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LNG für Lkw: Mit Vollgas voraus

In Deutschland ist LNG ein Exot – Nachbarländer setzen hingegen bereits Pläne in die Tat um.

Der Erdgaslieferant Axègaz und der Transportlogistiker Groupe Charles André (GCA) haben sich in Frankreich unter dem Dach des EU-Projekts „LNG Motion“ zusammengetan. Die erste öffentliche LNG-Tankstelle (Liquefied Natural Gas – Flüssigerdgas) ist seit Ende Mai an einem großen Nord-Süd-Korridor südlich von Lille (Lille-Lesquin) in Betrieb. Läuft alles nach Plan, sind bis Ende 2016 weitere Stationen in Sainte-Geneviève-des-Bois bei Paris, Dijon, Corbas and Orange fertiggestellt. Und das ist erst der Beginn von dem, was als ein europäisches Netz entlang von sechs TEN-T-Korridoren geplant ist. 

Bis 2019 sollen insgesamt 42 Tankstellen in neun europäischen Ländern entstehen: Frankreich, Belgien, den Niederlanden, Deutschland, Polen, Spanien, Italien, Ungarn und Rumänien. Damit werde der Straßentransport umweltfreundlicher, betont Edouard de Montmarin, Entwicklungsdirektor bei Axègaz Solutions Transport gegenüber trans aktuell. Die erste mobile und kompakte Station in Lesquin wurde gezielt an einen Autobahnknotenpunkt gelegt, wo sich A 1, A 22 und A 23 treffen, und hat eine Kapazität von 20 Kubikmetern, für Ende 2017 sind 60 Kubikmeter vorgesehen. 

Die Tankstelle soll französische und europäische Transportunternehmen ansprechen. Sie könne dazu beitragen, dass diese ihre Flotten nach und nach auf LNG umstellen, berichtet Montmarin. Denn die Vorteile des Gasantriebs seien offensichtlich: "Eine zehnprozentige Reduzierung von CO2-Emissionen, 70 Prozent weniger Stickoxide und nahezu kein Feinstaub, dabei wird gleichzeitig der Lärm um die Hälfte reduziert." Werde Biomethan getankt, gingen die CO2-Emissionen um mehr als 60 Prozent herunter. 

Tanken nur mit Karte

An der Selbstbedienungs-Station in Lille braucht man die kostenlose Axègaz-Karte, über die auch Fahrer und Nummernschild automatisch identifiziert werden. Der LNG-Tankvorgang dauert nicht länger als bei einem Dieselfahrzeug, die Preise für das Gas seien nach der getankten Menge gestaffelt, sagt Montmarin. "Bei einem Preisunterschied von 15 Cent zwischen einem Kilo Gas und einem Liter Diesel haben sich die zusätzlichen Kosten für ein Gasfahrzeug, das jährlich 100.000 Kilometer zurückgelegt, in weniger als zwei Jahren amortisiert."

Für den technischen Direktor von GCA, Claude Blanc, sind zwei Dinge wichtig: "Wir brauchen ein dichtes Vertriebsnetz und Hochleistungs-Lkw, damit eine kos­ten­effek­ti­ve Einführung von CNG oder LNG in jedem Bereich des Straßentransports möglich wird." GCA mit einer Flotte von insgesamt 5.000 Zugmaschinen plant, 200 LNG-Fahrzeuge anzuschaffen. Ein Gutteil der Mehrkosten für die Gas-Lkw kann über Subventionen für das EU-Projekt abgedeckt werden. Im Rahmen des Programms Connecting Europe Facility (CEF) als Studie aufgelegt, schießt die EU mit 27,8 Millionen Euro die Hälfte zu den Gesamtinvestitionen von rund 55 Millionen Euro dazu.

Vorzeigeprojekt soll die Tankstelle in Corbas werden, wo GCA mit mehreren Unternehmenstöchtern sitzt. Dazu gehören der 2013 von SNCF erworbene Kombi­ver­kehrs­opera­teur Novatrans, der Automobillogistiker Walon und der Behälterreiniger Lavarhone. "Sie alle können von der alternativen Energie Gas profitieren", sagt Montmarin. Bei GCA geht man davon aus, dass der Erfolg dieses Vorhabens ein Sprungbrett für die Akzeptanz von Gas im europäischen Straßentransport ist, und setzt darauf, dass die Autobauer ihre Ankündigung wahr machen, schnell leistungsfähigere Gasmotoren auf den Markt zu bringen.

Perrenot kauft Gas-Lkw

GCA ist nicht das einzige französische Unternehmen, das umschaltet. Im Juni hat Iveco eine Bestellung von 250 erd­gas­betrie­be­nen Fahrzeugen durch die Grup­pe Jacky Perrenot verkündet. Vorgesehen ist die Lieferung von 200 Stralis NP (Natural Power)  LNG-Sattelzugmaschinen sowie 50 Stralis NP CNG(Compressed Natural Gas – komprimiertes Erdgas)-Gliederzugmaschinen. Das kürzlich vorgestellte Modell Stralis Natural Power ist Iveco zufolge der erste LNG-betriebene Lkw für den Fernverkehr mit Automatikgetriebe, Fernverkehrsfahrerhaus und einer Reichweite von bis zu 1.500 Kilometern. 

Auch die französische Regierung mischt bei dem Thema mit. Sie hat im Rahmen ihres Programms "Zukunftsinvestitionen" Mitte Juli eine Ausschreibung für integrierte Lösungen zur Erdgas- und Biomethan-Mobilität gestartet. Voraussetzung ist unter anderem, dass mindestens fünf öffentliche Tankstellen gebaut werden und das Zwanzigfache an Fahrzeugen auf die Straßen kommt. Pro Einheit von einer Tankstelle und 20 Fahrzeugen beträgt die Förderung 300.000 Euro. Davon sind 100.000 Euro Subventionen, der Rest ist ein rückzahlbarer Vorschuss.

LNG in Deutschland

  • Die Deutsche Energie-Agentur (Dena) hat Anfang 2015 eine nationale Strategie und klare Zielvorgaben für LNG im Straßengüterverkehr empfohlen
  • Grund: Ohne staatliche Eingriffe werde der Markt für LNG im deutschen Straßenverkehr keine Fortschritte erzielen können
  • Ziele: Pilotflotten könnten von der Maut befreit werden, wichtig sei überdies eine steuerliche Bevorteilung sauberer Kraftstoffe 
  • Ende 2015 hat die Dena eine LNG-Taskforce gegründet, die die Marktentwicklung branchenübergreifend koordinieren soll

Die Projektstudie

  • Die von Axègaz angestoßene Projektstudie LNG Motion erhält aus der 
  • Connecting Europe Facility for Transport (CEF-T) eine 50-prozentige Förderung in Höhe von 27,8 Millionen Euro 
  • Sie soll LNG-Tankstellen für Lkw entlang den TEN-T-Kernkorridoren zum Durchbruch verhelfen
  • Beteiligt sind neben GCA die beiden niederländischen Unternehmen Hezelburcht und Pitpoint
  • Hezelburcht unterstützt Firmen bei der Akquise von Finanzhilfen und Subventionen, Pitpoint arbeitet an der Verbreitung von sauberen Tankstellen in Europa und ist nach eigenen Angaben in den Niederlanden der Hauptversorger mit CNG/Biomethan und LNG
  • Mit im Boot ist auch Mabanaft, die Handelstochter von Marquard & Bahls, einem in Hamburg ansässigen unabhängigen Mineralölunternehmen in Privatbesitz

Das Unternehmen

  • Das auf Massen- und Gefahrgut spezialisierte Unternehmen Groupe Charles André (GCA) aus Montélimar hat ein europäisches Netzwerk mit 85 Tochtergesellschaften und Partnern in 15 Ländern
  • Die Zahl der Beschäftigten liegt bei 7.000 Mitarbeitern, darunter 4.500 Fahrer
  • Zur Fahrzeugflotte gehören 5.000 Zugmaschinen
  • Das Familienunternehmen wird von der Enkelin des 
  • Firmengründers Charles André, Delphine André, geleitet
  • Der Umsatz betrug 2015 rund eine Milliarde Euro
Dieser Artikel stammt aus Heft trans aktuell 17/2016.
Hier finden Sie alle Artikel dieser Ausgabe im Überblick.

Autor

Foto

Axegaz/Nicolas Rodet

Datum

25. August 2016
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