Planen-Schlitzer Zoom

Kriminalität: Ladungsdiebstahl ist im Kommen

Hinter Frachtdiebstählen stecken immer häufiger international organisierte Banden – und ein extremes Know-how.

Nachdem die Zahl der Ladungsdiebstähle von Lkw an deutschen Park- und Rastanlagen in den letzten Monaten rasant gestiegen ist, werden jetzt sogar immer häufiger komplette Lastzüge samt Aufliegern entwendet. Allein in Nordrhein-Westfalen soll es in den letzten Monaten 50 solcher Fälle gegeben haben. Die Transportbranche schlägt Alarm.

Planen-Schlitzer kommen nach NRW

Während sogenannte Planenschlitzer-Banden früher überwiegend in Südeuropa ihr Unwesen trieben, gab es auch einen Schwerpunkt in den Niederlanden. Jetzt scheinen Belgien und Nordrhein-Westfalen das Zielgebiet zu sein. Hintergrund: Nachdem die meisten Rastanlagen in den Niederlanden inzwischen zentral mit Videokameras überwacht werden, haben die Kriminellen ihren Aktionsradius ausgeweitet. "Tatsache ist, dass wir 2013 dank der Kameras landesweit nur noch einen einzigen Fall hatten", schildert Peter van den Ende von der niederländischen Polizei. Mit der Aktion "Secure Lane" und dem Bündnis "Criminee" habe man europaweit Akzente gesetzt und bewiesen, wie sich derlei Straftaten im Keim ersticken lassen. Selbst griechische Behörden hätten unlängst ihr Interesse an dem System geäußert, nachdem Frachtdiebstähle dort inzwischen an der Tagesordnung sind.

In Deutschland ist aufgrund geltender gesetzlicher Datenschutzbestimmungen eine solche Überwachung an öffentlichen Plätzen nicht möglich. Es gab bislang nur vereinzelte Autohöfe wie etwa Uhrsleben oder Wörnitz (siehe Folgeseite), die mit Sicherheitsparkplätzen Pionierarbeit leisteten. Sie sind nicht nur videoüberwacht, sondern auch durch Zäune gesichert. Betreiber Ronny Pflug: "Wir haben viele zufriedene Stammkunden, die uns gezielt ansteuern. Durch enge Kontakte in die Branche wissen wir, dass das Interesse steigt." Nach Schätzungen der Versicherungswirtschaft beträgt der Schaden durch Frachtdiebstahl jährlich europaweit bis zu acht Milliarden Euro. Bundesweit soll es um rund drei Milliarden Euro gehen. Tendenz steigend.

Kleinere Ladungsdiebstähle fallen nicht auf

Bei der Auswertung solcher Straftaten haben es deutsche Polizeibehörden nicht einfach. Ein Problem ist auch, dass viele Lkw-Fahrer kleinere Ladungsdiebstähle nicht sofort mitbekommen oder erst nach Beendigung ihrer Tour melden. Auch die geografische Zuordnung der Diebstähle nach Schwerpunkten ist deshalb schwierig, wie Polizeirat Endro Schuster aus dem brandenburgischen Innenministerium beschreibt: "Die Plane wurde zum Beispiel nachts aufgeschlitzt, der Vorfall aber erst Hunderte Kilometer später gemeldet. Dadurch fällt es dann schwer zu sagen, wo die Täter exakt ihr Unwesen treiben. Wie soll man ermitteln, wenn man nicht einmal weiß, wo der Tatort ist?"

Wer aber sind die Täter und wie sind sie organisiert? Federführend bei den Ermittlungen sind die Landeskriminalämter in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen. Aber auch private Ermittler wie die Solinger Detektei Acon haben sich auf den Frachtdiebstahl spezialisiert. Deren Geschäftsführer Norbert Idel: "Während es sich bei den Planenschlitzern um einzelne Tätergruppen handelt, die vorher genau auskundschaften, welcher Truck welche Fracht geladen hat, handelt es sich bei den Lkw-Dieben, die es auf ganze Ladungen abgesehen haben, um international agierende Banden. Sie zu greifen ist äußerst schwierig, weil sie strategisch arbeiten und mit sehr hoher krimineller Energie vorgehen." Während bislang vor allem hochwertige Elektronik als potenziell gefährdet galt, interessieren sich die Täter mittlerweile für alles, was sich gut verkaufen lässt.

Ein Truck mit Käse ist 250.000 Euro wert

Unlängst wurde in Krefeld ein kompletter Zug mit Kupfergranulat gestohlen. Aber auch Textilien, Waschmittel oder Lebensmittel sind gefragt. "Selbst ein kompletter Truck mit Käse stellt einen Wert von 250.000 Euro dar", argumentiert Idel. Mit gefälschten oder gekauften Identitäten und Konzessionen geben sich die Betrüger in Frachtenbörsen als Spediteure aus. Ein oder zwei Aufträge werden seriös abgewickelt, die dritte Fracht verschwindet dann im Nirgendwo. Auch treten die Betrüger als Vermittler eines Transportes auf, dem das gleiche Schicksal beschieden ist. Als durchführende Speditionen ködern die Täter meist marode ausländische Betriebe, die händeringend nach Frachten suchen und sich eine Verbesserung ihrer wirtschaftlichen Situation erhoffen. Am Ende gehören ausgerechnet diese Firmen zu den Opfern.

Ist der Lkw mit der Ladung dann erst einmal unterwegs, ist es für die Täter relativ leicht, an die Fracht zu gelangen. Hierbei wird mit folgenden Tricks gearbeitet:

  1. Kurz nach der Abfahrt an der Ladestelle wird der Fahrer telefonisch über einen anderen Abladeort informiert. Variante: Vor dem Ziel stehen Männer in Arbeitskleidung des zu beliefernden Unternehmens und dirigieren den Lkw um.
  2. Dem Fahrer wird erklärt, dass zurzeit keine Rampe frei sei und die Ladung gleich auf einen anderen Lkw umgeladen werden müsse, um unnötige Verzögerungen zu vermeiden. Für den Fahrer verlockend: Er wird die Ware sofort los und erspart sich Wartezeiten. Durch diese Fehlinformation haben die Diebe dann freie Hand.
  3. Der Fahrer wird von einem ihn überholenden Fahrzeug aus auf einen vermeintlichen Schaden am eigenen Lkw aufmerksam gemacht. Nach dem Stopp des Lkw wird Gewalt gegen den Fahrer ausgeübt.

Vor allem Sprachprobleme und Leichtfertigkeit bei der Auftragsabwicklung öffnen nach Ansicht von Idel den internationalen Tätern Tür und Tor: "Da werden Ladungen im Gegenwert von einigen hunderttausend Euro auf einen Lkw gepackt und niemand interessiert sich dafür, ob auch alles seine Ordnung hat. Auslöser für dieses Verhalten ist häufig der zunehmende Stress, der bei Verladern und Speditionen gleichermaßen für mehr Druck sorgt." Bei ihren Ermittlungen arbeitet die Detektei inzwischen eng mit Polizeibehörden in ganz Europa, aber auch mit Versicherungskonzernen und großen Speditionen zusammen. "Nur wenn alle Informationen zusammengeführt werden, kann es gelingen, den Frachtendiebstahl einzugrenzen", glaubt Idel und ist dabei, im Internet unter eine internationale Datenbank aufzubauen.

So schützt man sich gegen Ladungsdiebstahl

Tipps der Polizei für Unternehmer und Fahrer

  • Setzen Sie je nach Art der Ladung und der Strecke das passende Fahrzeug mit passenden Sicherungssystemen ein.
  • Schützen Sie vertrauliche Daten im Betrieb. Informieren Sie Ihre Mitarbeiter unmissverständlich über die Einhaltung von Sicherheitsstandards. Nehmen Sie eine Sicherheitseinstufung Ihrer Mitarbeiter vor.
  • Seien Sie vorsichtig gegenüber neuen Subunternehmern. Seien Sie vorsichtig, wenn das Verhältnis zwischen Ladung, Strecke und Preis nicht stimmt. Fordern Sie die konsequente Einhaltung von Sicherheitsstandards auch bei Subunternehmern.
  • Besondere Vorsicht ist geboten, wenn Subunternehmer nur über kostenlose E-Mail-Anschriften und ausschließlich nur über Mobiltelefon erreichbar sind.
  • Sprechen Sie während Fahrtunterbrechungen niemals mit Fremden über Strecke, Ziel und Ladung. Vermeintlich belanglose Gespräche über Transportrouten und Ladungen können für die „Gegenseite“ wertvolle Informationen sein.
  • Lassen Sie Ihr Fahrzeug nicht unbeaufsichtigt stehen und suchen Sie für Pausen gut beleuchtete und möglichst bewachte Parkplätze auf.
  • Kontrollieren Sie nach jedem längeren Halt Ihr Fahrzeug und Ihre Ladung. Nehmen Sie unter keinen Umständen Anhalter mit.
  • Vereinbaren Sie mit Ihrer Spedition regelmäßige Kontrollmeldungen zu festgelegten Zeiten und an festgelegten Orten. Nehmen Sie bei unvorhergesehenen Abweichungen von Fahrtroute oder Lieferadresse immer Kontakt mit Ihrer Spedition auf. Melden Sie verdächtige Wahrnehmungen sofort der nächsten Polizeidienststelle.

Weitere Informationen

Acon Detektive Idel GmbH
Schlagbaumer Straße 59
42653 Solingen
Telefon 02 12/25 20 50
Fax 02 12/5 01 31
Internet: www.acon-detektive.com
E-Mail: acon@acon-detektive.com

Autor

Foto

Norbert Boewing

Datum

13. Februar 2014
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