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Kombinierter Verkehr: Schub für Skandinavien

Kombiverkehr ergänzt die Zug-Fähr-Verbindung nach Schweden um Angebote auf dem Landweg.

Karl-Johan Mertz reicht seinen Gästen schwarzen Kaffee und bunten Rührkuchen. Für den hochgewachsenen Schweden ist es Chefsache, seine Besucher vom Kleinbus abzuholen, sie zu bewirten, durch den Betrieb und das Kombiterminal zu führen. Kombiterminal? Jawohl, die Firma Mertz Transport mit ihren rund 250 Mitarbeitern und 125 Lkw betreibt seit zwei Jahren auf ihrem Gelände in Malmö quasi nebenher noch einen Kombi-bahnhof. Sie fertigt an vier Gleisen täglich sechs bis acht Züge ab und  hat den einzigen Umschlagbahnhof in Schweden, der für 700 Meter lange Güterzüge ausgelegt ist.

Das Kombiterminal Malmö ist einer der neuesten Partner von Kombiverkehr. Seit Mitte Januar fährt der deutsche Kombi-Operateur es in Kooperation mit dem Schweizer Unternehmen Hupac viermal pro Woche mit Ganzzügen an. Einen großen Bahnhof gab es daher auch für Kombiverkehr-Geschäftsführer Robert Breuhahn und Vertriebsleiter Peter Dannewitz, als diese sich kürzlich ein Bild von den Abläufen vor Ort machten. Bei ihrem Besuch bekräftigten sie, dass sie die Zusammenarbeit mit dem südschwedischen Terminal weiter ausbauen wollen. Am 27. November starten zusätzlich Züge aus dem niederländischen Coevorden und Bad Bentheim dorthin. Geplant sind drei Abfahrten pro Woche und Richtung. Kombiverkehr hatte diese Verbindung bereits Ende Januar gestartet, musste sie aufgrund von Gleisbaustellen aber vorübergehend einstellen.

Landtransporte und Fährpassagen aus einer Hand

Jan Skov und Gert Jakobsen sind ebenfalls Teil der kleinen Delega­tion bei Karl-Johan Mertz. Sie vertreten die dänische Roro-Reederei DFDS, die sich mit 36 Schiffen, sieben Terminals und 22 Relationen als die größte in Nordeuropa ansieht. Vor fünf Jahren hatte sie den Wettbewerber Norfolkline übernommen, der neben Schiffen auch eine Logistiksparte besaß. Das war der Auftakt für DFDS, nach dem vor einigen Jahren getätigten Verkauf der Sparte DFDS Transport an die dänische Spedition DSV wieder in die Logistik einzusteigen.

Dahinter steht die Absicht, Kunden Lösungen aus einer Hand anzubieten – also neben den Fährpassagen auch Landtransporte und bei Bedarf Kontraktlogistik. Ein wichtiges Glied in dieser Logistikkette ist für DFDS der Köln-Zug ab Malmö, den die Firma rege nutzt – teils noch mit Norfolkline-Trailern, die in Kürze zugunsten von neuen mit DFDS-Logo verschwinden werden. Die Dänen buchen auch weiterführende Verbindungen im Kombiverkehr-Netzwerk, etwa ins italienische Novara.

Dass das Abgangsterminal in Malmö von einer Spedition betrieben wird, stört DFDS-Intermodal-Chef Skov nicht. "Wir haben keine Berührungsängste", sagt er. Spediteur Mertz führt das darauf zurück, dass seine Firma nicht international tätig ist und die Speditionssparte nicht mit Konzernen wie DHL oder DB Schenker zusammenarbeitet. Damit werde Mertz Transport von den Kombi-Kunden auch nicht als Wettbewerber wahrgenommen.

TT-Line mit sechs Schiffen

Wie die Gäste von Karl-Johan Mertz genehmigt sich auch Björn Saschenbrecker Kaffee und Kuchen zur Stärkung – allerdings nicht am Kombiterminal Malmö, sondern an Bord der Ostsee-Fähre Tom Sawyer. Saschenbrecker leitet das Frachtgeschäft der deutschen Reederei TT Line. Wie Mertz bemüht auch er sich um Kunden, die an Güterverkehren zwischen Deutschland und Schweden beziehungsweise dem Festland und Skandinavien interessiert sind. Und wie Mertz will auch Saschenbrecker in Kooperation mit Kombiverkehr diese Aktivitäten stärken.

Er hat gute Argumente: Die Fähre Tom Sawyer kann auf 1.900 Lademetern mehr als 100 Lkw aufnehmen und sie innerhalb von sechs Stunden von Rostock ins schwedische Trelleborg befördern. Reisen die Ladeeinheiten ohne Zugmaschine, ist die Zahl entsprechend höher. Die sechs Schiffe der Reederei brechen täglich neunmal von Travemünde, Rostock und dem polnischen Swinoujscie nach Trelleborg auf und befördern jedes Jahr rund 400.000 Frachteinheiten. "Wir bieten täglich 36 Kilometer an Ladekapazität an", erklärt Saschenbrecker.

Die Zusammenarbeit mit Kombiverkehr bringt ihm ein zusätzliches Frachtaufkommen. Im Gegenzug bemüht er sich darum, die Fahrpläne der Schiffe auf die An- und Abfahrtszeiten der Züge abzustimmen. Ein Rädchen soll ins andere greifen, und für den Auftraggeber soll die intermodale Reise so angenehm wie möglich sein. "Speditionen können die Zug-Schiff-Verkehre durchgängig bei nur einem Ansprechpartner buchen", erklären die Partner. Firmen, die zum Beispiel Auflieger von Duisburg nach Stockholm befördern wollen, können diese Reise also komplett über Kombiverkehr abwickeln. Duisburg ist an das nationale Netz des Unternehmens angeschlossen, Stockholm über die schwedische Staatsbahn Green Cargo an das internationale.

Hier kommt Stefan Tilla ins Spiel. Er ist der Intermodal-Verantwortliche von Green Cargo und bringt die Züge und Fähren ab Deutschland mit weiterführenden Verbindungen im skandinavischen Netzwerk zusammen. Wer Sendungen in die schwedische Hauptstadt Stockholm hat, für den hat Tilla einen ganz neuen Service: Seit 1. September gibt es dorthin einen Ganzzug ab Malmö und seit 19. Oktober einen ab Trelleborg. Die Züge verkehrten an fünf Tagen die Woche im Rundlauf und seien vielversprechend gestartet, erklärt Tilla. Insgesamt ist das Netzwerk von Green Cargo aber deutlich größer: Die Bahn bedient 270 Relationen in Schweden und Norwegen.

Zahlreiche Anschlussvarianten

Erst mal in Schweden angekommen, gibt es für die Auflieger, Container oder Brücken also eine Vielzahl an Anschlussmöglichkeiten. Doch auch schon vorher, nämlich auf dem Weg nach Schweden, haben Kombiverkehr-Kunden die Qual der Wahl. Entscheiden sie sich für die kombinierte Zug-Fährlösung oder ein reinrassiges Zug-Angebot? Im ersten Fall gibt es mehrere Optionen: Soll die Ware in Rostock vom Zug auf die Fähre wechseln, reist sie an Bord von Tom Sawyer oder eines anderen Schiffes von TT-Line nach Trelleborg. Steigt sie in Lübeck auf die Fähre, geht es mit Finnlines nach Malmö. Erfolgt die Fährfahrt ab Kiel, wartet die Stena Line, und der Zielhafen heißt Göteborg. Wählt der Spediteur Fall zwei, die durchgehende Zugfahrt über die imposante Öresundbrücke, kommt die Ware im Terminal der Spedition Mertz an.

Da aller guten Dinge drei sind, gibt es noch eine weitere Option: Der Spediteur fährt mit dem Kombiverkehr-Zug nur bis zu einem der Ostsee-Häfen und kümmert sich selbst um eine weiterführende Verbindung. Auch diese Möglichkeit wird rege genutzt: Für das Terminal Lübeck rechnet Kombiverkehr 2015 mit 40.188 Sendungen, für Kiel mit 22.762 Sendungen und für Rostock mit rund 58.000 Sendungen. Zugrunde liegt ein beachtliches Wachstum: Für seine Nordeuropa-Verkehre erwartet der Operateur 2016 einen Zuwachs von zehn Prozent. 2015 dürften die Zahlen gar um ein Fünftel steigen.

Kombiverkehr-Geschäftsführer Breuhahn führt den Zuwachs auf mehrere Faktoren zurück: auf eine angesprungene Konjunktur, auf Marktanteile, die man von Wettbewerbern zurückgewonnen habe und auf das neue Zugangebot über die feste Querung, das vor allem mit kurze Laufzeiten punktet: Die Ware braucht von Köln nach Malmö nur 24 Stunden. Spediteure profitieren also von einer Zeitersparnis von zwölf Stunden gegenüber der Ostsee-Route und vermeiden den Seca-Zuschlag, den die Fähren erheben, der aufgrund niedriger Energiepreise zurzeit aber kaum zu Buche schlägt.

Öresund erst im Aufbau

Fest steht für die Kombiverkehr-Verantwortlichen in jedem Fall, dass sie dauerhaft mehrgleisig unterwegs sein wollen: "Noch ist der Landweg über die Öresundbrücke zwar ein zartes Pflänzchen, aber der Markt verlangt nach diesem Angebot", erklärt Vertriebsleiter Dannewitz. Er geht von 11.000 Sendungen aus, die das Unternehmen 2015 auf diesem Weg nach Schweden beziehungsweise zurück bringen wird. Karl-Johan Mertz hört solche Botschaften gerne. Kapazitäten hat sein Terminal noch genügend. Daher freut sich der Spediteur, wenn er es weiter auslasten kann – auch wenn er die Anlage quasi nur nebenher betreibt.

Matthias Rathmann, trans aktuell Chefredakteur

Autor

Foto

Matthias Rathmann

Datum

18. November 2015
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