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Landverkehr: Rasch überführt

In drei bis vier Stunden vom Zollgut zur freien Ware – der Logistikdienstleister Rhenus setzt an seinem neuen Zollterminal Smolensk auf Effizienz. Das hilft Frachtführern dabei, kurze Laufzeiten von Deutschland nach Russland zu realisieren.

Die Halle ist leer, und das ist auch gut so. Olaf Metzger jedenfalls stört sich nicht daran, dass sich in der 2.200 Quadratmeter großen Anlage keine Kartons oder Paletten stapeln. Nicht ein Umschlagmitarbeiter ist zu sehen, nicht ein Lkw parkt an den Rolltoren. Die Erklärung für die Leere der Halle und die Ruhe des Geschäftsführers von Rhenus Revival Express: Die Halle im russischen Krasnaja Gorka bei Smolensk an der weißrussischen Grenze ist das Zolllager der Firma.

Hektische Betriebsamkeit darin wäre für Rhenus und die Kunden eher unglücklich. Dann wäre Zollbeschau angesagt, und die will Rhenus Revival Express unbedingt vermeiden. Das Unternehmen ist aus der 2006 von Rhenus übernommenen Firma Interspe Hamann hervorgegangen. Die Rhenus-Gesellschaft beschäftigt rund 250 Mitarbeiter, betreibt in Russland fünf Niederlassungen und unterhält ihre Zentrale mit 20.000 Quadratmetern Logistikfläche in Moskau.

Verzollung ohne Unterbrechung

Dort hat auch Olaf Metzger sein Büro und mit Blick auf Zollthemen große Pläne. "Wir wollen die Lkw unbedingt auf Rädern verzollen", sagt der 49-Jährige mit Blick auf den Außenposten Smolensk. Mit anderen Worten: Der Transport soll nicht unterbrochen werden, zumindest nicht lange. In drei bis vier Stunden geht die Verzollung bei Rhenus nach eigenen Angaben  im Schnitt über die Bühne. Um auf Nummer sicher zu gehen, garantiert Rhenus den Kunden einen 24-Stunden-Service. In dem Puffer sind Unwägbarkeiten berücksichtigt, wenn es doch mal länger dauern sollte.

Mit Schrecken erinnert sich Metzger an eine Zollbeschau für den Kunden Asics. Die Beamten ließen den Lkw entladen, nahmen jedes Packstück des Sportartikelherstellers unter die Lupe und machten rund 4.000 Fotos. Das Fahrzeug stand eine Woche, bis die Zöllner fertig waren.

Die Beschau hatte aber auch ihr Gutes, bilanziert Metzger. Die Zöllner hätten gesehen, dass Rhenus eine weiße Weste habe und nicht daran interessiert sei, zu tricksen oder zu schmieren. Und mit den Asics-Artikeln sind beide Seiten nun so vertraut, dass die Abfertigung heute in deutlich sportlicheren Zeiten erfolgt.

Rhenus als Vorreiter

Der gute Draht zum Zoll ist Rhenus wichtig. Mag das deutsch-russische Verhältnis in der großen Politik aktuell auch angespannt sein, so ist im Logistikalltag in Smolensk davon nichts zu spüren. Olaf Metzger und seine Leute haben auch kräftig am Aufbau dieser Beziehungen gearbeitet – und ernten dafür nun die Früchte.

So ist Rhenus das erste ausländische Unternehmen, das im Grenzkorridor ein Zollterminal errichten durfte. Der Logistikdienstleister hat es vor fast genau zwei Jahren in Betrieb genommen und dafür acht Millionen Euro investiert. Die Anlage ist von Zäunen umgeben, videoüberwacht und erstreckt sich über acht Hek­tar. Angebunden an das derzeit schneebedeckte Anwesen sind 400 Lkw-Parkplätze.

Dass sich das Logistikunternehmen mit seinem Zollterminal gerade in Smolensk niedergelassen hat, hängt mit der 2009 verabschiedeten russischen Zollreform zusammen. Sie sieht vor, dass die Zollämter vom Landesinneren Schritt für Schritt an die Außengrenzen verlagert werden. Davor hatte sich das Zollgeschehen stark auf Moskau und Umgebung konzentriert. Inzwischen sind von den ehemals 200 Zollposten im Moskauer Gebiet laut Rhenus-Mann Metzger nur noch 19 aktiv, sodass sich auch die Logistikdienstleiter und deren Kunden umorientieren mussten.

Posten in Smolensk

Rhenus kanalisiert die Abfertigung der Drittlandsware nun also über Smolensk. Voriges Jahr wickelten die Rhenus-Mitarbeiter dort 6.000 Lkw-Transporte ab, das Gros davon als Importware. Niederlassungsleiterin Larissa Martinowa kann die Zahlen auch auf den Monat runterbrechen: Im Dezember waren es genau 597 Fahrzeuge und 721 Zolldeklarationen. Die meisten Erklärungen entfielen auf namhafte Automotive-Kunden, darunter VW sowie die Nutzfahrzeugbauer MAN und DAF.

Doch so hoch diese Zahlen auf Außenstehende vielleicht wirken mögen – noch fertigt Rhenus nur einen Bruchteil der Grenzverkehre von und nach Russland ab. In der Region Smolensk gibt es sieben Zollposten und 15 Zollterminals. Bislang entfällt nur ein kleiner Teil der jährlichen Zollabgaben in der Region auf das Rhenus-Terminal.

Um so größer ist das Bestreben der Verantwortlichen dort, die Position vor Ort weiter auszubauen und sich durch effiziente Zollprozesse einen Vorsprung zu sichern. Das gelingt einmal durch kurze Wege. So hat Rhenus den Zoll direkt im Haus. In diesem Monat sind fünf zusätzliche Beamte ins Gebäude gekommen. Damit sind insgesamt 17 Zöllner bei Rhenus eingemietet und nutzen die firmeneigene Infrastruktur.

"Der Kunde soll sich um nichts mehr kümmern müssen"

Das ermöglicht es dem Logistikdienstleister, noch mehr Verzollungen zu stemmen und die Öffnungszeiten des Zollbüros auf das Wochenende und den Abend auszuweiten. Parallel heißt die Firma auch Zollbroker bei sich willkommen, um die Kapazitäten der Anlage auszulasten.

Ein weiteres Pfund des Logistikers ist die Komplexität, die er beherrscht, und die Effizienz der Verfahren. "Der Kunde soll sich um nichts mehr kümmern müssen", erzählt Rhenus Revival-Chef Metzger. Das gelingt, indem seine Teams frühzeitig in Aktion treten, die erforderlichen Informationen zusammentragen und damit die selbst entwickelte Zolldatenbank füttern. Das ist ein aufwendiges Unterfangen. Im Fall des Lkw-Bauers DAF haben sich die Rhenus-Mitarbeiter in Eindhoven erst mal wochenlang mit den Artikeln und ihren Zolltarifnummern beschäftigt.

Der Aufwand lohnt sich: Kommt der Lkw schließlich in Smolensk an, gleichen die Zöllner die Angaben mit den Begleit- und Transportdokumenten ab – zum Beispiel Rechnungen, Packlisten, CMR-Frachtbrief und Carnet-TIR –und geben grünes Licht.

Obgleich Geschäftsführer Metzger sicher ist, dass er mit diesem Ablauf die ­Messlatte schon hoch legt, will er sie noch höher hängen. Er strebt eine vereinfachte Zollprozedur an und will dafür neben dem Zoll auch den Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK) gewinnen. Konkret haben die Rhenus-Verantwortlichen drei Vorgehensweisen entwickelt, die darauf abzielen, dass nicht nur die lokalen Zollbeamten, sondern vor allem die Mitarbeiter des Föderalen Zolldiensts (FTS) der Russischen Föderation frühzeitig alle Daten überspielt bekommen und im Bilde sind.

Hinzu kommt, dass sich regelmäßig die Zollwarenwerte für bestimmte Produktgruppen ändern, was Anpassungen und Nachzahlungen der Kunden, in jedem Fall aber einen Verzug bei der Verzollung mit sich bringt. Diesen Risiken will Metzger mit dem vereinfachten Verfahren begegnen.

Eines steht für ihn und den Chef des operativen Geschäfts, Sergej Maas, dabei aber fest: Die Transportzeit für Lkw-Verkehre von Deutschland nach Russland und umgekehrt lassen sich auch durch neue Abläufe kaum mehr verkürzen. Ab Köln ist ein Sattelzug in sechs Tagen an der russischen Grenze, ab Berlin in fünf. Ist ein zweiter Fahrer an Bord, sind es noch mal ein bis zwei Tage weniger.

Zügiger Grenzübertritt

Wartezeiten an den Grenzen müssen Fahrer dabei zurzeit offenbar nicht einplanen: Russland und Weißrussland sind Mitglieder der zu Jahresbeginn gegründeten Eurasischen Wirtschaftsunion, ebenso Kasachstan und Armenien. Die Idee dahinter ist ein freier Personen-, Waren- und Kapitalverkehr, wonach ein Lkw die Grenze ohne Stopp passieren kann. Bleibt der zollpflichtige Übergang von Polen nach Weißrussland, wo die Lkw laut Maas aber zügig abgewickelt werden.

Viele Experten hatten genau das Gegenteil befürchtet, nachdem Russland das Carnet-TIR-Verfahren seit Dezember 2013 nicht mehr flächendeckend akzeptiert. "Sofern es sich bei der Verzollung um nur einen Posten handelt oder die Zollabgaben unter 60.000 Euro liegen, kommt es aber auch weiterhin zum Einsatz", erzählt Maas.

Und wo Frachtführer sich um eine alternative Bürgschaft oder Sicherheit bemühen müssen, stelle auch dies kein Problem dar. "Den Frachtführern liegen Listen von Versicherungsfirmen vor, die entsprechende Garantien ausstellen", sagt der Rhenus-Mann fürs Operative. Auch hier zeigt sich, dass in der Praxis doch funktioniert, was im Vorfeld in der Theorie nicht für möglich gehalten wurde. Der russische Markt hat eben seine eigenen Regeln. Und die sind für die dortigen Logistikdienstleister offenbar beherrschbar.

Das Unternehmen

Revival Express prangt in weißen Buchstaben über einer der Türen an der Moskauer Rhenus-Niederlassung. Unter diesem Namen bündelt der Logistikdienstleister seine Russland-Aktivitäten, seit er durch die Übernahme von Interspe Hamann in den dortigen Markt eingestiegen ist. Die Gesellschaft beschäftigt rund 250 Mitarbeiter und unterhält Standorte in Moskau (Zentrale), Sankt Petersburg, Smolensk, Sergejew Posad sowie Jekaterinburg. Die Rhenus-Gruppe wiederum ist mit mehr als 24.000 Mitarbeitern an über 390 Standorten in den Sparten Kontrakt-, Fracht- und Hafenlogistik sowie im Personentransport tätig. Der Jahresumsatz liegt bei mehr als vier Milliarden Euro.

Matthias Rathmann, trans aktuell Chefredakteur

Autor

Foto

Matthias Rathmann

Datum

5. Februar 2015
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