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Lkw-Reifentechnologie: Dreimal Güteklasse A

Michelin hat es als erster Hersteller geschafft, mit Pneus für alle drei Achspositionen des Lastzugs die Bewertung "A" beim Rollwiderstand zu erreichen.

Ob Staaten oder Banken: Ein dreifaches "A" ("Triple A") in der Bewertung durch die Rating-Agenturen ist das Höchste der Gefühle und macht das Leben leichter. Beim Reifen wiederum gibt es in der Kategorie Rollwiderstand maximal ein einziges "A". Um dort zum Triple A zu gelangen, braucht es dieses "A" schon auf allen Achspositionen. Und genau das ist Michelin als erstem Hersteller nun gelungen.

Bisher gab es diese Bestnote A hier und da für Trailerreifen: Die sind in dieser Richtung relativ leicht zu optimieren, da der Pneu an der gezogenen Einheit im Wesentlichen bloß brav hinterherzulaufen hat. Seitenführung und Grip spielen keine so große Rolle wie auf den beiden anderen Achspositionen. Und deshalb haben die Hersteller dort relativ leichtes Spiel mit dem Optimieren des Rollwiderstands – zumindest verglichen mit dem, was sie bei Lenkachs- oder Treibachsreifen in dieser Hinsicht erwartet.

Verschiedene Anforderungsprofile für jede Achse

Dort verhält sich die Sache ganz anders. Der Lenkachsreifen zum Beispiel muss vor allem gute Seitenführung und Bremseigenschaften gewährleisten. Die Aufgabe des Treibachs-Pneus wiederum besteht hauptsächlich aus bestmöglicher Verzahnung mit der Fahrbahn. Beide Reifen sind ­also auf eine gewisse Beweglichkeit angewiesen. Und genau das macht die Sache mit dem Rollwiderstand schwierig. Salopp gesagt entsteht Rollwiderstand aus der Eigenbewegung eines Reifens, je mehr er walkt, desto höher wird sein Rollwiderstand sein.

Am schnellsten waren die Mannen von ­Michelin beim Trailerreifen so weit, dass er die nötige Reife für eine A-Klassifizierung bei den Leichtlaufqualitäten hatte. Seit Anfang 2013 gibt es schließlich schon den trailertypisch längsrillenbetonten Pneu X Line Energy T ("T" steht dabei für Trailer). Den günstigen Rollwiderstand richtet bei ihm unter anderem der Werkstoff Carbion, wie Michelin diese relativ neue Gummimischung für die Lauffläche nennt.

Wer ein Faible für die Breite 385 hat, der bekommt sie bald mit 55er-Querschnitt und ­A-Klassifizierung nicht nur für den Trailer, sondern auch für die Lenkachse. Gegenüber dem bisherigen Breitreifen für vorn hat Michelin beim neuen X Line Energy F ("F" wie Front) das Profil etwas geändert. In der Mitte ist es nun geschlossener als zuvor und steht somit für eine geringere Verformung der Lauffläche beim Rollen. Statt vier Längsrillen gibt es davon nur noch drei. Es bleibt aber bei der M+S-Markierung sowie bei der seitlichen, die Gischt reduzierenden Lippe namens Antisplash-Ableitkontur.

Michelin verspricht mehr Laufleistung

Trotz reduziertem Rollwiderstand stellt Michelin für diesen Reifen "zehn Prozent mehr Laufleistung" im Vergleich zum aktuellen 385/55er vom Schlage der XFA Energy Anti-
splash in Aussicht. Verglichen mit einem 315/70er aus der Reihe X Line Energy Z sollen es gar "bis zu 20 Prozent" sein. Dahinter steckt allerdings nicht nur das neue Profildesign, sondern ein ganzes Bündel an zusätzlichen Maßnahmen, die Michelin folgendermaßen beschreibt: "Neue Gummimischungen, Energy-Flex-Karkasse und Lamellen, die für einen gleichmäßigen Abrieb sorgen." 

Das Prinzip der fester denn je geschlossenen Reihen in der Mitte der Lauffläche übernimmt auch der neue Traktionsreifen X Line Energy D2. Dazu gesellt sich die zweite Generation des sogenannten Infinicoil-Verfahrens: einer Endloswicklung des Drahtseils, das die bewegten Massen verringert und somit den Rollwiderstand mindert. Exakt 2,5 Kilogramm weniger bringt die Karkasse auf die Waage als diejenige des Vorgängers. Und bei der Lauffläche ist obendrein – erstmals beim Lkw-Reifen – der Ruß vollständig durch Silika ersetzt. Hintergrund ist: Weniger Gummimasse bedeutet immer noch einmal reduzierten Rollwiderstand. Soll aber die Laufleistung gleichbleiben, müssen widerstandsfähigere Komponenten her – in diesem Fall eben Silika statt Ruß.

Erhältlich ist dieser neue Hinterachsreifen namens X Line Energy D2 dann erst einmal in der Größe 315/70 R 22,5 und passt somit von der Dimension her perfekt zum neuen Leichtlauf-Lenkachsreifen 385/55 R 22,5. Zur IAA erstmals gezeigt, sollen die beiden A-Klasse-Novizen für Treib- und Lenkachse aber erst im Laufe des Jahres 2015 in Serie gehen. Sie werden auch alle beide zunächst nur in der Erstausrüstung bei den Lkw-Herstellern verbaut. Die mit Triple A mögliche Ersparnis beim Sprit gegenüber den bisherigen Michelin-Spitzenreitern in den gleichen Dimensionen beziffert Michelin auf "bis zu einem Liter pro 100 Kilometer".

Stichwort Silika

Weißes Pulver für schwarze Kunst: Silika heißt das Salz der Kieselsäure, von dem Gummimischungen für Laufflächen vor allem in einer Hinsicht profitieren. Es wirkt stabilisierend auf die Verbindungen zwischen den einzelnen Bestandteilen der Gummimischung. Daraus resultiert eine höhere Reißfestigkeit, die den Abrieb reduziert und die Laufleistung erhöht. Ummünzen lässt sich das zudem in verbessertes Haftvermögen, weil die Mischung der höheren Festigkeit wegen weicher konzipiert werden kann.

Taraxacum von der grünen Wiese

Grüne europäische Wiese statt tropischen Forsts: Das schwebt Continental als künftige Quelle für den Reifenrohstoff Kautschuk vor. Einen ersten Versuchsreifen mit Kautschuk auf Löwenzahnbasis stellte Continental auf der IAA in Hannover vor und strebt eine Serienproduktion in fünf bis zehn Jahren an. Sinn der Übung: "Die Reifen nachhaltiger und unabhängiger von traditionellen Rohstoffen zu machen." Lorbeeren gab’s dafür schon in Gestalt des Umwelt- und Wirtschaftpreises Greentec Award 2014 (Kategorie Automobilität).

Der Prototyp ist noch ein Pkw-Winterreifen, der sich jetzt erst einmal auf dem Contidrom bei Hannover und im schwedischen Arvidsjaur bewähren darf. Getauft ist der Wies’n-Kautschuk auf den Namen "Taraxagum" in Anspielung auf den lateinischen Namen für Löwenzahn, der "Taraxacum" lautet.

Es hat Conti mit dieser Variante durchaus auch Pneus für den Lkw im Blick. Denn Pkw-Winterreifen und Lkw-Reifen haben beide den hohen Naturkautschukanteil gemeinsam, der also bald einmal aus hiesigen Löwenzahn- statt fernen Kautschukplantagen stammen könnte. Des Hobbygärtners gelbblühender Horror jedenfalls steht schon in einer industriegerechten Nutzpflanzen-Variante parat: Keine Geringeren als das Fraunhofer Institut für Molekularbiologie, das Bundesforschungsinstitut für Kulturpflanzen JKI und der Pflanzenzüchter Aeskulap haben eine Variante des russischen Löwenzahns entwickelt, die Conti als "besonders ertragreich und robust" charakterisiert.

Autor

Foto

Michael Kern

Datum

8. Januar 2015
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