Stefan Noerpel-Schneider Zoom

Noerpel: B2C noch nicht auskömmlich

Logistiktrends und der Mittelstand: Spediteur Stefan Noerpel-Schneider über neue Kundenaufträge und das Top-Thema Digitalisierung.

trans aktuell: Herr Noerpel-Schneider, wie war das Jahr 2016?


Noerpel-Schneider: 2016 war ein gutes Jahr. Nicht nur das Ergebnis zeigte sich positiv, auch der Konsolidierungsprozess der 2014 von Noerpel erworbenen Ascherl-Gruppe ist weiter gut gelaufen. Insgesamt sind wir organisch um fünf Prozent gewachsen.

Und was steht 2017 an?


Wir sind jetzt im März für den Mineralölkonzern BP gestartet, für den wir deutschlandweit die Lagerhaltung und Distribution von Schmierstoffen übernehmen. Das sind bis zu 400 Sendungen pro Tag und ein Logistikvolumen von knapp 30.000 Palettenplätzen. Zum 1. Oktober beziehen wir dafür in Hamburg ein Multi-User-Warehouse. Auch an unserem Standort Hilden haben wir große Projekte gewinnen können, etwa einen großen Teil der nationalen Distribution für Henkel.

Erst kürzlich haben Sie für den Kunden Gardena am Standort Ulm den Bau eines 33.000 Quadratmeter großen Logistikzentrums gestartet.


Das wollen wir zum 1. September beziehen. Mit dem Zentrum übernehmen wir die Produktionsversorgung von Gardena und rechnen mit bis zu 2.000 Palettenbewegungen am Tag. Außerdem lagern wir dort auch Fertigwaren.

Die Immobilie gehört Ihnen selber?


Ja, wir finanzieren den Neubau auf herkömmliche Art, auch der Baugrund gehört uns. Für uns haben Immobilien eine langfristige strategische Bedeutung – die Rendite aus den Immobilien macht das margenschwache Speditionsgeschäft sicherer. Der Bau belastet uns zunächst bilanziell, aber auf lange Sicht betrachtet macht das finanziell Sinn – da sind wir urschwäbisch.

Welchen Anteil hat die Logistik inzwischen am Umsatz?


Mit Logistik erwirtschaften wir inzwischen rund 40 Millionen jährlich, mit der Zeitarbeit etwa zehn Millionen. Umsatzstärkster Bereich ist aber weiter die Spedition mit rund 250 Millionen. Das bleibt auch weiterhin das Zugpferd – das Massengeschäft wird weiterhin für uns große Bedeutung haben.

Dennoch verändert sich der Markt – wie sieht er wohl in zehn Jahren aus?


Die größte Veränderung bringt sicher das B2C-Geschäft mit sich – inzwischen steigen ja auch Baumärkte mit ein und vergrößern das Volumen. Einiges sehe ich als klassischer Spediteur aber auch kritisch. Beim Privatkunden gibt es etwa keine Wareneingangsprüfung – was bedeutet das für das Thema Haftung?

Die Stückgutkooperation IDS, deren Beiratsvorsitzender Sie sind, baut das Geschäft auch weiter aus.


Der B2C-Anteil beträgt mehr als 15 Prozent. IDS hat sich mit seinem B2C-Produkt Advanced Delivery Note via SMS oder Mail und der damit verbundenen automatischen Vergabe von Time-Slots bereits super aufgestellt. Generell gilt aber für B2C-Sendungen, dass die Sendungsgewichte niedriger und damit der Ertrag kleiner wird, während der Aufwand höher ist – es gibt ja keine Stopp-Verdichtung wie in anderen Bereichen. Also ist das Segment kostenintensiv. Stand heute ist es noch nicht auskömmlich bezahlt.

Die Branche wird derweil noch mit anderen Trends und Entwicklungen bombardiert – was spielt für einen Mittelständler wirklich eine Rolle?


Das Thema Digitalisierung haben viele Kunden auf dem Radar. Aber im Tagesgeschäft wollen sie dann doch den Lieferschein und den Frachtbrief auf Papier – und reden gleichzeitig über 4.0. Ein Fortschritt wäre doch, wenn wir die Prozesse an heutige Verhältnisse anpassen könnten – etwa, dass die DFÜ sauber läuft oder die Ablieferdaten in die Systeme unserer Kunden sauber zurückgespielt werden könnten. Da ist insbesondere die Industrie gefragt. Wenn wir Ablieferbelege und die Rechnungen digital an unsere Kunden versenden dürften, wären wir schon weit. Noerpel hat allein aus dem Rechnungsversand rund 10.000 Euro Portokosten pro Monat.

Wie ist die IT bei Noerpel aufgestellt?


Wir haben dieses Jahr begonnen, eine neue IT von Anaxco einzuführen. Über alle Standorte wird das zwei Jahre dauern. Die Lösung ersetzt sechs verschiedene Systeme und läuft ziemlich unproblematisch auf Windows-Ebene. Mit der neuen IT wird auch vieles ersetzt, was bisher mit der Hand am Arm gemacht wurde – das verbessert die Qualität und bringt auch unsere Prozesssicherheit auf ein völlig neues Level.

Wie viel lassen Sie sich das kosten?


Die Investition beläuft sich auf rund vier Millionen Euro.

Kann eine Software auch in Zukunft das Fahrerproblem der Branche lösen?


Vielleicht wird es in 20 Jahren tatsächlich selbstfahrende Lkw geben – aber nicht in der Vollständigkeit, wie die Wirtschaft sie braucht, das müssten ja Millionen sein. Auch die Infrastruktur kann das nicht hergeben. Auf Lkw-Fahrer werden wir also nicht verzichten. Auch, weil die Kommunikation ein Bindeglied zum Kunden ist – ein Fahrer fährt ja nicht nur, sondern ist ja auch mit den manchmal sehr speziellen Kundenanforderungen betraut.

Noerpel hat keine eigenen Lkw?


Wenige. Aber wir disponieren seit Jahren feste Partner, ohne die wir unser Geschäft nicht machen könnten. Dabei ist uns der Qualitätsanspruch sehr wichtig, da wir wenig Komplettladungen, sondern hauptsächlich Teilpartien und Stückgut haben. Dabei sind Disposition und das fahrerische Können sehr wichtig. In den meisten Verkehren setzen wir auf deutsche Unternehmen, aber ohne ausländische Anbieter würde das Geschäft schon mengenmäßig auch nicht zu schaffen sein, etwa bei Transporten nach England oder Frankreich.

Noerpel hat einen Geschäftsbereich Personaldienstleistungen. Wie wirkt sich das seit 1. April gültige Gesetz zur Zeitarbeit und Werkverträgen hier aus?


Grundsätzlich arbeiten wir nicht auf Basis von Werkverträgen. Unsere 400 Mitarbeiter in der Zeitarbeit arbeiten fast ausschließlich für die eigenen Kunden, um etwa saisonale Spitzen abzudecken. Und die bezahlen die Mitarbeiter gut. Ganz grundsätzlich finde ich: Der deutschen Wirtschaft geht es glänzend, man sollte also alles tun, damit die ökonomische Schere nicht weiter auseinander geht.

Engagieren Sie sich deshalb auch für Flüchtlinge?


Wenn man die Möglichkeit hat, zur Integration beizutragen, dann sollte man das auch nutzen. Wir haben derzeit zehn Flüchtlinge als Auszubildende, darunter ein angehender Kaufmann für Speditions- und Logistikleistungen, aber auch Azubis im Lager und Fahrer. Spedition und Logistik ist harte Arbeit. Den Menschen, die hier arbeiten, muss man Respekt entgegenbringen.

Zur Person

  • Stefan Noerpel-Schneider ist seit 1989 Geschäftsführer bei C.E. Noerpel, seit 1998 geschäftsführender Gesellschafter
  • Studiert und seinen Abschluss gemacht hat er an der Musikhochschule Stuttgart
  • Er ist verheiratet und hat zwei Kinder (26 und 24 Jahre)

Das Unternehmen

  • Das Unternehmen C.E. Noerpel wurde 1881 gegründet
  • Heute hat die Gruppe mit Hauptsitz Ulm rund 1.700 Mitarbeiter an 13 Standorten und erwirtschaftete 2015 einen Umsatz von 300 Millionen Euro
  • Die Geschäftsbereiche sind Spedition, Logistik, Co-Packing und Arbeitnehmerüberlassung

Ilona Jüngst

Autor

Foto

Stroomer PR/Noerpel

Datum

4. Mai 2017
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