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Grüne Logistik: Lösungen zur Nachhaltigkeit

Grüne Logistik: Das Schlagwort Nachhaltigkeit ist allgegenwärtig. Für Jens-Jochen Roth, Wissenschaftler und Instituts-Chef in Sinsheim, setzen die Lösungen aber oft zu kurz an.  

Beim Lesen der Unternehmensnachrichten der Speditionsbranche huscht Jens-Jochen-Roth ein Lächeln übers Gesicht. Zum einen deshalb, weil er weiß, dass er mit seinem neu gegründeten Steinbeis Innovationszentrum für Nachhaltigkeit und Logistik in Sinsheim voll ins Schwarze getroffen hat. Zum anderen aber auch, »weil vieles nur heiße Luft ist«, wie der 48-Jährige meint. Insbesondere die vollmundigen Botschaften der Konzerne halten einer näheren Betrachtung oftmals nicht stand, wobei der studierte Betriebswirt keine Absicht unterstellt. »Nur leider sind die angebotenen Lösungen oft nur einseitig und schlicht zu kurz gegriffen«, lautet sein Resümee. Genau an dieser Stelle setzt Roth mit seinem Innovationszentrum an. Das Know-how hierfür hat er sich bei verschiedenen Projekte im Verlauf der letzten 20 Jahre angeeignet. Auch am Institut für angewandte Verkehrs- und Tourismusforschung (IVT) in Mannheim hatte er sich bereits dem Thema Nachhaltigkeit und Logistik verschrieben. 

»Ich halte es für wichtig, dass die Bemühungen von unten nach oben gehen – und nicht umgekehrt«, sagt Roth. Daher habe er in einem erst kürzlich abgeschlossenen Projekt auch an der Basis angesetzt: bei den Auszubildenden. Initialzündung war dabei ein Gespräch mit dem Abteilungsleiter einer Spedition. »Als wir beim Thema Nachhaltigkeit angekommen waren, rief er eine Auszubildende und fragte sie, was sie dazu gelernt hätte«, erzählt Roth. Die Antwort sei ebenso ernüchternd wie aufrütteln gewesen: »Das steht nicht im Lehrplan.« Was liegt da näher, als es selbst zum Unterrichtsfach zu machen? Das daraus im Laufe von zwei Jahren das so genannte Nachhaltigkeitsnetzwerk entstehen sollte, ahnte Mitte 2008 noch niemand. Zunächst galt es nämlich erst einmal, Berufsschullehrer von der Idee eines fächerübergreifenden Nachhaltigkeits-Unterrichts zu überzeugen. »Leider waren selbst bei vielen Lehrern nur rudimentäre Kenntnisse vorhanden. Nur einige, die das Thema bereits als Steckenpferd hatten, ließen sich überzeugen«, erinnert er sich. Schließlich ist der Umweltschutz – wenn überhaupt – je nach Bundesland nur als Wahlkomponente vorhanden. Eine Behandlung im Unterricht ist somit freiwillig und hängt maßgeblich vom Lehrer ab. Erschwerend hinzu kommt: Der Umstand, dass Nachhaltigkeit eben nicht Umweltschutz bedeutet, ist nach wie vor kaum bekannt – auch den Lehrenden nicht. Dabei gehören neben der ökologischen eben auch eine ökonomische und eine soziale Dimension in dieses Konzept. Die wirtschaftliche Entwicklung soll demnach so gestaltet sein, dass kein Raubbau der Ressourcen stattfindet. Gesellschaftlich bedeutet dies, dass alle daran mitarbeiten sollen, eine zukunftsfähige, lebenswerte Welt zu gestalten. »Allein im Hinblick auf diese Postulate wird klar, dass eine Diskussion um CO2-Einsparungen durch technische Maßnahmen sowie Fahrerschulungen deutlich zu kurz greift«, sagt Jens-Jochen Roth. Umso erstaunlicher sei es gewesen, dass gerade die Azubis mit Feuereifer zu Werke gingen. Im Rahmen des Nachhaltigkeitsnetzwerks entstanden innerhalb von zwei Jahren in Gruppenarbeiten mehrere »beachtliche Projektarbeiten«. Da gibt es etwa ein Gesellschaftsspiel à la Jeopardy: ein Quiz, bei der den Teilnehmern Antworten aus verschiedenen Kategorien gezeigt werden. Aufgabe der Mitspieler ist es, eine passende Frage auf die vorgegebene Antwort zu formulieren.  Zum anderen wurde eine »Sendung mit der Maus« produziert, die sich auf humorvolle Art und Weise mit den Fragen eines umweltfreundlichen Güterkraftverkehrs auseinandersetzt. »Schade ist nur, dass es immer schwieriger wird, für derartige Projekte öffentliche Mittel zu bekommen«, bedauert Roth.  Dabei müsse eine zukunftsfähige Bildung Menschen das Rüstzeug mitgeben, globale Herausforderungen wie den Klimawandel zu bewältigen. Ein Ziel, das sich auch die Vereinten Nationen (UN) mit ihrer Dekade »Bildung für nachhaltige Entwicklung« gesetzt hat. Folgerichtig zeichnete die UN das Nachhaltigkeitsnetzwerk des IVT als offizielles Dekade-Projekt 2009/2010 aus. Weitere Auszeichnungen für einzelne Gruppenarbeiten folgten. »Auch ein Anzeichen dafür, wie erfolgreich – aber auch wie wichtig – ein derartiges Projekt ist«, sagt Roth.    Aufgrund seiner zahlreichen Kontakte in die Branche kennt er jedoch auch das andere Ende der Karriereleiter, die Vorstandsetagen der Konzerne. 

»Da werden Innovationszentren eingerichtet und werbewirksam in Szene gesetzt. Doch wenn eine Schülergruppe einen Blick hinter die Kulissen werfen möchte, bleiben die Pforten verschlossen«, erzählt der Wissenschaftler. Doch nicht Sicherheitsbedenken seien der Grund für die Absage gewesen: »Da stand vielmehr die Befürchtung Pate, dass die Azubis aus den mittelständischen Betrieben merken, dass auch die Konzerne nur mit Wasser kochen«, ist er sich sicher. Dies hätten im Übrigen auch seine Gespräche mit diversen Managern aus der ersten Reihe ergeben. »Da wird bisweilen in großen Dimensionen gedacht, wobei nahe liegende Dinge übersehen werden«, erzählt er. Bei den Fahrzeugen anzusetzen sei schließlich nur eine Möglichkeit, um die CO2-Bilanz zu verbessern. Doch wie viele Unternehmen kommen auf die Idee, die Beleuchtung in den Lagerräumen, aber auch in den Büros, energieeffizient umzurüsten?  »Auch habe ich es bei einem Unternehmensbesuch erlebt, dass in einer Abteilung jeder seine eigene Kaffeemaschine hatte, die dann von morgens bis abends lief«, erinnert sich Roth. Sein Tipp, doch ein Gerät für alle anzuschaffen, wurde sofort aufgegriffen. »Im Tagesgeschäft haben die Menschen andere Probleme und kommen oft nicht auf die nahe liegendsten Ideen«, sagt er. Da könne es helfen, sich einen externen Berater zu holen, der den Betrieb unter die Lupe nimmt. Bisweilen liege das Problem aber gar nicht bei den Speditionen. »Mit Blick auf die Situation an den Laderampen sind die Fahrer häufig das schwächste Glied in der Logistikkette«, sagt er. Doch wer unfreiwillige Pausen einlegen muss, gerätunter Zeitdruck. »Und das wiederum ist keine gute Basis für ein vorausschauendes und Sprit sparendes Fahren.« Spätestens nach diesem Beispiel sei klar, dass in Sachen Nachhaltigkeit alle an einem Strang ziehen müssen – und dies sei die soziale Komponente.

Das Institut
Das Steinbeis Innovationszentrum Logistik und Nachhaltigkeit (SLN) in Sinsheim gibt es erst seit Juli dieses Jahres. Das dort versammelte Know-how umfasst jedoch unter anderem das Fachwissen von Institutsleiter Jens-Jochen Roth, der sich in den vergangenen 20 Jahren in der Branche bereits einen Namen gemacht hat. Die Leistungen des SLN im Bereich Güterverkehr, Logistik und Nachhaltigkeit sind: Forschung Beratung Umsetzungskonzepte Projektmanagement

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Datum

6. April 2011
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