Konversion I, Ballungsraum, Metropolregion Rhein-Neckar Zoom

Konversion: Beste Flächen im Ballungsraum

Nach dem Abzug ist vor dem Einzug – in der Metropolregion Rhein-Neckar werden durch den Aufbruch der amerikanischen Streitkräfte mehr als 750 Hektar Land frei. Das weckt auch das Interesse der Logistikfirmen. Die IHK Rhein-Neckar macht sich dafür stark, dass sie von den Filetstücken in bester Lage profitieren können.

Andere haben ein Tempo-30-Schild vor der Haustür. Wer in der Straße "Auf der Blumenau" in Mannheim wohnt, hat ein Verkehrsschild mit einem Panzersymbol darauf in Sichtweite. Schweres Geschütz fährt dort aber kaum noch vor. Denn die in der Nachbarschaft stationierten US-amerikanischen Streitkräfte treten ihren geordneten Rückzug an.

US-Kasernen werden bis Ende 2015 geräumt

Der Zeitplan ist straff: Die US-Kasernen in der Metropol­region Rhein-Neckar werden bis Ende 2015 geräumt. Tausende Soldaten und ihre Angehörigen kehren bis dahin Mannheim, Schwetzingen und Heidelberg den Rücken. Eine über Jahrzehnte dauernde Ära, in der US-Streitkräfte im Norden Baden-Württembergs stationiert waren, geht damit zu Ende. Die amerikanischen Landstreitkräfte in Europa hatten den Abzug von langer Hand geplant und am 23. Juni 2010 verkündet.

Dieser Einschnitt bietet auch Chancen – vor allem, wenn man an die Interessen der Logistikunternehmen denkt. Im Raum Mannheim sind Flächen Mangelware. Manch ein Unternehmen sucht seit Jahren nach günstig gelegenen und halbwegs erschwinglichen Grundstücken. Sascha Greibich, Geschäftsführer der Knubben Spedition aus Mannheim, kann davon ein Lied singen. "In Mannheim kann Ihnen keiner geeignete Flächen anbieten", sagt er. Die verfügbaren Gewerbeflächen seien meist nur wenige Hektar groß. Die Stadtverwaltung verweise daher auf mögliche Flächen in Lorsch, Hockenheim oder auf der Pfälzer Seite. "Das kommt für uns aber nicht infrage, weil wir als Sammelgut-Spediteur im Zentrum unseres Verteilgebiets in Mannheim sitzen müssen."

Weiter Nutzung des Militärgeländes

Umso hellhöriger wurde Greibich, als er vom Abzug der Amerikaner und den frei werdenden Flächen hörte. Lässt sich dort ein passendes Grundstück finden? Dieser Frage gehen auch die Verantwortlichen der Industrie- und Handelskammer (IHK) Rhein-Neckar nach. Seit die Abzugspläne bekannt sind, beschäftigen sie sich mit der weiteren Nutzung des Militärgeländes. Konversion lautet das Zauberwort in dem Zusammenhang.

"Für Mannheim und die Metropolregion Rhein-Neckar sind diese Konversionsflächen eine Riesenchance", betont Artin Adjemian, Geschäftsführer der IHK Rhein-Neckar und Leiter des Geschäftsbereichs Handel, Verkehr und Dienstleistungsgewerbe. Mario Klein, der mit dem Thema Konversionsflächen betraute Referent aus dem Bereich Dienstleistungsgewerbe, macht das an den schieren Zahlen fest: "Wir reden in Mannheim, Heidelberg und Schwetzingen über eine frei werdende Fläche von mehr als 750 Hek­tar", sagt er. Allein zwei Drittel davon entfallen auf Mannheim.

Chance zur Neugestaltung

Ein Ballungsraum hat nicht oft die Chance, so große Flächen in bester Lage komplett neu gestalten zu können. Diese Möglichkeit dürfte einmalig sein. Solche Chancen zur Neugestaltung gibt es zwar auch in Berlin und Stuttgart. Die in Zusammenhang mit der Stilllegung des Flughafens Tempelhof oder dem Bahnhofsprojekt Stuttgart 21 gewonnenen Flächen sind jedoch viel kleiner.

So groß wie die Grundstücke, so groß sind aber auch die Wünsche aus der Bevölkerung. Die Preisfrage lautet daher: Wie teilt man den Kuchen auf? Mehr als 1.000 Vorschläge der Bürgerschaft sind im Rahmen des Konversionsprozesses an die Stadtverwaltung herangetragen worden. Daraus ist unter anderem die Idee für eine Bundesgartenschau entstanden, die 2023 auf dem Gelände der Spinell-Kaserne stattfinden soll.  Bei einem Volksentscheid haben sich die Bürger Ende September knapp dafür ausgesprochen.

Wünsche nach verstärktem Wohnungsbau

Das Wunschkonzert hat begonnen: Neben ökologischen Interessen gibt es Wünsche nach einem verstärkten Wohnungsbau – oder eben nach Gewerbeansiedlungen. Hier kommt wieder die IHK ins Spiel. "Wir haben eine groß angelegte Unternehmensbefragung durchgeführt und wissen daher um die Interessen unserer Mitglieder", sagt Diplom-Volkswirt Klein. "Wir greifen diese Interessen auf und bringen sie gegenüber der Stadtverwaltung regelmäßig zur Sprache", ergänzt er.

So sollen auch Logistikfirmen, die auf der Suche nach Flächen sind, zum Zug kommen. IHK-Geschäftsführer Adjemian hält das für unabdingbar. Alles andere sei für Stadt und Bevölkerung von Nachteil. "Wenn wir es nicht schaffen, auf den frei werdenden Flächen hochwertige Logistikdienstleistungen anzusiedeln, sind bei den produzierenden Unternehmen im Raum Mannheim Standortverlagerungen nicht ausgeschlossen", prophezeit er. Entsprechende Grundstücke vorzuhalten sei daher elementar wichtig. "Schließlich muss sich die hier ansässige Industrie auf eine funktionierende Logistik vor Ort verlassen können." Die hier ansässige Industrie, dazu zählen Weltkonzerne: Alles, was Rang und Namen hat, produziert in der Quadratestadt – seien es Alstom (Turbinen), Daimler (Motoren), John Deere (Traktoren), Roche (Medikamente) oder SCA (Papier).

Geeignet sind die Taylor-Kaseren und die Coleman-Kaserne

Konkret sind es zwei Standorte, die sich nach IHK-Ansicht für Logistikunternehmen eignen: die 46 Hektar große Taylor-Kaserne und die 216 Hektar umfassende Coleman-Kaserne. Rund um das Taylor-Gelände haben sich vor einigen Jahren der Möbelhandel und der Getränkelieferant HM Interdrink angesiedelt. Mitte Juli hat die Stadt über ihre Tochterfirma MWS Projektentwicklung das Gelände für 35 Millionen Euro von der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben erworben. Letztere ist für die Vermarktung der freiwerdenden Flächen zuständig. Für das Taylor-Gelände gibt es schon konkrete Pläne: In den nächsten Jahren sollen dort eine Europäische Schule mit bis zu 800 Schülern und eine Zentrale des Elektrounternehmens R+S Schilling entstehen. Sie soll einmal 400 Leute beherbergen.

Doch Taylor gibt nur einen kleinen Vorgeschmack auf das, was Coleman verspricht: nämlich fast unbegrenzte Möglichkeiten. "Das Gelände ist mit seinen 216 Hektar so groß, dass man die gesamte Mannheimer Innenstadt dort unterbringen könnte", sagt IHK-Mann Klein. Vor allem darauf ruhen die Hoffnungen, was die Perspektiven für die Logistik angeht.

Branchenkenner hätten das Gelände wohl nicht besser skizzieren können. Westlich davon verläuft die B 44. Südlich grenzt die A 6 an das Militärgelände, das sogar über eine eigene Ausfahrt verfügt. Noch sind es zwei Spuren je Richtung, im Bundesverkehrswegeplan 2015 ist aber der Ausbau auf je drei Spuren angemeldet. Östlich verläuft die ICE-Bahnlinie Frankfurt–Biblis, von der sogar ein Gleis auf das Militärgelände abzweigt.

Vielfältige Pläne für das Gelände

Doch trotz der guten Perspektiven: Knubben-Chef Greibich ist skeptisch. "Ich glaube aktuell nicht daran, dass die Stadt Mannheim dort wirklich Gewerbeansiedlungen plant", sagt er. Zum einen gebe es für das Gelände schon vielfältige Pläne – sei es der Bau einer Regattastrecke oder eines Demenzdorfes. Zum anderen denkt der Spediteur, dass die Stadt bei den Anwohnern im Wort steht und keine Aktivitäten dort konzentrieren will, die Lärm machen.

Und was würden sich die GIs wünschen? Das weiß keiner, von ihnen bekommt man nicht viel mit. In den Coleman Barracks gibt es einen Flugplatz, den Radiosender AFN und ein Gefängnis. Von Letzterem mal abgesehen, finden die Streitkräfte alle Annehmlichkeiten vor, die man sich nur wünschen kann:  Supermärkte, Restaurants, Theater – und sogar eine Kirche für den göttlichen Beistand. Sie wird die Konversion überdauern, das Panzerschild nicht.

Konversion in Kürze

Durch den Abzug der US-amerikanischen Streitkräfte werden in Mannheim, Heidelberg und Schwetzingen bis 2015 mehr als 750 Hektar Fläche frei. Rund 510 Hektar davon entfallen auf Mannheim. Das mit Abstand größte Gelände ist das der Coleman-Kaserne im Norden der Stadt. Das 216 Hektar große Grundstück ist teils versiegelt, an die A 6, die B 44 sowie die Bahnlinie angebunden und dürfte für die Logistikwirtschaft am interessantesten sein. Die IHK Rhein-Neckar kann sich dort den Aufbau eines Green-Logistics-Park vorstellen. Im Rahmen eines Konversionsprozesses prüft die Verwaltung für alle Kasernen Möglichkeiten einer neuen Nutzung. Sofern keine anderen Ansprüche bestehen, gehen diese Flächen in den Besitz des Bundes über. Für die Vermarktung ist die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA) zuständig.

Drei Fragen an

Georg Pins ist Projektmanager im Fachbereich Wirtschafts- und Strukturförderung der Stadt Mannheim.

trans aktuell: Herr Pins, im Rhein-Neckar-Raum haben es Logistikfirmen schwer, Flächen zu finden. Welche Hoffnungen machen Sie ihnen, auf den Konversionsflächen fündig zu werden?

Pins: In der Tat ist die Nachfrage nach Logistikflächen in der Region enorm hoch, was neben der guten Verkehrslage besonders auch auf die starke heimische Produktionswirtschaft zurückzuführen ist, auf die wir stolz sind. Trotz der großen Flächenpotenziale auf den Konversionsflächen wird es nicht gelingen, alle Nachfragen in vollem Umfang befriedigen zu können. Der Bürgerbeteiligungsprozess im Rahmen der Konversionsentwicklung zeigt uns deutlich, dass man bei neuen Ansiedlungen aus dem Logistikbereich nur auf eine Akzeptanz bei der Bevölkerung stoßen wird, wenn die Logistikdienstleister den Ansatz von Green-Logistics-Konzepten konsequent umsetzen.

Wohin können sich Firmen wenden, die sich auf den Konversionsflächen ansiedeln möchten?

Interessenten können sich gerne an meine Kollegen des Teams "Ansiedlungen und Gewerbeflächen" im Fachbereich Wirtschafts- und Strukturförderung der Stadt und an mich als unter anderem für die Logistik zuständigen Projektmanager wenden. Gemeinsam suchen wir dann nach Flächenanforderungen und -angeboten.

Wie stehen Sie zu der Idee, auf dem Coleman-Gelände einen Green-Logistics-Park zu errichten?

Grundsätzlich absolut positiv. Gelingt es, die betriebswirtschaftliche und technische Machbarkeit des Konzepts nachzuweisen, den innerstädtischen Lieferverkehr mit alternativ betriebenen Lkw abzuwickeln, nachdem die Zulieferung bis zum sogenannten Green-Logistics-Park konventionell angetrieben erfolgt, so entsteht eine Win-Win-Situation. Produktionsbetriebe und Logistikunternehmen erhöhen mit einer Nutzung des Green-Logistics-Parks ihre Leistungsfähigkeit und schaffen auf den Betriebsflächen neue Kapazitäten. Gleichzeitig profitiert die Stadtbevölkerung von einem deutlich reduzierten Verkehrslärm und reduzierten Abgasemissionen.

Matthias Rathmann, trans aktuell Chefredakteur

Autor

Foto

Matthias Rathmann

Datum

20. November 2013
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