Transportunternehmen Link, Betriebshof Zoom

Kriminalität: Nochmals Glück gehabt

Nach seinem gestohlenen Auflieger musste ein rheinländischer Spediteur nicht weit suchen. Die Trailer-Telematik verriet den Standort. Anders als vermutet, lag dieser nicht auf einem Autobahnparkplatz im Transit nach Osteuropa, sondern auf dem Hof eines deutschen Transportunternehmers nur 130 Kilometer entfernt.

Es ist Freitag, 14. Februar 2014, als der Chef der Spedition aus der Eifel, beim Werk von Arcelor Mittal im luxemburgischen Dudelange vorfährt. Er will seinen neuen Trailer vorladen, die Plane beschriftet mit dem Firmennamen. Zwölf Meter lange Stahlträger müssen an diesem Tag drauf. Nach dem Beladen stellt er den Auflieger ab und fährt mit einem weiteren Trailer ebenfalls zum Vorladen an eine andere Stelle.

Erst am darauffolgenden Morgen kehrt er zurück, um den Trailer an sein Fahrzeug anzuhängen – aber der ist weg. "Erst habe ich gedacht, es habe sich jemand einen Scherz erlaubt", sagt er gegenüber trans aktuell. Aber es steckt kein Team der Versteckten Kamera dahinter und auch kein verspäteter Aprilscherz – der Auflieger steht nicht mehr da, wo er am Vorabend war. Weg ist der Auflieger im Wert von rund 25.000 Euro, weg sind die aufgeladenen Stahlträger im Wert von etwa 20.000 Euro. Weg ist das Vertrauen in Sicherheit.

Weg zwar, aber nicht spurlos: Die Spedition hat gerade diesen Trailer zum ersten Mal vom Hersteller mit einer Telematiklösung versehen lassen, die eine Ortung über GPS zulässt. So lässt sich der Ort, an dem sich der Auflieger befindet, über eine Webplattform herausfinden. Noch auf dem Parkplatz stellt der Chef fest, dass der Auflieger inzwischen im Saarland unterwegs ist. "Meine erste Vermutung war, dass er Richtung Antwerpen oder gleich nach Rumänien gefahren wird", gibt er zu – wie er in einer trans aktuell-Ausgabe gelesen hat, werden gestohlene Nutzfahrzeuge zum Teil auch nach Afrika verschifft, mehrheitlich aber über Osteuropa weiter nach Zentralasien und den Mittleren Osten gebracht.

Hinweis dank Telematik

Der Spediteur ruft das Protokoll der Trailertelematik-Software auf und sieht, dass der Auflieger um 5.17 Uhr angehangen wurde und inzwischen seit 40 Minuten steht. An einem Ort nördlich von Saarlouis. Umgehend benachrichtigt er seine Frau sowie die luxemburgische Polizei, die bald eintrifft und sich mit der Polizei in Saarbrücken in Verbindung setzt. Seine Frau hat in der Zwischenzeit bei der Polizei vor Ort Anzeige wegen Diebstahl erstattet.

Als Mann der Tat macht er sich mit seiner Sattelzugmaschine gleich auf den Weg und folgt exakt der Spur des gestohlenen Aufliegers. Gleichzeitig schaut sich sein Sohn zu Hause übers Internet genauer an, wo der Auflieger steht. Er stellt fest, dass es sich dabei um ein Firmengelände am Ende einer Sackgasse handelt. Als er den Ort erreicht und vor geschlossenen Toren steht, geben ihm die Polizeibeamten, mit denen er in Kontakt steht, auf, "keine eigenen Aktionen zu machen", wie er sagt: "Ich sollte sofort die Einsatzstelle verlassen – ein Team wäre schon vor Ort, auch wenn ich es nicht sehen könne. Und so war es auch." Er parkt seine Sattelzugmaschine hinter dem Gemeindehaus und wartet.
Um 15.30 Uhr endlich wird er von der Polizei benachrichtigt. Das SEK aus Saarbrücken ist da gewesen und schon wieder auf dem Heimweg – das Landeskriminalamt hatte hinter dem Diebstahl eine Bande vermutet und war auf alles gefasst. Stattdessen finden sie auf dem Gelände eines ehemaligen Fliesenbetriebs den beladenen Auflieger, aufgesattelt an einen grünen Renault Magnum mit Saarlouiser Kennzeichen.

Auf einem Hof wird er fündig

Ein zufällig anwesender Autobastler auf dem Gelände stellt sich als Freund des Magnum-Besitzers heraus und berichtet, dass dieser den Hof als Abstellplatz nutze: für seine Sattelzugmaschine und mehrere Auflieger. Dem Spediteur fällt auf, dass auch ein relativ großer Gabelstapler auf dem Gelände steht – und macht sich seine ­eigenen Gedanken.
Am liebsten würde er seinen Auflieger gleich wieder mitnehmen. Und tatsächlich, die Polizeibeamten finden im nicht verschlossenen Fach unter dem Tritt den Fahrzeugschlüssel. Nach der Spurensicherung im Fahrzeuginnern – unter anderem wird das Lenkrad auf DNA untersucht – kann er seinen Auflieger abhängen und an seine eigene Maschine anmachen.

Wer der Besitzer des grünen Sattelzugs ist, hat er selber am Telefon unter Kollegen recherchiert. "Ich kenne ihn nicht, aber ich weiß, wer er ist", sagt der Transportunternehmer. Erst vor Kurzem sei er ihm und seinem Fahrzeug auf der Autobahn begegnet – seine Gefühlslage bei dem Anblick lässt  sich leicht nachvollziehen.
Dass er und seine kleine Firma noch einmal Glück gehabt haben, weiß er. Er beschäftigt fünf Mitarbeiter und hat einen kleinen Fuhrpark aus vier Sattelzügen und sechs Aufliegern. "So ein Diebstahl kann einem kleinen Unternehmen den Hals brechen", sagt er, "schon allein die Versicherungskosten! Ohne Telematik hätten wir unser Fahrzeug nie mehr wiedergefunden." Das weiß inzwischen auch der Auftraggeber zu schätzen, der seine Ware nicht abschreiben musste und netterweise die Episode sehr ruhig mitgemacht hat.

Inzwischen sind mehrere Monate ins Land gezogen und trotz mehrfacher Nachfrage von trans aktuell kann oder will die ermittelnde Polizeibehörde bis Redaktionsschluss keine Angaben zu Verlauf oder Ergebnis der Ermittlungen machen. Die Spediteursfamilie wünscht sich, unter den Vorfall einen Schlussstrich ziehen zu können. Die Kosten für die Abholung des Trailers von dem Betriebshof hat man daher dem verdächtigten Transportunternehmen in Rechnung gestellt und erst keine Antwort erhalten. Auf den Mahnbescheid hat der Entsprechende aber Einspruch erhoben. Noch ist die Sache also nicht ausgestanden.

Ilona Jüngst

Autor

Foto

Andreas Link

Datum

2. Juli 2014
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