Horst Scheibkes, Porträt, Transportunternehmer Zoom

Horst Scheibkes im Porträt: Von der Lok auf den Bock

Lokführer war Horst Scheibkes Traumberuf, Transportunternehmer wurde er. Im bevorstehenden Ruhestand will er sich seinen Traum im Kleinen erfüllen.

Der Abschied von der Dampflokomotive bedeutete das Aus für Horst Scheibkes Kindheitstraum: Die geforderte Ausbildung zum Maschinenschlosser hatte er bei der Bundesbahn bereits absolviert. Dann führte die Bahn Dieselloks ein und schulte das bisherige Wartungspersonal zu Lokführern um: Einstellungsstopp für neue Lokführer. Nach einer beruflichen Alternative musste sich Horst Scheibke nicht lange umsehen: Wie sein Vater machte er sich als Fuhrunternehmer selbstständig.

Das erste Fahrzeug war ein Mercedes-Benz Baujahr 1964

"Mit 3.000 Mark, meinem ganzen Entlassungsgeld, habe ich gleich nach meinem Wehrdienst mein erstes Fahrzeug gekauft, einen alten Mercedes, Baujahr 1964", erzählt Horst Scheibke. Das war 1972, da war er ein junger Mann von 22 Jahren. Heute ist aus dem Ein-Mann-Unternehmen in Bad Vilbel-Gronau bei Frankfurt ein Familienbetrieb geworden, in dem neben dem Senior seine Tochter und ihr Lebensgefährte arbeiten und der acht Mitarbeiter beschäftigt. 

Der Fuhrpark besteht aus drei Wechselbrücken-Fahrzeugen und vier Sattelzugmaschinen. Zusätzlich ist ein Subunternehmer mit weiteren zwei Fahrzeugen fest im Einsatz. Spezialisiert ist Scheibke Transport auf Containertransporte innerhalb Deutschlands, aber auch nach  Antwerpen und Rotterdam sowie auf Wechselbrückenverkehre nach England und in die Beneluxstaaten.  Ein weiter Weg von den Stückgutsendungen, mit denen Scheibke einst angefangen hat.

Stückgut im Nah-, Regional- und im Fernverkehr

Stückgut fuhr er erst im Nahverkehr, dann auch im Regional- und nach der Liberalisierung noch im Fernverkehr. "Das war einer der größten Umbrüche in der Branche, ebenso wie der Wegfall des Reichskraftwagentarifs." Laut Scheibke eine harte Zeit, musste er doch auf einmal Fahrzeugkosten und Preise selbst kalkulieren. Er besuchte Lehrgänge und arbeitete sich in das Thema ein.

1994 dann stieg er auf den Wechselbrückenverkehr im Kombinierten Transport um und fuhr für alle großen Auftraggeber: Deutsche Bahn, Post, alle großen Speditionen. Die Zahl der Aufträge nahm weiter zu, sodass er 1996 von einem insolventen Kollegen weitere Fahrzeuge übernahm.

60 bis 80 Stunden in der Woche waren normal

Viele Aufträge bedeuteten auch viel Arbeit. "60 bis 80 Stunden in der Woche waren normal", sagt er heute. Werktags fahren, am Wochenende den Rechnungsverkehr abwickeln. Zum Glück hatte er feste Stammkunden, sodass eine zusätzliche Akquise nicht nötig war. Urlaub? Kopfschütteln. "Da war nicht viel, vielleicht mal eine Woche. Eben zwischen Weihnachten und Neujahr."

"Aber wenn er Zeit hatte, hat er die sich immer für uns genommen", erinnert sich Tochter Nadine. Und fügt hinzu: "Es war normal, dass unser Vater unter der Woche nicht zu Hause war, wenn es Zeit für uns war, ins Bett zu gehen. Aber oftmals haben wir es doch noch mitbekommen, wenn unser Vater abends rückwärts in den Hof gefahren kam." 
Auch wenn sie als Tochter eines Fuhrunternehmers aufwuchs – Nadine Scheibke dachte nicht im Traume daran, dass sie einmal selbst in der Branche arbeiten, geschweige denn selber einen Lkw steuern würde. "Das war irgendwie eine Männerdomäne bei uns – mein Vater, mein Onkel und mein Bruder Pierre machten das." Erst nach einer langjährigen Tätigkeit als Industriekauffrau und der Geburt ihres Sohnes landete sie im Büro des väterlichen Transportunternehmens. "Eigentlich mehr, weil mir die Decke auf den Kopf fiel."

Familienbetrieb mit Vater, Tochter und Sohn

Erst unterstützte sie Vater und Bruder, die 2006 aus ihren zwei Einzelunternehmen eine gemeinsame Transportgesellschaft gegründet hatten, bei der Verwaltung des Rechnungseingangs und der Organisation der Frachtpapiere. Dann übernahm sie immer mehr Aufgaben, auch weil ihr Bruder 2008 der Liebe wegen ins Ausland zog. 
2009 machte sie den Lkw-Führerschein und ging selber auf Tour. Die Arbeitsteilung: Drei Tage die Woche war Vater Horst Scheibke unterwegs, zwei Tage Tochter Nadine. Ihren Sohn immer mit dabei. "Während der Fahrt schlief er und immer wenn wir an der Rampe auf die Entladung warteten, habe ich mit ihm gespielt. Abends habe ich dann den Bürokram gemacht."

Heute ist Scheibke junior im Kindergarten,– den er laut Nadine Scheibke nur ungern gegen die täglichen Lkw-Fahrten eingetauscht hat. Die Disposition leitet Peter Kehm, gelernter Verkehrsfachwirt und Lebensgefährte von Nadine Scheibke. Die 34-Jährige übernimmt alle sonstigen Verwaltungsaufgaben und teilt sich mit ihrem Vater die Personalverantwortung. Gemeinsam werden auch wichtige Entscheidungen getroffen.

Firma auf stabile Füße stellen

Für die Zukunft des Unternehmens hat sie sich Ziele gesetzt: es auf finanziell stabile Füße stellen, weiter gute Kunden gewinnen und die Auslastung der Fahrzeuge optimieren. "Die größte Herausforderung ist, die Firma im Sinne meines Vaters fortzuführen, sodass er sich seinen Lebensabend gut gestalten kann." Noch obliegen Horst Scheibke als Geschäftsführer des Unternehmens die finanziellen Entscheidungen sowie der Einkauf, außerdem koordiniert er die Wartung der Fahrzeuge. Hinters Steuer setzt er sich als Urlaubs- und Krankheitsvertretung.

Wenn er dann den Abschied aus seinem Arbeitsleben geschafft hat, wartet zu Hause die nächste Herausforderung. Im von ihm selber ausgebauten Dachgeschoss will er seine Modelleisenbahnanlage mit rund 40 Zügen aufstellen. "Die Liebe zur Eisenbahn ist mir einfach geblieben", sagt er. Tochter Nadine fügt hinzu: "Dann kannst du endlich dein eigener Lokführer sein."

Ilona Jüngst

Autor

Foto

Jacek Bilski

Datum

15. Januar 2013
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