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Lebensmitteldistribution in Berlin: Frische im Gepäck

Mit Frischware für Rewe im Lkw durch die belebte Hauptstadt - Kollegin Helga nimmt's ganz lässig.

Der Temperatursprung ist gewaltig: Draußen vor den Rampen des Rewe-Logistikzentrums in Oranienburg sind es sommerliche 25 Grad, drinnen im Frischelager durchschnittlich nur vier. Helga Wieschnath trägt ihre graue Firmenjacke mit dem roten Revers. Das sieht nicht nur chic aus, es schützt auch vor einem möglichen Schnupfen. Denn mindestens zweimal am Tag wechselt Helga zwischen warm und kalt. Eine arbeitsbedingte schwere Erkältung ist bislang allerdings ausgeblieben.

Bereits seit neun Monaten – toi, toi toi. So lange fährt sie für Meyer Logistik aus dem hessischen Friedrichsdorf. Das Unternehmen hat sich in den 80er-Jahren auf die Lebensmitteldistribution spezialisiert. Heute verfügt es über rund 1.200 Lkw an neun Standorten und beschäftigt etwa 1.500 Fahrer. Die größte Niederlassung liegt an der A 10 bei Grünheide im Berliner Osten.

Unter den 350 Fahrern, die täglich für Lebensmittelkonzerne wie Rewe, Lidl und Edeka die Filialen der Region Nordost beliefert, sind sie und ihre Kollegin Beate Schmacht die einzigen Frauen. „Wir teilen uns den Lkw in Wechselschicht“, sagt Helga. „Die Touren beginnen entweder um zwei Uhr in der Frühe oder um zwei Uhr am Mittag.“

Von einer Pkw-Fahrerin zur Berufskraftfahrerin

Das Schicksal war nicht gerade fair zu Helga – sie wurde Witwe, als beide Kinder noch im Vorschulalter waren. Aber sie ist eine starke Frau und versorgt seither ihre Familie selbst. Erst war sie bei einem Heizungs- und Sanitärbetrieb in Neuruppin im Lager beschäftigt, dann fuhr sie für diesen Betrieb sechs Jahre lang mit ihrem Pkw-Führerschein einen 7,5-Tonner.

Schließlich finanzierte ihr die Arbeitsagentur eine zweijährige Umschulung zur Berufskraftfahrerin bei der Dekra, ebenfalls in Neuruppin. Sie absolvierte anschließend ein Praktikum im Fernverkehr mit Seecontainern und landete schließlich für zwei Jahre bei einem kleinen Transportunternehmer in Felten.

„Zwei Jahre fuhr ich für Lidl Obst und Gemüse. Aber der Betrieb war unglaublich schlecht organisiert. Als ich gehört habe, dass Meyer Fahrer sucht, bin ich zu Rewe gefahren und habe mich bei Fuhrparkleiter Detlef Fürst vorgestellt. Auch aufgrund meiner Erfahrung in der Distribution hat er mich sofort genommen.“

Täglich schlägt das erst 2011 neu eröffnete Rewe-Logistikzentrum 8.000 Transporteinheiten um, eine Europalette entspricht etwa 1,6 Transporteinheiten. Mit 35 in Oranienburg stationierten Fahrzeugen wickelt Meyer Logistik dabei etwa ein Drittel der anfallenden Auslieferungstouren ab. „Im Frischebereich dauert es etwa 20 Minuten, um den Lkw zu beladen.“

Die Regelmäßigkeit der Arbeit wird geschätzt

Die Ware steht bereit, wenn Helga den Lkw übernimmt. Zuerst scannt sie die Barcodes der Paletten, Rollcontainer oder Thermobehälter für Fleisch, dann belädt sie den Lkw und sichert am Ende die Fracht nach hinten. „Wir beliefern etwa 350 Supermärkte zwischen Saßnitz und Jüterborg. Beate und ich werden mit unserem Solofahrzeug überwiegend im Großraum Berlin eingesetzt. Dort kennen wir uns auch am besten aus.“

Helga schätzt vor allem die Regelmäßigkeit der Arbeit, selbst wenn es ihr nicht immer leicht fällt, gerade im Sommer am frühen Abend diszipliniert rechtzeitig ins Bett zu gehen, um für die erste Schicht fit zu sein. Denn diese Woche ist zugleich die längste. „In der Frühschicht sind es sechs Tage, in der Spätschicht nur fünf, dann habe ich ein langes Wochenende. Die Frühschicht ist zudem stressiger, denn gerade am Morgen hast du den Berufsverkehr.“

Die erste Tour ist jeweils die sogenannte Stammrunde mit vier bis sechs Filialen, danach folgt noch eine variable Lieferung, abhängig von den eingegangenen Bestellungen der Geschäfte. Jetzt muss Helga noch einmal nach Prenzlauer Berg, dem beliebten Kiez im Osten der Hauptstadt. Die Fahrt selbst über den Berliner Ring und die A 114 Richtung Pankow dauert nur eine gute Dreiviertelstunde, kurz vor Mittag herrscht kaum Verkehr.

Problematischer wird es dagegen auf der Rückseite des Marktes an der Schivelbeiner Straße. Die Autos der Anwohner parken heute mal wieder so, dass Helga beim Rangieren höllisch aufpassen muss. Deshalb bringt sie zur Sprache, was viele Auslieferungsfahrer Tag für Tag erleben: „Die Leute, die hier bei Rewe oder einem anderen Supermarkt jederzeit einkaufen wollen, machen sich keine Gedanken, wie die Ware überhaupt in den Laden kommt.“

Auch die Arbeitszeiten sind angenehm

Der Vorteil wiederkehrender Lieferadressen ist ganz klar der menschliche Aspekt: Nachdem Helga den Mercedes Axor vor das geschlossene Tor zur Rampe der Filiale rangiert hat, meldet sie sich im Geschäft bei Peter Hänel. Er ist für die Warenannahme verantwortlich. Etwa 12.000 Kunden kaufen hier ihre Lebensmittel, zweimal am Tag kommt ein Lkw mit Obst, Gemüse, Milch und Wurst, jeden zweiten Tag gibt es noch eine Fuhre Trockenfracht dazu.

Hänel öffnet sofort das Tor für sie und mithilfe der Rückfahrkamera setzt Helga den 18Tonner sicher an die Rampe. „Damit siehst du hinten jede Oma laufen.“ Viel Platz hat Helga diesmal nicht, um den Lkw zu entladen, doch jeder Handgriff sitzt. „Die Mitarbeiter der Märkte sind meist freundlich und gehen uns auch schon mal zur Hand, wenn es im Lagerbereich etwas zu eng ist“, lobt sie.

Je nach Menge des anfallenden Leerguts und den räumlichen Bedingungen vor Ort dauert das Entladen für eine komplette Ladung zwischen 30 und 45 Minuten. „Ich persönlich komme mit den Arbeitszeiten prima zurecht“, sagt Helga und lässt sich noch kurz von Hänel den Lieferschein quittieren. Dann beeilt sie sich, so schnell wie möglich nach Oranienburg zurückzukehren und den Lkw an die Kollegin zu übergeben.

Der Nachteil: Eingeschränkte Freizeit

Von dort hat sie es nicht mehr weit nach Hause. „Auch das ist für mich ein großer Vorteil. Und im Gegenteil zu meiner alten Firma ist Meyer Logistik einfach gut organisiert. Der Lohn stimmt, die Fahrzeuge sind modern und immer gut gewartet. Die Weiterbildung wird ebenfalls von Meyer organisiert. Ich selbst habe schon alle meine fünf Module beisammen.“

Engagierte Fahrerinnen wie Helga oder Beate würde sich Fuhrparkleiter Fürst noch mehrere wünschen, gerne natürlich auch interessierte Männer. Denn Meyer Logistik hat, wie die gesamte Branche, ebenfalls mit der demografischen Falle zu kämpfen.

Dazu kommen die individuellen Nachteile des Jobs: „Der Zweischichtbetrieb mit seiner eingeschränkten Freizeit ist für viele junge Leute nicht attraktiv. Wir versuchen diesen Nachteil auszugleichen, indem wir unsere Fahrer ständig weiter qualifizieren und mit dem Lohnniveau deutlich über dem liegen, was die meisten Transportbetriebe bieten können. Ein großer Vorteil ist zudem die Regelmäßigkeit der Schichten. Für Fahrerinnen und Fahrer mit Familie ist dieser Aspekt zunehmend wichtig.“

Autor

Foto

Jan Bergrath

Datum

8. November 2012
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