßfänger verpflanzten Scheinwerfern – und können mit einer Vielzahl an technischen Verbesserungen aufwarten. Es kommt zum Beispiel die Option auf eine luftgefederte Hinterachse bei den Pritschenwagen.

Neue Zehn- und Elftonner im Angebot

Und die Familie kann sich über weiteren Zuwachs freuen: Neue Zehn- und Elftonner bereichern das Angebot an Nahverkehrsfahrzeugen mit sehr bequemem, da äußerst niedrigem Einstieg: Bei den parallel ab 1965 gebauten mittleren LP-Fahrzeugen sitzt das Fahrerhaus weit höher und erfordert einen zweistufigen Einstieg (statt einer Stufe wie bei den Leichten), und zwar weil dort der Motor "unter Boden" angebracht ist, wie es der Technik-Jargon der damaligen Zeit formuliert.

Im Jahr 1979 wandern schließlich alle Wartungsstellen der leichten LP nach außen. So können diese Fahrzeuge dem Wettbewerb, obwohl sich kippbare Kabinen dort allmählich durchsetzen, immer noch Paroli bieten. Als die leichten LP schließlich im Jahr 1984 abdanken, blicken sie auf eine äußerst erfolgreiche Karriere zurück:  Sie haben nicht nur nach lediglich zwei Jahren Bauzeit schon fast die Hälfte des Markts erobert, sondern ihren Marktanteil dann im Lauf ihres fast 20-jährigen Lebens auf stolze zwei Drittel in ihrer Klasse ausgebaut.

50 Jahre Lkw-Produktion in Wörth

Im heute größten Lkw-Montagewerk der Welt fing alles ziemlich klein an: Im November 1960 unterzeichnen Daimler-Benz und die Gemeinde den Kaufvertrag über ein 2,5 Millionen Quadratmeter großes Gelände, auf dem erst einmal nur ein Motorenwerk gebaut werden soll. Doch ordnet der Konzern die Strukturen im Jahr 1963 neu, womit Wörth plötzlich die Rolle als Lieferant für Fahrerhäuser zukommt.
Erst im Jahr darauf fällt die Entscheidung, die gesamte Lkw-Produktion und Endmontage in Wörth zu konzentrieren. Anfangs für rund 48.000 Lkw pro Jahr konzipiert, wird die Kapazität ab 1968 schrittweise auf 100.000 Einheiten jährlich geschraubt. Schon 1975 erfüllt Wörth dieses Soll, und zwar mit einem gewissen Überschuss: 105.200 Einheiten lautet die Produktionszahl zwei Jahre nach der ersten Ölkrise. Erreicht ist zu dieser Zeit auch schon die stolze Zahl von insgesamt einer halben Million produzierten Lkw.
Heute sind daraus bereits rund 3,5 Millionen geworden. Und was mit der Fertigung "leichte und schwere Wörther" begann, setzte sich über NG 80 und LK fort bis zum SK, den Mitte der 90er-Jahre der Actros 1 ablöste. Zu dieser Zeit änderte sich nicht nur der Lkw, sondern auch die Fertigung grundlegend: Aus der klassischen Automatisierung wird eine flexible Rohbauanlage.

Vom Actros über die Mittleren und Leichten bis hin zu Unimog sowie Econic rollt heute alle drei ­Minuten ein Lkw vom Wörther Band. Die Zahl der Varianten beläuft sich auf rund 70.000 – es gleicht kaum ein Fahrzeug dem anderen. Ungefähr 1.000 Lieferanten bringen täglich an die 4.000 Tonnen Material ins Werk. Das wiederum exportiert um die 60 Prozent der Produktion in mehr als 150 Länder dieser Erde. In Deutschland stammt fast jeder zweite zugelassene Lkw aus Wörth.

Autor

Foto

Archiv Michael Kern

Datum

3. August 2015
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