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Fernfahrer leiden an Berufskrankheiten: Der Job des Lkw-Fahrers verursacht Krankheiten

Lkw-Fahrer müssen hohe gesundheitliche Belastungen ertragen – und fühlen sich alleingelassen.

Der durchschnittliche Kraftfahrer ist 44 Jahre alt, 1,80 Meter groß und mit 95 Kilogramm Körpergewicht etwas übergewichtig. Das sind die rein statistischen Kerndaten aus einer aktuellen Online-Umfrage, die Annika Adler, 30, aus Hamm im Rahmen ihrer Diplomarbeit ausgewertet hat. „Gesundheitsförderung im Kraftverkehr – Die Auswirkungen der Tätigkeit als Berufskraftfahrer auf die physische und psychische Gesundheit“ lautet der etwas sperrige Titel. Der Inhalt ist jedoch brisant. Das Fazit der Sozialpädagogin: „Die Arbeitsbedingungen deutscher Kraftfahrer scheinen aus einer Parallelwelt zu stammen, in der Menschlichkeit ein Fremdwort ist und 15-Stunden-Schichten anscheinend leider keine Ausnahme sind.“

Freiheit in der Sklaverei

Freiheit in der Sklaverei – so kommt Adler der Beruf heute vor. „Das Puzzle des deutschen Kraftfahrers setzt sich unter anderem aus bereits altbekannten Teilen zusammen“, erläutert Adler, die selbst mit einem Berufskraftfahrer verheiratet ist und die Problematik seit vielen Jahren aus dem Alltag kennt, wenn ihr Mann nach der Tour mal wieder mit dem Brötchen in der Hand auf der Couch eingeschlafen ist: eine Tagesarbeitszeit, die in anderen Berufszweigen für zwei Vollzeitkräfte reichen würde, ein angeschlagener Gesundheitszustand, Einzelkämpfertum, eine das normale Maß übersteigende Aufopferung für den Job – und gleichzeitig das Leiden unter dem schlechten Ruf und der mangelnden Anerkennung.

Hilferuf aus der Transportbranche

Rund 200 Fahrer haben Adler in diesem Frühjahr im Internet anonym ihr Herz ausgeschüttet – für Adler ist das Resultat auch ein Hilferuf aus der Transportbranche: „Bei der Frage nach dem frustrierendsten Aspekt ihrer Arbeit war das schlechte Image die meistgenannte Antwort. Auch die schlechte Qualität der zwischenmenschlichen Beziehungen macht den Fahrern zu schaffen. Die Umgangsformen bei den Endkunden stoßen sauer auf, leider allerdings auch das Klima unter den Fahrern selbst.“

Soziale Vereinsamung

Kraftfahrer, so schreibt Adler, haben aufgrund ihrer vielfältigen Arbeitsbelastung häufig nicht die Möglichkeit, nach ihren eigenen Wünschen am gesellschaftlichen und öffentlichen Leben teilzunehmen – im Fernverkehr droht oft sogar eine soziale Vereinsamung. „Das ist der Punkt, wo Sozialpädagogik ansetzen muss, um die Eigenverantwortung des Menschen und damit seinen selbstständigen Umgang mit allgemeinen Lebenslagen in der Gesellschaft zu stärken.“ Hier kommt der Begriff der Gesundheit ins Spiel. „Gesundheit darf in diesem Fall nicht rein biomedizinisch verstanden werden. Als mehrdimensionaler Begriff deckt sie alle Bereiche des menschlichen Seins ab und bedeutet außerdem eine ständige Wechselwirkung zwischen Mensch und Umwelt.“ So fragte Adler zunächst nach den allgemeinen Arbeitsbedingungen: Für 30 Prozent aller Teilnehmer ist ein gutes Betriebsklima Voraussetzung für gute Arbeit. Für fast jeden Dritten war dieser Aspekt schon einmal Grund für einen Arbeitsplatzwechsel. Jeder Vierte wechselte seinen Job aufgrund von Arbeitsüberlastung. „Bei einer Wochenstundenarbeitszeit von 60 Stunden und mehr eigentlich noch eine überraschend kleine Anzahl“, so Adler.

Problem Termindruck

Das größte Problem scheint aber in der Tat im Druck zu liegen. Termindruck belegt in der offenen Frage nach Frustration im Job zwar nur den dritten Platz, jedoch kristallisieren sich in der restlichen Umfrage immer wieder Aspekte heraus, die sich als Folge von Druck jeglicher Art in Kontext stellen lassen. Das sind: Konflikte mit dem Gesetz, Stress mit der Disposition, Abwertung an den Entladestellen, Kleinkrieg auf der Autobahn und zu guter Letzt Probleme in der Familie. 44 Prozent gaben an, dass ihr Job in irgendeiner Weise Auslöser für Familienprobleme ist oder war. „An der Gesundheit geht das nicht spurlos vorüber, was sich anhand diverser körperlicher Auswirkungen bemerkbar macht.“

Rückenprobleme dominieren

Macht der Job also wirklich krank? Bei der Frage nach gesundheitlichen Veränderungen, die auf den Job zurückgeführt werden, gaben 41 Prozent aller Teilnehmer Rückenbeschwerden oder Bandscheibenschäden an. 22 Prozent haben Übergewicht oder nahmen an Gewicht zu, 14 Prozent haben Gelenkbeschwerden und 13 Prozent zeigen bereits die typischen Stresssymptome. Diese Erkenntnisse decken sich mit den Zahlen der Arbeitsausfälle, die von der AOK Hessen nach Branchen aufgeschlüsselt wurden. Bei vielen Krankheiten liegen Kraftfahrer deutlich über dem Durchschnitt. Rückenprobleme dominieren vor Herzerkrankungen, besonders bei den Fahrern ab 50. Genug Zahlen und Statistiken also, um eine Änderung der Situation in Angriff zu nehmen. Aber nur die wenigsten Firmen nehmen beispielweise die Verpflichtung ernst, dass sie einen Fahrer, den sie neu einstellen, zuerst beim Betriebsarzt checken lassen müssen. Das stärkste Bild in ihrer Analyse prägt Adler, wenn sie beschreibt, warum gesundheitsfördernde Maßnahmen in der Branche bislang kaum zum Einsatz kamen. „Kraftfahrer sind für die Firmen relativ austauschbar, insofern erzeuge die Neueinstellung eines Kraftfahrers geringere Kosten als die „Wiederinstandsetzung eines alten verbrauchten“. Viele Unternehmen hinterließen praktisch leere „Menschenakkus“, die eine Zeit lang voll ausgenutzt und dann nicht wieder aufgeladen würden.

Betriebliche Gesundheitsförderung

Was also ist zu tun? Dazu hat Adler eine klare Position: „Viele Maßnahmen zur betrieblichen Gesundheitsförderung sind einfach nicht auf die Bedürfnisse der Fahrer zugeschnitten und werden als unnütz erachtet. Sie finden zudem außerhalb der Arbeitszeit statt und sind zu wenig attraktiv, als dass es sich lohnen würde, dafür Freizeit sausen zu lassen.“ Wenn Angebote sich an große Gruppe richten, also keine individuelle Beratung stattfindet, erreicht man den einzelnen Fahrer nicht, warnt Adler. Wenn man dagegen individuell auf ­einzelne Personen eingehen und deren Schwachstellen gezielt ermitteln ­würde, hätten die Fahrer das Gefühl, dass sich jemand um sie kümmert, und würden solche Angebote vielleicht bereitwilliger annehmen. „Dann könnte man auch auf die Wünsche der Fahrer eingehen und hätte auf lange Sicht mehr Erfolg als mit dem allgemeinen Angebot der Rückenschule für alle, Freitag 17 Uhr, in der Werkstatt. In eingefahrenen Strukturen kann sich nur etwas ändern, wenn nicht nur ein Baustein verändert wird, sondern auch die Rahmenbedingungen angepasst werden.“

Foto

Jan Bergrath

Datum

12. April 2011
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