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Lkw-Oldtimer: Leidenschaft für alte Schätzchen

Die Zulassungszahlen für Lkw-Oldtimer steigen in Deutschland seit Jahren rasant an. Auch die Unternehmer Rainer Scherrieble, Sascha Hoffmann und Werner Poller hat die Sammelleidenschaft erfasst. Was macht die Faszination historischer Nutzfahrzeuge aus? Eine Spurensuche. Dieser Beitrag ist in Zusammenarbeit mit Knorr-Bremse entstanden. Er wurde zuvor bereits im Kundenmagazin "Bremspunkt" von Knorr-Bremse Nutzfahrzeuge veröffentlicht.

Historische Nutzfahrzeuge sind eigentlich ein Unding: Sie sind teuer, schwer zu fahren und aufwendig zu pflegen. Als wäre das für ihre Besitzer nicht schon Strafe genug sind sie zudem laut, langsam und verbrauchen oft Unmengen von Sprit. Aber es muss etwas geben, was Menschen an Lkw-Oldtimern fesselt. Seit Jahren steigen ihre Zulassungszahlen rasant an. Im Januar 2015 standen 24.067 Fahrzeuge dieser Art beim Kraftfahrt-Bundesamt zu Buche. Das waren 15 Prozent mehr im Vergleich zum Vorjahr und 70 Prozent mehr als im Jahr 2010. Von den mit H-Kennzeichen ausgestatteten Nutzfahrzeugen waren 13.593 Lastkraftwagen, 10.062 Zugmaschinen und 412 Omnibusse.

Die Leidenschaft für Lkw-Oldtimer kommt oft schleichend und zunächst kaum spürbar. „Zu unserem 80-jährigen Firmenjubiläum im Jahr 2011 wollten wir etwas Besonderes machen. Im Freundeskreis kamen wir auf die Idee, ein historisches Nutzfahrzeug zu restaurieren“, erinnert sich Rainer Scherrieble, Geschäftsführer beim gleichnamigen Abfallwirtschaftsunternehmen aus Esslingen am Neckar.

Alles begann mit einem Mercedes-Benz LK 911

Man entschied sich für einen Mercedes-Benz LK 911 aus dem Jahr 1973, der samt Pritsche, Blech und Fahrerhaus in einem Winter zerlegt und komplett restauriert wurde. Mittlerweile zählt der schwäbische Familienunternehmer auch einen Muldenkipper Saurer 5DM aus dem Jahr 1960 und ein Feuerwehrfahrzeug von Magirus-Deutz aus dem Jahr 1961 zu seinem Oldtimer-Fuhrpark. „Beim Magirus-Deutz fasziniert mich der luftgekühlte Motor und der Saurer ist ja ein Rechtslenker und als Entsorgungsfahrzeug passt er gut zu unserem Unternehmen.“

Der 48-jährigen Familienvater ist besonders vom Fahren mit den alten Lkw fasziniert: „Diese Fahrzeuge fordern einen, man ist im wahrsten Sinne des Wortes ein Kraftfahrer.“ Dennoch entspannt sich Scherrieble am Steuer prächtig. „Für mich ist das eine Art therapeutisches Fahren“, sagt er scherzhaft. Andere relaxten beim Sport, er fahre eben mit dem Oldtimer auf der Landstraße und in den Biergarten – zum alkoholfreien Bier, versteht sich. Auch Kindheitserinnerungen spielen für ihn eine wichtige Rolle. Nicht zufällig sind alle Fahrzeuge aus der Zeit als Rainer Scherrieble ein kleiner Junge war. Mittlerweile ist der Oldtimerfan sogar erfolgreicher Ausrichter eines regionalen Oldtimertreffens an dem in diesem Jahr 70 Fahrzeuge teilnahmen.

Gleich mit zwei Firmen betreibt die Familie Hoffmann das Geschäft mit der Restauration und dem Vertrieb historischer Nutzfahrzeuge. Nutzfahrzeuge Hoffmann sorgt dafür, dass aus kraftfahrzeugtechnischen Pflegefällen wieder funktionstüchtige Lkw werden. Anschließend übernimmt das Nutzfahrzeuge Veteranen Center, kurz NVC, Oberhausen den Vertrieb der restaurierten Schmuckstücke.

Kein Schrott, sondern Ersatzteile

Auf den ersten Blick mutet das 44.000 Quadratmeter große Firmenareal an wie ein großer Autofriedhof, auf dem die Zeit stehen geblieben ist. Doch das Gelände ist weit mehr als eine letzte Ruhestätte für ausgezehrte Lkw-Veteranen. Es ist sozusagen das größte anzunehmende Ersatzteillager für westdeutsche Lkw der Nachkriegszeit. Was hier lagert, wird potenziell noch gebraucht.

Das Zepter über dieses Ersatzteilreich schwingt Sascha Hoffmann. Sein Vater Helmut hatte Mitte der 1980er-Jahre begonnen, Lkw zu restaurieren und so kam der Sohn schon früh in Berührung mit Oldtimern. „Ich habe das quasi mit der Muttermilch aufgesogen und hatte keine andere Wahl“, bekennt der 35-Jährige mit einem Augenzwinkern. „Schon während meiner Lehre bei Mercedes-Benz habe ich angefangen selbst zu restaurieren. Den ersten Wagen, einen Rundhauber von Mercedes, habe ich 2001 fertiggestellt.“ Wenn er über alte Lkw spricht, kommt Hoffmann regelmäßig ins Schwärmen: „Das ist alles pure Technik ohne Untermalung mit Elektronik. Wenn ich das Gaspedal trete, dann habe ich direkten Kontakt zum Motor, da spürt man noch etwas vom Auto!“

Neben seiner persönlichen Vorliebe für die Marke mit dem Stern spielt für den Unternehmer Hoffmann aber auch das Geschäftliche eine Rolle: „Acht von zehn Oldtimer-Freunden kaufen einen Mercedes, vor allem die Rundhauber-Modelle 2624 und 1624“, sagt der Restaurationsprofi. Mercedes sei für ihn zudem am einfachsten zu restaurieren, nicht zuletzt wegen der guten Ersatzteillage. Bei so viel Mercedesaffinität ist es dann keine Überraschung mehr, dass die Oberhausener seit einigen Jahren auch das Mercedes-Benz-Museum in Stuttgart zu ihren Kunden zählen.

So original wie möglich restaurieren

„Für uns ist die Herausforderung, das Auto so original wie möglich zu restaurieren und es zumindest theoretisch wieder komplett einsatzbereit zu machen“, sagt Hoffmann. Das kostet viel Zeit und dauert manchmal Jahre. „Schon für die Ersatzteilsuche im Vorfeld benötigen wir je nach Marke und Vorhaben bis zu 300 Arbeitsstunden, eine Komplettrestauration nimmt zwischen 2.500 und 3.500 Stunden in Anspruch, kann aber auch 5.000 Stunden dauern“, berichtet er. Eine Teilrestauration sei hingegen mit etwa 1.000 Arbeitsstunden vergleichsweise schnell zu bewerkstelligen. Wer nicht warten will, der kann sich sein Schätzchen aus einem Bestand von derzeit etwa 20 fertig restaurierten Fahrzeugen beim NVC Oberhausen aussuchen.

Robur und IFA statt Mercedes-Benz

Mit westdeutschen Lkw hatte Werner Poller lange Jahre seines Lebens kaum Kontakt. Der Spediteur aus Ellefeld in Sachsen kennt sich dafür umso besser mit den Marken des ehemaligen Ostblocks aus. Auch in der DDR war es möglich, private Fuhrunternehmen zu führen und im Fuhrpark der Pollers gab es deshalb Lkw von Marken wie Robur, IFA, Vomag oder MAS.

Die Wiederbeschaffung dieser alten Marken ist ein bedeutendes Motiv für Werner Pollers Oldtimer-Begeisterung. „Wir haben mit diesen Fahrzeugen jahrzehntelang gearbeitet und als die Wende kam, haben wir die teilweise nur wenige Jahre alten Fahrzeuge verschleudert und Westprodukte gekauft. Das war natürlich unklug, aber damals hat man so gedacht“, erinnert sich Poller. Aus der Not machte der heute 68-Jährige eine Tugend. Nach und nach besorgte er sich Fahrzeuge aus polnischer, ungarischer oder sowjetischer Produktion für seinen Fuhrpark mit historischen Nutzfahrzeugen und restaurierte sie häufig von Grund auf. Heute ist Pollers Sammlung auf 15 Lkw angewachsen.

Dabei traf auch ihn die Oldtimer-Liebe einst unerwartet: Eigentlich hielt Poller, der auch regelmäßig an der von Knorr-Bremse gesponserten Deutschlandfahrt für historische Nutzfahrzeuge teilnimmt, Mitte der 1980er-Jahre lediglich nach einem Robur Garant Ausschau, dem Fahrzeug auf dem er den Lkw-Führerschein gemacht hatte. Glücklicherweise war im Nachbarort Falkenstein ein Textilbetrieb in Auflösung, in dessen Fuhrpark einige Robur Garant 30K zu finden waren und Poller schlug ohne zu zögern zu.
Die Beschaffung von Lkw aus dem ehemaligen Ostblock ist nicht immer einfach. Oft braucht es eine Mischung aus Zufallstreffern, Hartnäckigkeit und guten Kontakten, um an die richtigen Fahrzeuge zu kommen. Auf seine Restauration bei Poller wartet derzeit etwa ein Jiefang CA-10. Dieser chinesische Lkw wurde einst als Lizenzprodukt des russischen ZIS-150 in der Volksrepublik hergestellt und unter anderem an den Bruderstaat Albanien geliefert. Da sich die Suche nach einem originalen ZIS-150 für Werner Poller als aussichtslos herausstellte, hatte er Glück, dass in seiner Werkstatt ein Albaner arbeitete, der ihm schließlich den Tipp für den Jiefang gab. „Die Beschaffungsaktion war recht abenteuerlich, aber nach zwei Wochen haben wir den Lkw schließlich aus Albanien rausholen können“, sagt Poller.

Das nächste Projekt wartet schon

Wenn man Werner Poller fragt, wie er sich seine tiefgehende Begeisterung für historische Nutzfahrzeuge erklärt, antwortet er: „Es gibt Leute, die sagen, das ist wie ein Bazillus und ich muss sagen, da ist was dran. Je tiefer man sich mit der Materie beschäftigt, desto mehr erkennt man, was es alles noch gibt und das man nur suchen muss – und schon beginnt das nächste Projekt.“

Portrait

Autor

Foto

Thomas Küppers

Datum

25. November 2015
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