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Gotthard-Basistunnel kurz vor Regelbetrieb: Start in ein neues Zeitalter

Der Gotthard-Basistunnel steht kurz vor dem Regelbetrieb. Die Schweiz krempelt den Güterverkehr im Land um.

Die ersten kommerziellen Güterzüge sind bereits im Probebetrieb durch den Gotthard-Basistunnel unterwegs. Bis zur Inbetriebnahme am 11. Dezember sollen rund 4.500 von ihnen die neue Trasse passiert haben. Die Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) bereiten sich auf den Regelbetrieb vor und werden nicht müde, die Vorteile der im Alpentransit angestrebten Verkehrsverlagerung auf die Schiene zu betonen. 

Das Unternehmen nutzt die Fahrplanänderungen aber auch, um den Einzelwagenverkehr in der Schweiz völlig umzukrempeln. Das könnte Vorbildfunktion haben. "Im Moment sind wir gut unterwegs", betont der Leiter von SBB-Cargo, Nicolas Perrin. Die Wirtschaft habe sich stabilisiert, "und das spüren wir auch". Es zeige sich, dass die Bahnen –  nicht nur die SBB sondern die Güterbahnen insgesamt – gut dastünden. Die Volumen zwischen Norden und Süden seien sehr hoch: "Unsere Marktanteile steigen." 

Und die neue Nord-Süd-Achse ermöglicht einen deutlichen Ausbau des Güterverkehrs. Heute verkehren 180 Güterzüge pro Tag, Ende des Jahres sind 210 geplant. "Mit der Inbetriebnahme des Ceneri-Basistunnels Ende 2020 werden es bis zu 260 Züge sein", sagt Perrin. Dann brauchen die Züge bei einer Länge von 750 Metern nur noch eine Lok, um 2.000 Tonnen durch den Berg zu befördern.Voraussetzung ist, dass bis dahin auch der Vier-Meter-Korridor realisiert ist.

Das ist bislang noch Zukunftsmusik, aber die Zukunft rückt näher, denn in Italien beginnen die Bauarbeiten für das Projekt. "Italien macht vorwärts", unterstreicht Perrin. Die Nachbarn wollten außerdem auch die Hauptachsen Richtung Süden ebenfalls auf vier Meter ausbauen. Damit bleibe der Korridor nicht auf die grenznahen Terminals in Norditalien beschränkt. Perrin sprach von interessanten Perspektiven in Bezug auf die Adria-Häfen und das Hinterland: "Da läuft extrem viel, der Tunnel ermöglicht analog zu den Nordhäfen die Flachbahn Richtung Mittelmeer."

Binnenverkehr per Bahn

Der Tunnel wird künftig natürlich auch für Importverkehre in die Schweiz wichtig. Bereits jetzt werden für den Einzelhandelsriesen Migros pro Woche 10 bis 14 Waggons Tomatenprodukte vom südlich von Neapel ansässigen Hersteller Langobardi in die Schweiz geholt. "Nach 52 Jahren haben wir es geschafft, dieses Produkt auf die Bahn zu bringen", sagt Perrin. Seit Anfang des Jahres wurden alle Importe von Coca Cola auf die Schiene verlagert, pro Woche mehr als 1.000 Paletten. Die durch den Tunnel entstandene Dynamik will der Cargo-Chef jetzt nutzen, um in der Schweiz ein neues Angebot für den Wagenladungsverkehr (WLV) einzuführen. 

SBB Cargo transportiert trotz kurzer Distanzen stolze 25 Prozent der Güter im Schweizer Binnenverkehr, das sind rund 205.000 Tonnen am Tag. Mit "WLV 2017" will man den Bedürfnissen der verladenden Wirtschaft entgegenkommen. "Der Fahrplanwechsel ist der Start in ein neues Zeitalter und nicht das Ende einer Entwicklung", betont Perrin. Künftig gibt es nicht nur einen neuen WLV-Fahrplan, sondern es wird auf eine ganz neue Art produziert. Denn unter den derzeitigen Bedingungen kann nicht kostendeckend und effizient gearbeitet werden - aufgrund des stark steigenden Verkehrsaufkommens wird die Infrastruktur noch knapper, Mittel der öffentlichen Hand fallen weg, Digitalisierung ist angesagt. 

Transporte rund um die Uhr

Um die Auslastung der Bahninfrastruktur zu verbessern, sollen die Transporte künftig rund um die Uhr abgewickelt werden und nicht mehr, wie bisher, nur im Nachtsprung. An größeren Standorten werden dann drei Mal täglich Güter geholt und gebracht. Damit können mehr Waren im Expressverkehr transportiert werden: abends abgeholt, sind sie morgens am Ziel. Beim sogenannten kurzen Nachtsprung sei besonders die Nachfrage von Lebensmittelindustrie und  Einzelhandel groß. Die übrigen Güter werden tagsüber zwei Mal abgeholt und zugestellt, wobei die Rangierzeiten so gelegt sind, dass die Spitzenzeiten im Personenverkehr davon weitgehend ausgenommen sind. 

Gleichzeitig wird es ein Buchungssystem für die Kunden geben, mit dem sie sich für konkrete Verbindungen entscheiden und ein Abhol- und Zustellfenster festlegen. Sie können die Wagen zu verschiedenen Zeiten am Tag bereitstellen, und SBB Cargo macht bereits bei der Buchung eine Kapazitätsprüfung. "Wir können dadurch Transportketten garantieren und unsere Kapazitäten auslasten", sagt Perrin. Mit den Kunden hat es zahlreiche Gespräche und Workshops zur Umstellung gegeben. 

WLV 2017 ist jedoch nur der erste Schritt. Bis zum Jahr 2025 soll das Angebot weiterentwickelt werden. Dann geht es auch um eine Automation der Produktion, um Industrie 4.0. Der Wagen der Zukunft soll mit dem Unternehmen und den Kunden kommunizieren. Auf diese Weise könnten Überwachungsfunktionen übernommen oder die Wartung optimiert werden. Erste Ansätze einer Geolokalisierungstechnik in Verbindung mit Temperaturüberwachung und Wiegesensoren sind bereits entwickelt. 

Mehr auf der Schiene

  • Das Umfeld ist günstig für die Bahn in der Schweiz: Kürzlich veröffentlichte Szenarien, die unter anderen vom Bundesamt für Raumentwicklung (ARE) errechnet wurden, gehen davon aus, dass der Güterverkehr bis 2040 um 37 Prozent auf 37 Milliarden Tonnenkilometer anwachsen wird. 
  • Dabei verzeichnet die Schiene ein überdurchschnittliches Plus von 45 Prozent, wobei die Straße der Hauptverkehrsträger bleibt und die Auslastung auf dem Nationalstraßennetz weiter ansteigt. 
  • Insgesamt soll noch sehr viel Geld in den Ausbau der In­frastruktur fließen. Bei der Bahn sind bis 2025 Investitionen in Höhe von umgerechnet 5,8 Milliarden Euro geplant, für Straßenprojekte sollen bis 2030 rund 5,9 Milliarden Euro aufgewandt werden.

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SBB

Datum

8. September 2016
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