Göppel G4City10 Train 11 Bilder Video Zoom

Göppel Go4City10 Train: Ein feiner Zug

Heute fallen die Wege etwas weiter aus: Auf 21,5 Meter streckt sich der Göppel mit der komplizierten Bezeichnung Go4City10 Train, macht fast 50 Meter für eine komplette Umrundung – der Kontrollgang als Vorstufe zur Wanderung. Auf ihm gibt es viel zu entdecken, ein Omnibus mit Personenanhänger gehört zu den Raritäten.

Busfahrer staunen, Taxifahrern steht der Mund offen, Radfahrer stoppen und Passanten laufen neugierig herbei, wenn der Lulatsch vorfährt. Ja: Der Buszug ist ernst gemeint. Und stimmt: So etwas gab’s vor einem halben Jahrhundert schon mal.

In zäher Kleinarbeit erobert Göppel das Terrain erneut

Die Verkehrsgesetzgebung hat ihre Eigenheiten, ist häufig mehr von politischen Interessen als von Sachkenntnis geprägt. Der längst vergessene Verkehrsminister Heinrich Seebohm kastrierte in den fünfziger Jahren die Längen und Gewichte von Gespannen. Während sich die Lkw-Kollegen mühsam Meter um Meter und Tonne um Tonne zurückholten, schwenkten die Bushersteller zum Gelenkbus um. Der hat als durchgehendes Fahrzeug schließlich auch klare Vorzüge. In zäher Kleinarbeit hat Göppel das Terrain inzwischen erneut erobert. Berechnungen und Vorführfahrten haben es den Behörden bewiesen: Solch ein Lindwurm mit Überlänge bedeutet keine Gefahr für Leib und Leben, bringt den Verkehrsfluss nicht ins Stocken. Der Zug mit Midibus vorneweg reckt sich auf stolze 21,5 statt der erlaubten 18,75 Meter, beim längeren Zwölfmeterwagen sogar auf 23 Meter.

Setzte Göppel zunächst auf Gespanne mit MAN-Basis, darf’s inzwischen gern der markeneigene Go4City sein. Er unterscheidet sich nicht nur durch das selbstbewusst große Göppel-G deutlich vom Lion’s City. Auf den ersten Blick wirkt der Göppel mit seiner Quaderform etwas grob behauen, doch der Eindruck täuscht: Zwar ist die Linienführung ausgesprochen schnörkellos, aber die Dachkanten sind rundum elegant abgerundet. Aufgesetzte Vouten nehmen die Linienführung auf und verhindern Blicke auf unruhige Dachaufbauten.

Ein Gelenkbus verlangt mehr Aufmerksamkeit

Auch eine Etage tiefer finden sich Besonderheiten. Die durchgehende Beplankung besteht rundum aus GFK. Zur Vermeidung von Kältebrücken bringt Göppel die Isolierung innen auf das Gerippe auf. Direkt unterhalb der Fensterbrüstung entlang laufen geschützt die wesentlichen Leitungen, zugänglich nach dem Abnehmen der Verkleidung.

Servicefreundlichkeit ist ohnehin eine Stärke des Busses: Die Lampen sind durch einfaches Herunterklappen der Gehäuse perfekt zugänglich, ähnlich auch Wischergestänge, Scheibenwischermotor und Waschanlage. Die Frontbox steckt inklusive Filter innen hinter einer Servicetür. Im Fahrgastraum sind die Dachrandklappen im Handumdrehen nach unten geschwenkt und geben viel Platz frei. Ist ein Schluck Kühlwasser notwendig – der Kühler versteckt sich hinten auf dem Dach –, pumpt sich die Technik die notwendige Menge beim Service selbst hinein. Deichsel und Vorderachse des Anhängers kommen mit wenigen Schmiernippeln aus, dazu ab und zu ein Blick auf den Verschlussbolzen der Anhängerkupplung – ein Gelenkbus verlangt mehr Aufmerksamkeit.

Wichtiger ist das Konzept des Zugs. Eingespannt ist hier die 10,5 Meter lange Kurzausgabe des Göppel Go4City. Zusammen mit dem 9,6 Meter langen Anhänger ergeben 
sich spannende Perspektiven: Der Midi passt mit seinen rund 80 Plätzen zu verkehrsschwächeren Zeiten. Zusammen mit dem Anhänger und dessen etwa 100 Plätzen transportiert der Miditrain mehr Fahrgäste als ein Gelenkbus. Probleme mit dem Gesamtgewicht kennt das vierachsige Gespann trotzdem nicht. Voraussetzungen sind allerdings Haltebuchten im XXL-Format und ein günstig gelegener Abstellplatz. Auch muss der Fahrer die Zusatztätigkeit des An- und Abkuppelns auf sich nehmen.

Bei Problemen, warnen Leuchten und eine Anzeige im Cockpit

Dies entpuppt sich als überraschend simple Angelegenheit, von der Lkw-Fahrer nur träumen können: rückwärts mit Hilfe der Heckkamera heransteuern, Bolzen der Anhängerkupplung fernbedient öffnen, andocken, Kabel für Strom und Druckluft aufstecken, zwei Sicherungsbänder zwischen Anhänger und Motorwagen einhängen – fertig. In zwei Minuten ist alles erledigt. Sollten jemals Probleme auftreten, warnen Leuchten und eine Anzeige im Cockpit und der Antrieb blockiert. Auch kann der Fahrer das Kupplungsmodul nur bei geschlossener Feststellbremse bedienen.

Die nächste Überraschung folgt beim Fahren: Brav wie ein wohlerzogener Hund läuft der Anhänger hinterher. Dabei hilft die zweite, elektrohydraulisch gelenkte Achse des Anhängers. Sie arbeitet gegenläufig zur Vorderachse, orientiert sich dabei an deren Einschlagwinkel. Gelenkbusfahrer wundern sich: Weites Ausholen entfällt, der Anhänger rollt präzise in der Spur des Motorwagens, der Blick in den kurveninneren Spiegel beweist es. Somit dreht der 21,5 Meter lange Buszug auf nur 17,5 Metern faszinierend gut. Ein Begrenzer reduziert den maximalen Knickwinkel, damit sich Motorwagen und Anhänger nicht zu nahe rücken. Verblüffend gelenkig windet sich der Riese durch die Stadt. Wer ausholt wie gewohnt, hält in Kurven einen peinlich großen Abstand vom Bordstein.

Fahrwerk und Lenkung sind angenehm straff abgestimmt

Dank Anhänger-ESP kennt der Miditrain zudem keine Schleudergefahr. Ohnehin ist das Maximaltempo auf 
60 km/h beschränkt, auch außerorts. Ab knapp 50 km/h blockiert die Lenkung der zweiten Anhängerachse, der Zug läuft dann kerzengerade und enorm stabil. Fahrwerk und Lenkung sind jeweils angenehm straff abgestimmt, aber beileibe nicht hart. Göppel nutzt sowohl für den Anhänger als 
auch die Vorderachse des Midis eine Einzelradaufhängung von ZF – ein feiner Zug.

Weiterer Vorteil:

Im Bus mit Anhänger entfällt das für Gelenkbusse typische Nicken im vorderen und vor allem hinteren Überhang. Ein Lob verdient sich ebenfalls die präzise ansprechende Fußbremse. Der Anhänger verzögert mit minimalem Zeitvorsprung, das vermeidet zusammen mit der gedämpften Anhängerkupplung lästige Stöße. Zu den heiklen Übungen zählt Rückwärtsfahren. Zwar wird die vierte Achse im Retourgang gesperrt, doch Rangiermanöver mit der Drehschemellenkung des Anhängers sind eher ein Fall für Lkw-Könner mit Wechselbrückenerfahrung als für Busfahrer.

Das vollbesetzte Gespann wiegt stattliche 32 Tonnen

Nicht knausern sollten Käufer bei der Motorleistung, denn das vollbesetzte Gespann wiegt stattliche 32 Tonnen. Göppel setzt auf stehend eingebaute DAF-Motoren mit 9,2 Liter Hubraum. Die stärkste Ausgabe mit 265 kW (360 PS) kommt da gerade recht. Zumal auch hier die Zugkraft mit 1.450 Nm nicht eben üppig ausfällt.

Den Rest regelt das Ecolife-Getriebe von ZF: Es erkennt den Anhänger und arbeitet dann leistungsorientiert. Voith-Getriebe sind zurzeit noch nicht lieferbar. Den Fahrgästen ist’s egal, sie fühlen sich in der Göppel-Kombination wohl. Typisch für beide Bestandteile des Zugs ist ein sehr aufgeräumter Fahrgastraum. Die Sitze Marke Kiel mit eleganter Cantilever-Aufhängung reihen sich ordentlich aneinander, oben wölbt sich die Innendecke wie eine Kuppel. Dank Kühler im Dachgeschoss stört im Heck kein wuchtiger Turm, ist mit etwas Geschick sogar eine durchgehende Sitzreihe möglich. An der Geräuschdämmung sollte Göppel indes feilen: Der DAF brüllt seine Anstrengung recht lautstark in den Fahrgastraum.

Eine Konvektionsheizung mit Gebläseunterstützung sorgt für warme Luft

Geradezu wohltuend ist der Aufenthalt im Anhänger. Hier dringen einzig das Abrollgeräusch der Reifen und das Säuseln des Fahrtwinds ans Ohr. Und irgendwo weit vorn grummelt dezent ein Motor. Vorne wie hinten spendiert Göppel eine Konvektionsheizung mit Gebläseunterstützung. Oben bläst die Klimaanlage des Motorwagens kühle Luft definiert durch Schlitze über den Seitenscheiben ein, das kann nicht jeder. Auf dem Dach des Anhängers nimmt eine Spheros Citysphere Platz. Die Einzelanlage ist wie gemacht für diesen Einsatz. Die Regelung des Klimas erfolgt zentral im Cockpit.

Das Hinein und Hinaus erfolgt durch Automatiktüren wie hinten im Gelenkbus. Beruhigend, dass der Fahrer das Geschehen im Anhänger durch mehrere Kameras im Blick hat. Darüber hinaus können Fahrer und Passagiere per Sprechanlage Kontakt aufnehmen. Damit der sonst so lange Weg bei einem Notfall kurz ausfällt.

Autor

Foto

Karl-Heinz Augustin

Datum

22. März 2012
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