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Mercedes-Benz Actros 1845: Spezialist für den Motorsport

Werner Glöckner transportiert nicht nur Boliden mit Seltenheitswert, er fährt auch einen. Sein Actros mit Spezialauflieger ist ein echter Hingucker.

Kaum ist der silbergraue Sattelzug auf den Parkplatz gerollt, nähert sich auch schon der erste Kollege und schießt ein paar Handy-Fotos. Respektvoll nickend mustert er den Actros mit den blitzenden Chromfelgen und dem nagelneuen Kofferauflieger. Auf der Autobahn geht die Show weiter: Der Mann am Steuer eines überholenden Lkw hat die ­Augen rechts und den Daumen oben.

Trailer ist eine Sonderanfertigung von Schuler Spezialfahrzeuge

Keine Frage – wo Werner Glöckner mit seinem Motorsport-Zug auftaucht, ist ihm Aufmerksamkeit garantiert. Der Trailer ist eine Sonderanfertigung von Schuler Spezialfahrzeuge aus Altensteig, bislang ein echtes Einzelstück. Die Seitenwände des Koffer­aufliegers öffnen sich per Hydraulik fast wie  beim legendären Flügeltürer-Mercedes. Das passt, denn als aktuelle Nachfolger parken regelmäßig einige SLS von AMG im Renntransporter. Erst gestern holte Werner welche am Nürburgring ab.
 Heute geht es nach München, um ein paar der berühmten BMW Art Cars zu laden. Sie müssen nach Paris.

Ziel ist der BMW-Brandstore in Paris

Dort sollen sie im BMW-Brandstore die Herzen der französichen Kunst- und Autoliebhaber höherschlagen lassen – und sie dazu bewegen, beim nächsten Autokauf ein Fabrikat aus München zu wählen. Für Werner bedeutet das allerdings, wieder ein Wochenende nicht zu ­Hause bei seiner Familie zu sein. Denn der Transport beginnt am Freitag – abladen kann er in Paris dann erst am Montag. Im Morgengrauen, versteht sich, bevor die Blechlawinen der Pendler die Metropole lahmlegen. "Ins Zentrum zu fahren, während die Stadt erwacht, ist ein tolles Gefühl", schwärmt Werner. "Doch bis dahin muss ich mich auf ­einem Rasthof in einem der Vororte langweilen." Seinen Sattelzug verlassen und die Stadt erkunden darf er nicht – dafür ist die Fracht viel zu wertvoll. Jedes der BMW Art Cars ist mit einer Million Euro versichert. Die Werte steigen stetig. Schließlich sind viele der Künstler, die seit den 70er-Jahren insgesamt 17 Tourenwagen verschönert haben, weltbekannt.

Planitzer Trans-Sporting ist auf den Transport edler und schneller Autos spezialisiert

Auf den Transport edler und schneller Autos hat sich Werners Arbeitgeber, Planitzer Trans-Sporting, vor rund 20 Jahren spezialisiert. Mit schwäbischer Gründlichkeit haben sich die Schwieberdinger seither fest im Motorsport etabliert. Der Fuhrpark wird den Anforderungen der Kunden angepasst und besteht daher aus allerlei Unikaten – allen voran Werners Silberpfeil.

Mischung aus Motorsportauflieger und Volumenauflieger

"Die Grundidee war vor anderthalb Jahren, dass wir sechs Mercedes SLS GT3 laden können. Mir ist ein riesiger Stein vom Herzen gefallen, als das beim Test geklappt hat", erzählt er. Horst Planitzer, der Sohn des Speditionsgründers, unterstreicht zudem die Besonderheit des Trailers: "Die Mischung aus reinrassigem Motorsportauflieger und geschlossenem Volumenauflieger ist einzigartig. Es gibt nur zwei, drei Hersteller auf diesem Gebiet."

Der Chef lässt den Fahrer mitreden

13,90 Meter Länge, 2,54 Meter Breite, 4,00 Meter Höhe, etwa 300 Meter Hydraulikleitungen, 30 Sensoren und nicht zuletzt  die Optik verleihen dem Trailer in der Tat Seltenheitswert. Die Ladebordwand trägt bis zu 3.500 Kilogramm. Das zulässige Gesamtgewicht liegt bei 33,8 Tonnen. Im Inneren lassen sich auf zwei Ebenen insgesamt sechs Tourenwagen unterbringen. Per Funkfern­bedienung steuert Werner die komplette Hydraulik. So viel Raffinesse brachte eine aufwendige Entwicklungs- und Bauphase mit sich. "Das Ding hat mich einige Nerven gekostet", berichtet Werner. "Ich habe mich während der Bauphase voll reingekniet und bin regelmäßig zu Willi Schuler gefahren." Als gelernter Kfz-Mechaniker und mit mehreren Jahren "Trans-Sport"-Erfahrung konnte er wichtige Impulse geben – was Planitzer dankend angenommen hat. "Wo lässt der Chef heute noch den Fahrer mitreden?", lobt Werner seinen Arbeitgeber. "Es ist ein gutes Gefühl, wenn einem die Firma so ein schönes Fahrzeug anvertraut."

Gigaspace-Fahrerhaus lässt kaum Wünsche offen

Auch bei den Zugmaschinen legt Planitzer Wert auf eine gute Ausstattung. So lässt das Gigaspace-Fahrerhaus von Werners ­Actros 1845 kaum Wünsche offen. Um den Lowliner in Einklang mit dem Spezialauflieger zu bringen, waren noch ein paar Umbauten nötig. "Die Schwierigkeit war, dass du die zwei großen, insgesamt 1.000 Liter fassenden Tanks ab Werk nur ohne Seitenverkleidungen erhälst", erzählt er, "weil du sonst auf über 2,55 Meter Breite kommst. Aber da mein Chef auch auf die Optik Wert legt, musste eine Sonderanfertigung her."

Sonderanfertigung lieferte Janiak aus Asperg

Diese lieferte Janiak aus Asperg. Ein Tritt ist nun weg, der andere verkürzt und die Seiten­mar­kierungsleuchten sind versetzt. "Sonst ist alles serienmäßig", grinst Werner. "Vom Nebenabtrieb für die Aufliegerhydraulik abgesehen." Die Hydraulikpumpe sitzt im Actros, der 180 Liter fassende Öltank im Auflieger. Das Hydrauliksystem ist sensorüberwacht und schaltet bei Überhitzung automatisch ab. Für den Fall der Fälle hat Schuler jedoch noch einen systemunabhängigen „Noteinstieg“ am Auflieger vorgesehen.

Ganz wie sein Arbeitgeber hat auch Werner im Motorsport seine Nische gefunden. Nach vier Jahren Bundeswehr und mit sämtlichen Führerscheinen in der Tasche, war er in die Transportbranche eingestiegen. "Auf die knallharte Tour", wie er sagt. Dreieinhalb Jahre fuhr er Paletten, Schwertransporte und Kühlware bei einer Spedition in Hessen. "Da habe ich mir bald gesagt, das kann’s nicht gewesen sein, dafür hast du nicht die ganzen Lehrgänge gemacht." Also suchte er eine ­Alternative – mit dem Ergebnis, dass er zehn Jahre lang Abschlepp- und ADAC-Rückholdienste für ein Unternehmen in Siegen fuhr.

"Werner, willste hier anfangen?"

"Das war ein toller Job. Du bist dorthin gefahren, wo die Leute Urlaub machen. Doch mit der Expansion des Unternehmens wurde auch das Betriebsklima schlechter." Zu Planitzer bestand damals schon ein Geschäftskontakt, aber der Fahrerbedarf in Schwieberdingen war noch zu gering. "Die hatten damals nur zwei Sattelzüge." Doch irgendwann klingelte das Telefon: "Werner, willste hier anfangen?" Und so kam der Hesse von heute auf morgen zum Motorsport. Die Entscheidung hat er nie bereut. "Wir grillen gemeinsam, werden zu Geburtstagen der Familie Planitzer eingeladen und unternehmen was zusammen. Allzu oft sehen wir uns natürlich nicht, da wir Aufträge ohne Ende haben und lange unterwegs sind." Junge Fahrer zu finden wird daher immer schwieriger. Wer sich auf die nicht alltägliche Arbeit einlässt, so seine Erfahrung, findet in der Motorsportfamilie aber garantiert eine zweite Heimat.

Berühren der Kunstwerke nur mit weißen Handschuhen erlaubt

Wie recht er damit hat, zeigt sich schon beim Laden bei der BMW Group Classic in München. Man kennt sich – und das nicht erst seit gestern. "Die Zusammenarbeit klappt prima. Wir waren sogar gemeinsam bei der Olympiade in London und haben mit vier Lkw alle Art Cars dorthin gebracht." Zum Anfassen der vierrädrigen Kunstwerke müssen sich alle weiße Handschuhe überstreifen, wie sie auch Museumskuratoren tragen. Hinzu kommt eine weitere Besonderheit: "Nur wir dürfen die Art Cars bewegen", erzählt BMW-Mitarbeiter Christian Kügele. "Das heißt, wir fahren oder fliegen dem Transport immer hinterher." Wenn Werner also beim Brandstore in Paris ankommt, wird Kügele schon auf ihn warten.

Polieren der Felgen gehört dazu

Bis dahin gilt es aber einige Kilometer und vor allem den Freitagnachmittagverkehr zu bewältigen.  Der erste Stau wartet – wie so oft – am Kreuz Stuttgart. Eine dreiviertel Stunde und wenige Kilometer später löst er sich plötzlich in Luft auf. Werner ärgert sich: "Die Zeit kriegen wir nicht mehr rein. Ich mache drei Kreuze, wenn wir aus Deutschland raus sind." Einen kurzen Stopp nutzt er zum Polieren der Felgen. "Ich bin sehr ordentlich, da wundern sich viele."

Als später 30 Minuten Pause anstehen, rollt Werner über die A 65 – und einen Parkplatz hat er seit Pforzheim nicht mehr gesehen. Mit vier Stunden und 27 Minuten auf der Uhr hält er im Industriegebiet Kandel-Nord. Hier gibt es zwar einen großen Baumarkt, aber keinen Bäcker weit und breit. Auch der Imbisswagen ist geschlossen. "Das sind die Momente, in denen mir mein Beruf auf die Nerven geht", spricht der hungrige Magen aus Werner. Anschließend fährt er noch eine Weile dem herrlichen Sonnenuntergang entgegen. "So etwas entschädigt für das frühe Aufstehen und die manchmal unmöglichen Arbeitszeiten", schwärmt er.

Pause am Autohof

Am Maxi-Autohof Kirchheim ist Feierabend. Der Parkplatzwächter kassiert zehn Euro und Werner sucht sich einen Stellplatz, auf dem er möglichst nicht zugeparkt werden kann.
Der Samstag beginnt um fünf Uhr. Die Autobahn Richtung Kaiserslautern ist praktisch leer – nur ein gelber Waberer’s-Sattelzug ist auch schon unterwegs. Viele weitere begegnen ihm später noch – keine Konkurrenz. Beim Kaffee ist Werner bereits von Kollegen angesprochen worden: "Gehört dir dieser schöne silberne Lkw?" "Man fällt halt auf damit", weiß Werner, "deswegen fahre ich in Frankreich lieber ab und zu auf Sicherheitsparkplätze."

"Das ist so schön, eine leere Autobahn."

Bald darauf ist die Grenze überschritten und die Straße ähnelt – bis zum Beginn der mautpflichtigen Autobahn – dem reinsten Flickenteppich. An einem französischen Rasthof ist Frühstück angesagt: stilecht mit einem frischen Baguette aus dem Tankstellenladen. Die Autobahn nach Paris ist gähnend leer – genauso wie die Landschaft links und rechts der Piste. "Das ist so schön, eine leere Autobahn. Aber wenn man müde wird, auch gefährlich", sagt Werner, das trostlose Rest-Wochenende auf einem Pariser Rasthof schon vor Augen. Um die Mittagszeit ist eine letzte Pause angesagt. Die Toilette auf dem Parkplatz ist die reinste Zumutung: landes­typisches Loch im Boden, Türschloss abmontiert und vom Papier nur noch die Karton­rolle übrig. "Aber das ist alles noch human gegenüber denen in Osteuropa", scherzt Werner. Wenig später erreicht er den Rasthof, der nach dem Pariser Vorort Bussy St. Georges benannt ist. Bis Montagmorgen ist hier Endstation. Dann wird ihn Christian Kügele beim BMW-Brandstore in Empfang nehmen und mit ihm eine ganze Schar Art-Car-interessierter Lokalreporter.




Kunst auf vier Rädern

BMW Art Cars – hinter dem Begriff verbergen sich BMW-Modelle, an denen die bekanntesten Künstler der Gegenwart Hand beziehungsweise Pinsel, Airbrush oder Folie angelegt haben. Roy Lichtenstein gehörte dazu, Andy Warhol sowieso und zuletzt Jeff Koons. 1975 wurde erstmals ein BMW in ein rollendes Kunstwerk verwandelt. Auf Anregung des französischen Auktionators und Rennfahrers Hervé Poulain kreierte Alexander Calder das erste Art Car. Für die Bemalung verwendete der amerikanische Künstler ausschließlich Primärfarben, die er großflächig und mit geschwungenen Linien auf dem Lack des BMW 3.0 CSL verteilte. Ein Auto als Kunstwerk, schon das sorgte damals für Furore. Sensationell war allerdings, dass der 480-PS-Bolide auch noch beim 24-Stunden-Rennen in Le Mans an den Start ging. Inzwischen gibt es 17 Art Cars, die – wenn sie nicht in den heiligen Hallen der BMW Group Classic in München stehen – an wechselnden Orten rund um den Globus ausgestellt werden. Ihr Wert steigt ständig und damit auch die Anforderungen bei ihrem Transport. Neben den Art Cars beherbergt die BMW Group Classic etwa 1.200 Exponate – von Autos über Motorräder bis hin zu Flugzeugen. Die Sammlung wächst ständig, wie Cheflogistiker Stefan Wupper betont. "Von jeder Serie kommen ein Vorläufer und ein Facelift-Exemplar zu uns." Kein Wunder, dass er sehnsüchtig auf den Umzug in eine neue Halle wartet.

Sportlich

Von null auf hundert: Als Subunternehmer für Spediteure im Stuttgarter Raum haben Erika und Horst Planitzer sen. im Jahr 1977 begonnen. 1991 wandten sie sich dem Fahrzeug-Einzeltransport zu – und wählten damit die, wie sich herausstellen sollte, richtige Nische im Transportgewerbe. Seither hat sich Planitzer Trans-Sporting e. K. zu einem Transportspezialisten rund um den Motorsport entwickelt. Daher auch das Wortspiel im Firmennamen. Heute umfasst das Unternehmen 30 Mitarbeiter, darunter 22 Fahrer, 20 ziehende Einheiten und zwei Lagerhallen. Sitz ist seit 1984 das Industriegebiet im nordwestlich von Stuttgart gelegenen Schwieberdingen. Neben Transport und Lagerhaltung bietet Planitzer auch einen spontan verfügbaren Reparaturservice für Schäden an, die die Fahrzeuge im Rennzirkus erleiden. Im Speditionsfuhrpark selbst dominiert Mercedes-Benz. Die Auflieger beziehungsweise Aufbauten stammen von Lohr, Kässbohrer, Schuler Spezialfahrzeuge, FGS und weiteren Herstellern. Wegen der wertvollen Fracht tragen die Fahrer, wie Horst Planitzer jun. betont, ein überdurchschnitt­liches Maß an Verantwortung. Doch nicht nur das: Auch Fremdsprachenkenntnisse und Souveränität im Umgang mit Promis und ungeduldigen Rennsportleitern sind gefragt. Die Touren erstrecken sich meist über Tage oder Wochen – also Fernverkehr pur.

Johannes Roller, Redakteur FERNFAHRER

Autor

Foto

Roller, BMW, Techel

Datum

12. August 2014
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