Markus Braun Zoom

Führerschein: Gewollte Komplikationen

Bürokratie kennt keine Gnade! Wer zur Führerscheinstelle geht, um die Ziffer 95 eintragen zu lassen, der braucht Geduld und einen großen Geldbeutel. Ein Erfahrungsbericht.

Endlich Lkw fahren – wie schön war der Moment, als der Prüfer im März seinen Servus unter die Bescheinigung gesetzt hat. Prüfung bestanden, Fahrerlaubnis erteilt! Jetzt konnte es endlich auf die Straße gehen. Und dann das: Am 19. Januar 2013 gab es eine Führerscheinreform. Alle zuvor beantragten Führerscheine hat die Behörde eingestampft. Wer mit seiner Bescheinigung nach dem Stichtag zur Abholung an der Führerscheinstelle erschien, musste den Lappen neu beantragen.

Führscheinprovisorium für 18 Euro

Zähneknirschend hatten Führerscheinneulinge erst mal mit einem Führerscheinprovisorium zu einer Gebühr von 18 Euro zu leben, bis das ersehnte Stück Plastik etwa drei Wochen später im Briefkasten liegen sollte. Wer damals glaubte, er könne mit diesem Provisorium einen Lkw fahren, der lag falsch. Denn es hatte noch nicht die Nummer des neuen Führerscheins und berechtigte damit auch nicht zur Beantragung einer Fahrerkarte. Gewerblich Fahren? Ohne Fahrerkarte ist das in fast allen Branchen unmöglich.

Nach drei endlosen Wochen war es dann so weit: Der ­Kartenführerschein lag am
4. April im Briefkasten. Seit dem ersten Antrag auf Erteilung einer Fahrerlaubnis am 30. April 2012 sind elf Monate vergangen. Inzwischen hat die Führerscheinbehörde knapp 90 Euro verdient, zwei Anträge bearbeitet und vermutlich auch zwei Plastikkarten ausgestellt. Jetzt nur noch bei Dekra den Antrag auf eine Fahrerkarte stellen, 40 Euro bezahlen und wenige Tage später haben die Jungs vom Fernverkehr einen neuen Kollegen.

Ziffer 95 zur Sicherheit eintragen

Szenenwechsel – im November wird trans aktuell gebeten, an einem Hilfskonvoi nach Syrien teilzunehmen. Der Führerschein ist vorhanden, die Fahrerkarte seit rund sechs Monaten im Einsatz und humanitäre Hilfe selten nötiger gewesen als heute – also willigt trans aktuell ein, mit auf Tour zu ­gehen (die später stattfindet, aber auf Anraten des ­Aus­wärtigen Amtes ohne Journalisten). Zur Sicherheit sollte aber im Führerschein schon mal die Ziffer 95 – Nachweis über die Berufskraft­fahrerqualifikation – eingetragen sein. Man weiß ja nie, wie die Behörden­vertreter in anderen Ländern reagieren.

42 Euro für den Eintrag von Ziffer 95

Mit der Bescheinigung über die 35 Schulungsstunden (Kosten: 540 Euro) geht es wieder zur Führerscheinstelle. Ziffer 95 eintragen? Kein Problem! Kostenpunkt: 42 Euro, wenn man drei Wochen auf den neuen Führerschein warten kann. Sollen es nur drei Tage sein, dann kostet der Spaß 61 Euro. Das klingt nach Abzocke, nennt sich aber Bürokratie.

Und damit nicht genug: Auf dem Amt stellt sich her­aus, dass der Führerschein für die Klassen C und CE am 30. April 2017 abläuft. Nachdem die Stadt Stuttgart die Pappe am 4. April 2013 ausgestellt hat, müsste das Ablaufdatum eigentlich der 4. April 2018 sein. Laut Behörde ist aber nicht der Tag der Ausstellung ausschlaggebend für das Ablaufdatum, sondern der Tag der Beantragung. Mit anderen Worten: Der Führerschein hat beim Erreichen des Briefkastens schon ein Jahr seiner Gültigkeit eingebüßt, ohne dass er in diesem Jahr im Einsatz war. Das will erst einmal verdaut sein.

Gebühren für Qualifikation, Augenarzt und Hausarzt

Doch Zeit zum Luftholen gibt es nicht. Denn als die Dame auf der Führerscheinbehörde den Antrag für den neuen Führerschein inklusive Ziffer 95 ausfüllt, weist sie darauf hin, dass am 30. April 2017 auch die nächsten 35 Schulungsstunden fällig seien. Das liege daran, dass die Behörde für die Nachweise vom Hausarzt, Augenarzt und der Berufskraftfahrerqualifikation künftig denselben Termin einfordert. Im gegebenen Fall bedeutet das, dass die ersten 35 Schulungsstunden nur für rund 3,5 Jahre gelten. Bis Stichdatum 2017 sind also erneut 540 Euro für die Qualifikation fällig, rund 80 Euro für den Augenarzt, 40 Euro für den Hausarzt, 42 Euro für den Führerscheinantrag und noch mal 40 Euro für die Fahrerkarte.

Letztere müssen Fahrer mit jeder Erneuerung des Führerscheins ebenfalls neu beantragen. Denn der Führerschein hat nach dem Eintragen der Ziffer 95 zusammen mit dem neuen Ablaufdatum auch eine neue Nummer. Die steht schlechterdings dann noch nicht auf der Fahrerkarte. Stimmen die Nummern auf der Fahrerkarte und dem Führerschein nicht überein, kann es vor allem im Ausland zu Schwierigkeiten mit Kontroll­behörden kommen. Ohne die Kosten für die Fahrschule einzubeziehen, sind bis heute etwa 850 Euro für Anträge, Arztbesuche und die Qualifikationen aufgelaufen.

1.600 Euro Zusatzkosten für den Führerschein

Bis 2017 kommen noch mal rund 750 Euro dazu. Damit hat der Lkw-Führerschein in den ersten fünf Jahren 1.600 Euro Zusatzkosten verursacht. Hinzu kommen vier Besuche auf der Führerscheinstelle, zwei bei einem Unternehmen, das Fahrerkarten ausstellt, und zehn Schulungstage im Rahmen der Berufskraftfahrerqualifikation. Kein Wunder, wenn da die anfängliche Freude aufs Lkw-Fahren schnell verfliegt.

Portrait

Autor

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Andreas Techel

Datum

26. Dezember 2013
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