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Gegenseitig bereichern: Logistik in der Katastrophenhilfe

Prof. Dr. Dorit Schumann-Bölsche von der Hochschule Fulda über die besonderen Herausforderungen in der humanitären Logistik.

Frau Schumann, humanitäre Logistik ist wichtiger denn je: Naturkatastrophen, aber auch vom Menschen verursachte Notlagen nehmen zu. Was sind die originären Aufgaben der humanitären Logistik?

Die Aufgaben der humanitären Logistik stellen eine Kombination aus Logistik und humanitärer Hilfe dar. Während sich die Privatwirtschaft stärker auf ökonomische Zielgrößen orientiert, steht in der humanitären Logistik der Erhalt der Gesundheit, des Lebens sowie der Lebensbedingungen im Mittelpunkt. Es geht zum Beispiel um Transport, Lagerung und Umschlag sowie Managementaufgaben für die humanitäre Hilfe mit den wichtigen Zielgrößen Logistikservice und Logistikkosten. Der Logistikservice sorgt dafür, dass die Hilfe möglichst schnell und zuverlässig diejenigen Menschen erreicht, bei denen die Not am größten ist und geringe Logistikkosten sorgen dafür, dass das begrenzte Budget für humanitäre Hilfeleistungen nicht verschwendet wird.

Was sind die besonderen Herausforderungen und Schwierigkeiten?

Die Herausforderungen unterscheiden sich je nach Art, Ort und Ausmaß der Katastrophe. Bei akuten schweren Naturkatastrophen, wie dem Erdbeben in diesem Jahr in Nepal, müssen Menschen innerhalb von wenigen Stunden gerettet und versorgt werden; dabei stellen fehlende Informationen, zerstörte Infrastruktur sowie die Entfernung der internationalen Hilfe eine besondere Herausforderung dar.

Bei permanenten Katastrophen, wie regelmäßige Dürren in der afrikanischen Sahelzone, aber auch bei politischen Krisen sind die Herausforderung weniger auf die Schnelligkeit ausgerichtet als vielmehr auf begrenzte finanzielle Ressourcen und logistische Kapazitäten, etwa an den Seehäfen oder in Flüchtlingscamps. Politische und kulturelle Herausforderungen kommen teilweise als Herausforderung auch für die humanitäre Logistik erschwerend hinzu.

Welche Rolle spielen neue Technologien - etwa der Einsatz von Drohnen - bei der humanitären Logistik?

Die Einsatzmöglichkeiten neuer Technologien für die humanitäre Logistik sind vielfältig: Der Einsatz von Satellitenbildern nach der Atomkatastrophe in Fukushima, Drohneneinsätze nach dem Erdbeben in Nepal, die Nutzung von SMS über Mobiltelefone zur Nachschubversorgung der UN-Läger Sub-Sahara Afrikas, die schnelle Verarbeitung großer Datenmengen bei allen akuten Einsätzen, die technologische Verzahnung der humanitären Wertschöpfungsketten – all dies sind Beispiele für ein umfangreiches Themengebiet. Konferenzen widmen sich dem Thema der humanitären Technologien, wie in diesem Jahr im Mai am MIT Cambridge, und Publikationen sprechen von "Digital Humanitarians". Neue Technologien bringen aber nicht ausschließlich Nutzen; Risiken können von Datenschutzverletzungen bis zum Auslösen einer – technologisch bedingten – Katastrophe reichen.

Der Organisierungsgrad gerade kleiner gemeinnütziger Organisationen ist nicht sehr hoch. Welche Rolle kann etwa die Transport- und Logistikbranche bei der Unterstützung spielen?

Mittlerweile existieren zahlreiche Kooperationen zwischen Privatwirtschaft und humanitärer Hilfe sowie weitere Initiativen internationaler Logistikkonzerne. So werden Flugkapazitäten bei akuten Katastrophen im Rahmen von Kooperationen kostenfrei oder zu reduzierten Kosten zur Verfügung gestellt und Flug- sowie Seehäfen werden für Katastrophenfälle vorbereitet beziehungsweise nach einer Zerstörung schnell wieder einsatzbereit gemacht. Diese Leistungen zählen bei einigen Konzernen zur Corporate Social Responsibility. Beim Outsourcing logistischer Leistungen durch Hilfsorganisationen an die Transport- und Logistikbranche ist ein wichtiger Beitrag der Privatwirtschaft darin zu sehen, ein faires Preis-Leistungs-Verhältnis anzubieten, und zwar auch im Falle knapper Kapazitäten.

Privatwirtschaft und humanitäre Logistik können sich gegenseitig bereichern und auch die private Logistikbranche kann von der humanitären Hilfe lernen, zum Beispiel mit Blick auf die Flexibilität und Schnelligkeit bei schwierigen Rahmenbedingungen.

Wichtige Fakten zur Humanitären Logistik
 
• Allein in Äthiopien, einem Land mit mehr als 90 Millionen Einwohnern und ohne eigenen Hafen, werden jährlich bis zu 1.5 Millionen Tonnen Nahrungsmittel des UNHCR verteilt
• Eisenbahnetz: 13 Länder sind ohne Netz, diverse Spurbreiten und kaum grenzüberschreitender Verkehr, insgesamt 55.000 Kilometer funktionstüchtig, davon 60 Prozent im südlichen Afrika. Nur in Südafrika sind 42 Prozent elektrifiziert.
• Straßennetz: 2,3 Millionen Kilometer, davon 15 Prozent befestigt (weniger als in Italien).
• Wasserstraßen: große Flüsse sind nicht durchgehend schiffbar, kein Schiffsverkehr ins Binnenland, nur wenig auf großen Seen, keine Kanäle. Zwischen Kongo-Burundi-Tansania verkehrt das Frachtschiff MS Miemba, das zur Kolonialzeit vor 120 Jahren nach Tansania gebracht wurde
• Flughäfen: 2,6 Millionen Tonnen Luftfracht, entspricht 1,5 Prozent des weltweiten Aufkommens.  Hohe Fluktuation von Luftfrachtgesellschaften
• Seegüterverkehr: in Ostafrika besitzt ein Duzend Länder größere Häfen; in Westafrika besitzt jedes Land einen eigenen Hafen, die um Fracht konkurrieren
• Auf dem afrikanischen Kontinent fliehen tägliche Tausende vor Gewalt und Hunger in angrenzende Länder, der Bedarf an Hilfsgütern steigt weiter
• Im Rahmen des UNHCR-Welternährungs-programms werden lokale Warenkörbe befüllt. Ein Flüchtling etwa in Uganda erhält täglich 2.100 Kilokalorien, um das Überleben zu sichern
• Die Kühne-Stiftung engagiert sich in der akademischen  Weiterbildung für eine bessere Humanitäre Logistik in Afrika und Südostasien

Quelle: Blome, TU Berlin

Ilona Jüngst

Autor

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Hochschule Fulda

Datum

22. Oktober 2015
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