Kundenforschung bei Daimler – die Wirkung von Musik, Dummy 6 Bilder Zoom

Kundenforschung bei Daimler: Töne sollen Fahrern am Lenkrad helfen

Unterstützt ausgewählte Musik den Job am Lenkrad? Daimler-Forscher Siegfried Rothe will‘s wissen.

Mit Musik geht alles besser – das ist nicht nur eine Redewendung, sondern auch ein wissenschaftlich nachweisbarer Fakt. "Musik spricht den Menschen emotional an, was sich in physiologischen Auswirkungen bemerkbar macht", erklärt Prof. Dr. Günther Rötter von der Universität Dortmund. Der Musikwissenschaftler ergänzt: "Sogenannte auditorische Reize können eine Menge, zum Beispiel den Herzschlag erhöhen, die Durchblutung des Gehirns verbessern oder Muskelkontraktionen auslösen. Bis zu 50 Parameter am Körper lassen sich messbar durch Töne und Klänge beeinflussen. Darauf bauen wir in unserem Lkw-Projekt auf."

Das richtige Geräusch hält wach

Ob und wie sich der positive Einfluss von Musik auch für Lkw-Fahrer und -Fahrerinnen nutzen lässt, diese Frage stellte sich auch schon Daimler-Forscher Siegfried Rothe: "In unseren Versuchen zu den Vitalisierungsmaßnahmen (FERNFAHRER Ausgabe 5/2013) konnten wir feststellen, dass das Durchbrechen von monotonen Fahrsituationen auch gut mit akustischen Mitteln funktioniert, zum Beispiel mit einem gezielten Telefongespräch. Allerdings kann ich einem Menschen, der eigentlich fahren muss, ja nicht empfehlen, ständig am Telefon zu hängen. Darum überlegte ich, ob sich nicht mit anderen akustischen Mitteln etwas machen ließe." Recherchen im Internet führten Rothe zu den Dokumentationen von Tests, die Günther Rötter und sein Team an der Technischen Universität Berlin mit einem Pkw-Simulator durchgeführt hatten, und er sprach ihn gezielt an. "Meine Kollegen witzeln manchmal, ich würde Professoren sammeln wie andere Leute Briefmarken. Doch auf Expertenwissen zu den ganzen Themen lege ich bei meinen Forschungen einfach großen Wert. Das muss fundiert sein", begründet Rothe die Zusammenarbeit.

Treibende Rhythmen aktivieren das Gehirn

Theoretisch war zu Beginn der Entwicklungen bereits klar, dass die Wirkung von Musik auf ihren Hörer hauptsächlich mit zwei Faktoren zusammenhängt: dem Tempo in bpm (beats per minutes) und dem persönlichen Geschmack. Die Geschwindigkeit eines Songs bestimmt die Frequenzhöhe der Schallwellen, die im Gehör in elektrische Impulse an das Gehirn umgewandelt werden. Langsame Stücke haben daher eine eher beruhigende Wirkung. Je mehr das Tempo steigt, desto aktivierender sind die Töne für das Gehirn. Trifft das, was man hört,  aber nicht die persönlichen Vorlieben, kann auch eine gänzlich negative Wirkung entstehen.

Doch was hören Lkw-Fahrer und -Fahrerinnen eigentlich gerne? Das galt es zuerst herauszufinden. Eine große Umfrage unter 500 Personen der Zielgruppe auf Truck- und Countryfestivals gab Aufschluss. Prof. Dr. Rötter: "Um den Befragten besser zu verdeutlichen, um was es geht, hatte unser Team Hörproben dabei, die sie nach "gefällt" oder "gefällt nicht" beurteilen konnten. Nach der Auswertung stand fest, dass sich die musikalischen Präferenzen der Zielgruppe größtenteils in fünf gängigen Genres bewegen: Schlager, englischer Pop, Rock, Country und aktuelle Charts. Jazz oder Klassik waren hingegen nicht dabei." Einige der Interviewten gaben in den Gesprächen an, dass sie Musik bereits nutzen würden, wie etwa lautes Mitsingen gegen Ermüdung. "Manche sagten uns auch, sie bevorzugten vor allem bei Nachtfahrten ruhige und leisere Titel, was jedoch die falsche Wahl ist, um einen erfrischenden Effekt zu bekommen", so Rötter.

Von ruhig bis hochaktivierend - die richtige Playlist für Fahrer

Ziel des Projekts sollte ein ausgewähltes Hörset für die Anwendung im Lkw sein, das die Stücke in die drei Stufen "beruhigend", "mittelaktivierend" und "hochaktivierend" einteilt. Damit sich diese Playlisten durch mehrfaches Anhören nicht so schnell abnutzen, sollten mindestens 150 Titel aus jedem der fünf ermittelten Genres vorhanden sein. Um zu denen zu gelangen, klassifizierten Rötter und seine Mitarbeiter händisch beziehungsweise mit "eigenen Ohren" rund 4.000 Songs nach ihrer Tauglichkeit für das Projekt. Dabei ging es vor allem um gleichbleibenden Rhythmus und Tempo. "Meine damalige Diplomandin Nina Jellentrup war auch dabei und musste ganz schön leiden, als wir ihr ein paar Stunden Schlager vorspielten", lacht Siegfried Rothe.

Mit den 750 ermittelten Stücken erfolgte der nächste Schritt, nämlich die Einteilung in die drei Aktivierungsstufen. Dazu bestimmten die Experten neben dem Tempo auch die Frequenz von etwaigem Gesang und wie oft und schnell die Tonhöhen wechseln. Da während des Fahrens auch verschiedene andere Geräusche ans Ohr gelangen, war eine Nachjustierung unter realen Bedingungen gefragt. Dafür gondelten Rothe und die Wissenschaftler einen Tag lang im Actros über die Schwäbische Alb und spulten alle Titel nochmals durch. Heraus kam eine Datenbank auf einem kleinen Tablet-Computer, der dann im Top-Fit-Truck seinen Platz fand. Entspannender Sound begleitet dort nun den erholsamen Powernap. Und zu aktivierender Musik mit Tempo kann man die speziellen Fitnessübungen in der Kabine machen. Insgesamt 15 verschiedenen Playlisten lassen sich je nach bevorzugtem Genre und gewünschtem Aktivierungsgrad auswählen.

Playlist selbst mit 750 Tracks nicht umfangreich genug

Ganz zufrieden waren die Kundenforscher von Daimler und die Musikexperten mit dem Ergebnis aber noch nicht. "750 Titel sind zwar toll, aber im Fernverkehr doch eigentlich nichts. Ruck, zuck sind sie durchgehört und mit der Gewöhnung verschwinden leider auch die aktivierenden Effekte", so Rothe. Außerdem bleibt noch das Akzeptanzproblem in Sachen Geschmack. Das ließe sich nur komplett beheben, wenn die Datenbank die eigene Musik des Fahrers enthielte.

Nach "Zukunftsmusik" klingt die nächste Entwicklungsstufe: eine Analysesoftware für die Tempo-Erkennung. "Solche Technik nutzen DJs, wenn sie Musik mixen und Lieder ineinanderblenden", erklärt Rötter. Die Forscher testeten auf dem Markt befindliche Programme und kamen zu dem Schluss, dass ihnen deren Trefferquote zu gering ist. "Das liegt vor allem daran, dass die DJs in der Regel wenig langsamere Tracks benutzen. Dieser Aspekt ist in den Anwendungen deshalb schlicht vernachlässigt und sie funktionieren in den mittelaktivierenden und beruhigenden Bereichen nicht sehr zuverlässig."

Der Fahrer bringt seine Musik mit, die Software bestimmt die Reihenfolge

Darum begann das Team, seine eigene Analyse zu entwickeln und zu programmieren. "Wir möchten, dass jeder Fahrer immer seine aktuelle Lieblingsmusik mitbringen kann, zum Beispiel auf einem USB-Stick. Diese Datenquelle schließt er im neuen ­Actros an das Radio im Communication Center an. Dann beginnt unser "TempoEstimator" genanntes Programm mit der Analyse und sortiert die Stücke nach Aktivierungsgrad", erläutert Rothe die Idee. Das Programm befindet sich noch in der finalen Entwicklung, ist inzwischen aber so weit, dass es im Hintergrund zur normalen Musikwiedergabe laufen kann. Es untersucht 30 Sekunden des jeweiligen Titels, ordnet ihn ein und versieht ihn mit einer entsprechenden Markierung in den Metadaten.

Das dauert je knapp vier bis fünf Sekunden – mit einer hervorragenden Trefferquote von 97 Prozent. Nach Fahrerwunsch kann der Bordcomputer dann eine entsprechende Playlist anbieten. Es wäre aber auch möglich, anhand der Fahrdaten aus Bremse, Gas und Lenkung auf monotone oder stressige Fahrsituationen zu schließen und passende Musik einzuspielen. In Verbindung mit dem Navi ließe sich für die Stadt beruhigende, für die Landstraße mittelaktivierende und für die Autobahn hochaktivierende Unterhaltung auswählen und so den Fahrer optimal unterstützen. Da klingt Zukunftsmusik doch richtig gut.

Drei Fragen an:

Prof. Dr. Günther Rötter, Professor für Musikwissenschaft an der Universität Dortmund

Musik als Fahrassistent

?: Herr Rötter, was war Ihr erster 
Eindruck von dem Projekt?

Rötter: "Ich dachte mir, super, das ist genau mein Ding! Musikwissenschaft bleibt leider oft theoretisch. Deshalb war ich von einem Projekt, bei dem wir praktisch arbeiten können, direkt mit Menschen zu tun haben und bei dem am Ende auch noch ein reales und hilfreiches ‚Produkt’ herauskommt, gleich begeistert. Dass es sich explizit an Lkw-Fahrer richtete, hatte einen exotischen Reiz für mich. Ich hätte nicht gedacht, dass ich diese Berufsgruppe so genau kennenlernen und sympathisch finden würde."

?: Wie beurteilt ein Experte die 
Qualität von Musik?

Rötter: "Das ist ganz einfach – intuitiv. Erklären kann ich das allerdings schwer, muss ich zugeben. Die Auswahl der letztlich 750 Stücke aus anfangs über 4.000 machten wir zu fünft und waren uns immer recht einig, ob ein Stück zum Projekt passt und in die Auswahl kommt oder nicht. Dabei geht es nicht um Geschmacksfragen, sondern um die Einschätzung des geschulten Gehörs."

?: Hören eigentlich alle Trucker nur
Country-Musik?

Rötter: "Das ist ein gängiges Vorurteil in der Bevölkerung, nicht? Hier kann ich aber ganz klar sagen, dass das so nicht stimmt. Die prozentualen Anteile an den unterschiedlichen Genres, die wir abfragten, waren mit rund 16 bis 18 Prozent alle in etwa gleich groß. Country ist dabei, aber nicht mehr als andere Stilrichtungen. Das Ganze hat vielleicht auch ein bisschen mit Sozialisation zu tun. Der Mensch passt sich an sein Umfeld an. Manche Lkw-Fahrer hören zu Hause sogar ganz andere Musik als bei der Arbeit, ergab die Umfrage."

Autor

Foto

Daimler

Datum

2. August 2013
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