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Fuhrparktest: Renault Premium ist der Überraschungssieger

Fuhrparktest: Nach drei Jahren und rund 400.000 Kilometer Laufleistung wird abgerechnet. Die Spedition Fehrenkötter hat den Sieger nach Betriebskosten ermittelt. Weil der Posten nicht alle Qualitäten eines Fahrzeugs beschreibt, gibt es auch einen ersten Platz für den Gesamtsieger.  

Nach mehr als 400.000 Kilometern in Diensten der Spedition Fehrenkötter ist der Renault Premium der Überraschungssieger. Er hat Landmaschinen, Traktoren, Anhänger und Transporter zu den günstigsten Kosten pro Kilometer durch Europa befördert. Ihm gebührt der erste Platz als Betriebskostensieger. Das bestätigt auch die letzte Etappe von März bis Ende Juni. Der Franzose erwies sich als zuverlässiges Transportmittel. Nur HU und AU waren fällig. Dabei beanstandete der Prüfer die Bremsklötze – ein Tausch, nicht mehr als Routine. Unterm Strich bleibt nach drei Jahren zu vermerken, dass die Kosten für Reparatur und Wartung im Mittelfeld liegen. Das klingt zunächst nicht überragend, aber dabei musste Renault auch nie tief in die Trickkiste zu Kulanz und Garantie greifen wie es andere Teilnehmer taten.  Die Werkstatt war auch stets so fix, dass keine Standtage anfielen. Das können sonst nur zwei weitere Testfahrzeuge für sich reklamieren: Mercedes Actros und Scania R. Bei Fehrenkötter ist es üblich, dass Standzeiten mit 500 Euro je Tag in die Fahrzeugkostenrechnung einfließen. Bei diesem Test wurde auch für Standtage in der Werkstatt der gleiche Wert angesetzt. Für den Premium spricht zudem der günstige Kaufpreis. Angesichts dessen fällt bei der Betriebskostenrechnung der geringste Restwert im Feld mit nur 34 Prozent Werterhalt laut Dekra-Gutachten nicht weiter ins Gewicht. Das größte Plus des Renault ist aber der sehr gute Spritverbrauch, was auch auf die Kabinengröße zurückzuführen ist. Denn ist das Fahrzeug leer, bestimmt auf der Autobahn maßgeblich die kleinste Stirnfläche im Feld die Aerodynamik.  Die kleine Kabine markiert zugleich das größte Manko des Premium. »Natürlich gelangt der Fahrer auch mit dem Premium von A nach B. Aber in anderen Fahrzeugen geschieht das komfortabler«, kommentiert Speditionsleiter Robert Theis. Der größere Magnum kam für den Test übrigens nicht in Betracht, da sein Leistungsspektrum erst weit über dem von Fehrenkötter verlangten 400 bis 420 PS beginnt. Die Kabine ist auch ein Vorteil für den deutlich teureren Mercedes Actros. Das Megaspace-Haus markiert für Firmenchef Joachim Fehrenkötter das Nonplusultra. Hinzu kommt die zuverlässige Technik. Im letzten Halbjahr gab es auch beim Stuttgarter nur Servicearbeiten und wenige Kleinigkeiten zu erledigen. Während des Testzeitraumes fiel einmal das Powershift-Getriebe auf, weswegen sich die Werkstatt entschied, vorsorglich die Motorkupplung zu wechseln. Das Problem war aus der Flotte bekannt und man wollte nicht das Risiko eingehen, dass das Fahrzeug im Ausland liegen bleibt. Überhaupt hat sich die Werkstatt als weiterer Pluspunkt für die Marke erwiesen. Ersatzteilbevorratung und Kundenfreundlichkeit sind für Fehrenkötter ein wichtiger Eckpfeiler der Mercedes-Stärken. 

Dazu kommt ein angesichts der deutlich größeren Kabine günstiger Verbrauch und die zweitniedrigsten Reparaturkosten, ohne dass Kulanz und Garantieleistungen übermäßig strapaziert wurden. Der Restwert ist gemäß Dekra-Gutachten der höchste im Feld. Der Actros ist hierzulande der gefragteste Gebraucht-Lkw, knapp gefolgt vom Scania.  Insgesamt ergibt das die zweitbesten Betriebskosten knapp hinterm Renault. Weil sich Faktoren wie Fahrerhauskonzept und auch Zuverlässigkeit, sofern die Hersteller ständig auf Garantie und Kulanz kostenfrei reparieren, nicht mit der Betriebskostenrechnung erfassen lassen, hat sich der Speditionschef dazu entschlossen, einen Gesamtsieg auszuloben. Den holt sich der Mercedes Actros. Ein Gegenbeispiel hierzu ist der Iveco Stralis – zum Start des Test just aktualisiert. Das mag ein Grund für die teils schlampige Verarbeitung und zickige Elektronik sein. Für den Deutsch-Italiener spricht zunächst der gute Verbrauch. Auch beim Kauf ist der Iveco eine günstige Gelegenheit, der Werterhalt ist in Relation gut, absolut aber nur vom Premium unterboten. Auf den ersten Blick schrecken auch die akzeptablen Reparaturkosten nicht ab. Bei genauerer Betrachtung fällt auf, dass der Stralis an einigen größeren Defekten laborierte, die ohne Garantieleistung den Geldbeutel stark belastet hätten. Zuletzt musste im März eine Zylinderkopfdichtung erneuert werden, wiederum auf Garantie.  Erst kam es zu einer notdürftigen Reparatur in Aachen, es folgte die endgültige Reparatur in Münster. Zwei Tage später musste das Fahrzeug erneut abgeschleppt werden, was allein mit mehr als 800 Euro zu Buche schlägt. Der Grund dafür war die festsitzende Drosselklappe. »So etwas darf nicht passieren, wenn das Fahrzeug gerade eben erst aus der Werkstatt kommt«, schimpft Theis. 

Direkt nach Testende endet hier auch prompt die vorher erlebte Großzügigkeit des Herstellers. Derlei Ungemach verrät in der Betriebskostenrechnung nur die höchste Zahl der Standtage. »Inakzeptabel« lautet das Urteil von Fehrenkötter. Der Ärger, den die Disposition in solchen Fällen hat, lässt sich ebenfalls nicht in Cent pro Kilometer ausdrücken. Hinzu kommt, dass die Spedition auch nicht mit der Leistung der Werkstätten, Servicenetz, Fahrerhaus und Vertrieb zufrieden waren. Damit geht zwar der dritte Platz in der Betriebskostenrechnung an den Iveco, allerdings in der Gesamtwertung die rote Laterne. Dann kam auch noch Pech dazu. Kurz nach Abschluss des Tests blieb der Iveco ein weiteres Mal wegen eines Elektronikdefekts auf der Autobahn liegen. Ein weiterer Lkw krachte in das bereits abgesicherte Pannenfahrzeug – so der bisherige Stand der polizeilichen Untersuchung. Totalschaden! »Angesichts der zahlreichen Defekte und weil wir davon ausgehen, dass es mit der Laufzeit eher mehr werden, lassen wir den Stralis nicht mehr reparieren«, begründet Fehrenkötter. Ebenfalls tief in die Trickkiste griff MAN. Hier sind es weniger größere Schäden, die Speditionsleiter Theis ärgern, als vielmehr ständig wiederkehrende Probleme wie anfangs das mehrmals streikende kundenspezifische Modul (KSM) und die Adblue-Dosieranlage.  Auch die Werkstätten – gerade in Frankreich – bekleckerten sich nicht mit Ruhm, stellten dafür horrende Rechnungen, die MAN in Deutschland nachträglich übernahm, was die Betriebskosten verbessert. Dennoch sind sie die höchsten im Vergleichstest. Just vor Testende machte die Motorkupplung schlapp. Auch hier griff wieder die Garantie, sonst wäre ein hoher vierstelliger Betrag fällig gewesen. Auch die Adblue-Anlage musste erneut Instand gesetzt werden. »Ich bin überrascht, dass am MAN solche Defekte auftreten«, sagt Theis. Während Fehrenkötter vom Fahrerhaus überzeugt ist, schrecken ihn Unterhaltskosten und Servicenetz ab. Neben den hohen Reparaturkosten plagt den MAN auch der höchste Verbrauch im Test. Aber noch mehr ärgert Fehrenkötter der Vertrieb der Münchner. »Da ist scheinbar kein Interesse an uns vorhanden«, beklagt er. 

Besser macht es da schon der Verkauf von DAF. Zwar mussten die Niederländer gerade zu Anfang am Antriebsstrang nachbessern, dann geriet der XF105 aber ins Laufen, der Hersteller stand laut dem Speditionschef stets Gewehr bei Fuß bei Anfragen. Die Technik funktionierte dann zuverlässig, gilt Fehrenkötter aber als veraltet: »Der DAF XF105 braucht dringend eine Modernisierung, das gilt gerade für das Fahrerhaus«, kritisiert der Speditionschef. Dafür tröstet ihn, dass der DAF preislich attraktiv ist und relativ betrachtet einen sehr hohen Werterhalt aufweist. Auch dem Volvo FH wird die Betriebskostenrechnung nicht gerecht. Aber anders als der Iveco kommt der Schwede nach Fehrenkötters Ansichten bei alleiniger Betrachtung der Kosten schlechter weg als er ist.  Einen Getriebeschaden muss sich der FH allerdings anrechnen lassen. Der erzwang obendrein gleich drei Tage Standzeit, weil das Ersatzteil auf sich warten ließ. »Das ist sehr schade, sonst ist der Volvo ein Top-Lkw mit einer Top-Mannschaft dahinter«, lobt Theis. Auch der Verbrauch ist top. Der Restwert und auch der relative Werterhalt dafür unterdurchschnittlich, was die Betriebskosten unter Druck setzt. So rangiert der FH in der Gesamtbewertung knapp hinter dem Premium. Ähnlich ergeht es dem Scania: hoher Wiederverkaufswert, aber angesichts des hohen Einstandspreises ein relativ hoher Wertverlust. Zudem plagten den zweiten Schweden im Feld höchstens Wehwehchen, keine ernsthaften Reparaturen. Bis auf einen Defekt am Kühler im März, der mit beinahe 1.000 Euro zu Buche schlug. »Das ist ein ungewöhnlicher Schaden«, erklärt der Speditionsleiter. So sind alle Lkw im Ziel eingelaufen. Wer die Fahrzeuge einmal live erleben möchte, muss zur IAA reisen. Dort stehen die Lkw im Freigelände an den Standflächen A50 und A52 vor dem Stand von Spitzer Silo. Am 23. September überreicht Spediteur Fehrenkötter die Preise an hochrangige Vertreter von Mercedes und Renault Trucks – bei gutem Wetter an den Fahrzeugen, bei schlechtem am Stand des ETM-Verlags (Halle 17, Stand B11).

Thomas Rosenberger lastauto omnibus Chefredakteur

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Datum

7. April 2011
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