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Flüchtlinge in der Logistik: Menschen schnell in Jobs bringen

Unternehmen engagieren sich auf vielfältige Weise für Flüchtlinge, organisieren Sprachkurse und stellen Gebäude zur Verfügung. Die Transportbranche bietet einfache Jobs als Einstieg. Die Sprache ist dabei die größte Hürde.

Es ist eine Chance mit bekannten Risiken – doch diesmal scheint das ungeliebte Wörtchen "alternativlos" angebracht. Flüchtlinge brauchen Unterstützung auf allen Ebenen, um nicht dauerhaft auf Hilfe angewiesen zu sein. Verbunden damit sind viele Vorteile – persönliche und gemeinschaftliche.

Wenn Integration gelingt, ist das ein Zugewinn für Arbeitsmarkt, Kultur und Gesellschaft. Handwerk und Industrie suchen händeringend nach Auszubildenden und Fachkräften, da ist es doch naheliegend, die jungen Menschen aus- und weiterzubilden, die zu uns kommen. 

Doch auch die Hürden sind hoch – für die Neuankömmlinge zunächst die sprachlichen, aber auch kulturelle. Einige Unternehmen haben bereits erkannt, dass sie im besonderen Maß gefordert sind. Ohne Betriebe, die bereit sind, in Flüchtlinge zu investieren, wird es nicht gehen. Dabei hilft zunächst nicht, auf die Defizite zu schauen, sondern die Potenziale zu sehen. In der Pädagogik hat sich ein Ressourcenansatz als aktuelle Leitlinie durchgesetzt – "Stärken stärken" lautet das Ziel, um Kinder zu aktiven Gestaltern ihrer Zukunft zu befähigen. Das ist bei Flüchtlingen nicht anders. Wir zeigen zehn Beispiele, wie Unternehmer, Organisationen und Privatpersonen die Initiative ergreifen, um direkt und schnell zu helfen. 

Chance für die Branche

Norbert Grehl-Schmidt, Projektentwickler beim Caritasverband Osnabrück, empfiehlt interessierten Unternehmen eine externe Beratung, etwa über die Branchenverbände, die IHKs oder spezialisierte Beratungsstellen der Länder. Möglich sei eine Kombination aus Spracherwerb und Betriebspraktikum. "Problematisch sind die vielen, teils rechtlichen Sonderreglungen und Restriktionen, die es dem Betrieb deutlich erschweren, durchzublicken", sagt Grehl-Schmitt. Bei guter Planung sieht er die Grundvoraussetzungen für Flüchtlinge nicht schlechter als bei der Beschäftigung anderer Mitarbeiter. 

Würth Akademie

Würth aus dem schwäbischen Künzelsau engagiert sich seit Jahren im Bildungsbereich und war auch beim Flüchtlingsthema vorn dabei. Insgesamt eine Million Euro hat das Unternehmen bereitgestellt: Die Hälfte erhält die Flüchtlingshilfe im Landkreis Hohenlohe, für 100.000 Euro wurde ein ungenutztes Firmengebäude zur Unterkunft umgebaut, der Rest fließt in ein Integrationszentrum, das als zentrale Anlaufstelle ab Frühjahr in einem ehemaligen Würth-Gebäude betrieben wird. "Hier treffen sich Arbeitsgruppen aller Bildungsträger, es finden Integrations- und Sprachkurse statt", sagt Helmut Jahn, Leiter der Würth Akademie. Die Aufgabe: "Flüchtlinge möglichst schnell in Arbeit integrieren."

Sprachkompetenz sieht Jahn als wichtigsten Schlüssel zu unserer Gesellschaft. Seit Oktober wurden 500 Flüchtlinge in 20 Sprachkursen unterrichtet. Hinter dem Engagement der Würth Group sieht Jahn humanitäre Pflicht und wirtschaftliche Notwendigkeit: "Wir sind Partner des Handwerks", der den Fachkräfte- und Nachwuchsmangel deutlich spürt. Vor allem in der Dualen Ausbildung und dem dualen Studium sieht er "eine Riesenchance".

IHK Fulda

Die IHK Fulda hatte 140 Unternehmer und Führungskräfte zu einer Info-Veranstaltung über Perspektiven für Flüchtlinge eingeladen. Klar wurde dabei, dass jeder Fall einzeln betrachtet werden muss, was es für willige Unternehmen kompliziert macht. Daher haben Landkreis und Arbeitsagentur dort ein "Arbeitsmarktbüro für Menschen mit Fluchthintergrund" gestartet. In einer Gemeinschaftsunterkunft werden für die 100 Bewohner Sprachkurse angeboten. In ausführlichen Einzelgesprächen ermitteln die Helfer die Qualifikationen der Migranten und stellen Kontakte zu Unternehmen her. 

Das Berufsbildungszentrum Mitte in Fulda hat ein Projekt namens Siqua24 gestartet, um Flüchtlinge ohne oder mit geringen Deutschkenntnissen, ohne Schulpflicht und mit offenem Asylverfahren zu fördern. Ähn­liche Projekte gibt es in vielen Regionen, etwa in Oberbayern. 

Bremer Handelskammer

Speed-Dating einmal anders – in der Allgemeinen Berufsschule in Bremen trafen sich im Dezember rund 75 Asylbewerber mit 20 potenziellen Arbeitgebern zum ersten Kennenlernen. Die jungen Erwachsenen sollten erste Einblicke in ihre beruflichen Möglichkeiten erhalten und im besten Fall mit einem Schnupperpraktikum heimgehen. Obwohl viele Flüchtlinge aufgrund ihrer Situation mit einer schwierigen Schulbiografie kämen, gebe es Chancen, so die Bilanz. Eingeladen hatte die Bremer Handelskammer.

DHL Deutsche Post

Deutsche Post DHL stellt neben einer Geldspende von einer Million Euro für die Flüchtlingshilfe nach eigenen Angaben 1.000 Berufspraktika, etwa im bayerischen Oberreichenbach, sowie eigene Liegenschaften zur Verfügung. Außerdem engagieren sich Mitarbeiter in diversen Projekten. 

Kraftfahrergewerkschaft

Sie forderte im Oktober mehr Engagement von Großkonzernen: "Die großen Handelsketten und Discounter erhalten jährlich Milliarden von Subventionen von der EU und vom Bund, daher sind sie auch in der Pflicht, Arbeitsplätze zu schaffen und bei der Entlastung der Sozialkassen mitzuhelfen", fordert Willy Schnieders, KFG-Bundesvorsitzender. Anerkannte Flüchtlinge könnten laut Schnieders im Lager arbeiten oder Fahrzeuge be- und entladen, was bisher häufig Kraftfahrer während ihrer Ruhezeit tun müssten. Damit verbundene geringe Preissteigerungen im Handel seien zumutbar.

Federal Express

"Zusammen mit gemeinnützigen Organisationen nutzen wir unser globales Transportnetzwerk und unsere Ressourcen, um sofortige Hilfe dort zu leisten, wo sie am meisten benötigt wird", sagt David Binks, Präsident Europe bei Fedex über die Ein-Millionen-Dollar-Spende (924.600 Euro) des Unternehmens an die Internationale Föderation der Rotkreuz- und Rothalbmond-Gesellschaften.

Spedition Dischinger 

Personalleiterin Kerstin Sacherer hat über persönliche Kontakte zum Arbeitskreis Asyl in ihrem Heimatort Kirchhofen drei ehemalige Flüchtlinge in Arbeit gebracht. Da "ohne Deutschkenntnisse gar nichts" geht, bezahlt die Spedition einem 19-jährigen gelernten Metallarbeiter aus Gambia einen Integrationskurs. Nach fünf Wochen MAG-Maßnahme (Aktivierung und berufliche Eingliederung bei einem Arbeitsgeber mit 50 Prozent Förderung) konnte ihm Sacherer einen Jahresvertrag anbieten. Er arbeitet in der Werkstatt, soll aber bald eine Ausbildung beginnen. 

Im Lager ist ein 43-jähriger Mann aus Sri Lanka mit befristeter Arbeits- und Aufenthaltserlaubnis tätig. Nach drei Wochen MAG-Maßnahme (die Kosten bezahlte das BA), hat er einen Jahresvertrag. Über eine Einstiegsqualifizierung (EQJ: 215 Euro BA-Zuschuss für drei Monate, rund 480 bezahlte Dischinger) ist Kodjo Sassou Adjivon als kaufmännischer Praktikant eingestiegen, Der 20-Jährige ITler aus Togo hat sehr gute Französch- und Basiskenntnisse in Englisch und Deutsch. Ab September wird er zum Kaufmann für Spedition und Logistik ausgebildet. 

Dachser

Dachser-CEO Bernhard Simon sieht die Logistik als "ein ideales Sprungbrett, um in unserer Gesellschaft Fuß fassen zu können", da im Lager auch gering qualifizierte Menschen Arbeit fänden. Über Kontakte am Arbeitsplatz sei eine schnelle Integration viel leichter möglich, die Politik müsse aber Bürokratiehemmnisse abbauen, forderte er in der "Welt".

DIHK

Der Deutsche Industrie- und Hammelskammertag (DIHK) fordert, Welcome Center und Business Support Center stärker zu fördern, um auch gründungswillige Migranten besser zu begleiten. Mittlerweile hat fast jeder fünfte Gründungsinteressierte, der zur IHK kommt, ausländische Wurzeln, also rund 35.000 angehende Unternehmer. Neugründer schafften 2015 rund 200.000 zusätzliche Arbeitsplätze.

Landesverband Bayerische Spediteure

Der LBS hat für seine Mitgliedsunternehmen einen Leitfaden zur Beschäftigung geflüchteter Menschen erstellt. Außerdem entwickelt er einen Kompetenzcheck für beruflich qualifizierte Flüchtlinge im Bereich Spedition und Logistik und hilft, diese dorthin zu vermitteln. "Dabei sind Praktika für uns ein erster wichtiger Step", sagt LBS-Geschäftsführerin Edina Brenner. Über das Projekt Jobs4refugees.org konnten die ersten Flüchtlinge in Berlin und München bereits Branchenluft schnuppern. 

Wissenswertes zum Asyl

  • Bürger aus EU-Ländern und dem europäischen Wirtschaftsraum sind uneingeschränkt arbeitsberechtigt. Angehörige von Drittstaaten erhalten erst mit Visum oder Aufenthaltserlaubnis eine Arbeitserlaubnis. Zuständig sind die Ausländerbehörden von Stadt und Kreis.    
  • Mehr als 476.000 Menschen stellten 2015 hierzulande einen Asylantrag (plus 155 Prozent im Vorjahresvergleich), die meisten Syrer, Iraker oder Afghanen. Rund 70 Prozent waren junge Männer bis 30 Jahren. 137.000 Flüchtlinge wurden 2015 anerkannt. 
  • Im 1. Halbjahr 2015 nahmen 128.118 Personen an einem Integrationskurs teil –  seit 2005 insgesamt 1,67 Millionen Menschen. Rund 54.500 Menschen aus Drittstaaten erhielten eine Aufenthaltserlaubnis für Studium, anschließende Jobsuche, Ausbildung, Sprachkurs oder Schulbesuch.
  • Ein neuer "Ankunftsnachweis" für Asylbewerber soll ab diesem Monat alle wichtigen Daten  erfassen. Da viele Flüchtlinge ohne Ausweis einreisen, werden hierauf neben eine Identifikationsnummer, Personen-, Identitäts- und Kontaktdaten auch Informationen über Schule und berufliche Qualifikation vermerkt.
  • Merkblätter und Informationen zum Thema „Arbeit für Flüchtlinge“ stehen im Internet, etwa unter arbeitsagentur.de und bamf.de. In Niedersachsen können sich Arbeitgeber über eine Hotline der Zentralen Beratungsstelle "Arbeitsmarkt und Flüchtlinge" informieren. Auf der dazugehörigen Internetseite gibt es nützliche Links und Flyer als Download. 

Quelle: BAMF, Arbeitsagentur 

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Dieser Artikel stammt aus Heft trans aktuell 05/2016.
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Akademie Würth

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18. Februar 2016
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