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Umfrage zum Thema Fahrer-Fitness: Fernfahrer sorgen sich um ihre körperliche Fitness

Viele Fahrer würden sich gerne um ihre Fitness kümmern. Doch häufig fehlen Zeit und Geld.

Jeder Mensch will ja prinzipiell gesund sein – und es bleiben. Doch dagegen sprechen die Statistiken, zum Beispiel der AOK, bei der viele Lkw-Fahrer versichert sind. „Die meisten Arbeitsunfähigkeitstage (AU-Tage) in 2009 von AOK-Mitgliedern wurden durch Muskel- und Skeletterkrankungen verursacht, die häufig mit langen Ausfallzeiten verbunden sind“, schreibt uns Michael Bernatek vom AOK-Bundesverband in Berlin. Laut Fehlzeiten-Report 2010 waren 2009 auf Muskel- und Skeletterkrankungen 23 Prozent der AU-Tage zurückzuführen, obwohl sie nur für 16,4 Prozent der AU-Fälle verantwortlich war. Besonders die Zahl der durch Muskel- und Skeletterkrankungen bedingten, stationären Behandlungen hat in den letzten Jahren stetig zugenommen. Parallel dazu sind natürlich auch die dadurch verursachten Krankheitskosten zwischen 2002 und 2006 um etwa 8,8 Prozent auf 26,6 Milliarden Euro angestiegen (Robert Koch-Institut; Versorgungs-Report 2011). Dagegen könnten die Krankenkassen natürlich vorsorglich etwas tun. Denn laut Sozialgesetzbuch (SGB) V § 20 sollen Krankenkassen in ihrer Satzung Leistungen zur Primärprävention vorsehen. Derartige Leistungen müssen laut SGB den allgemeinen Gesundheitszustand verbessern und „insbesondere einen Beitrag zur Verminderung sozial bedingter Ungleichheit von Gesundheitschancen erbringen“.
 
Vorsorge der Krankenkassen
 
Große Krankenkassen wie die AOK bieten ihren Versicherten schon lange die Möglichkeit, kostenfrei an Gesundheitsangeboten teilzunehmen, die sich auf die Bereiche Bewegung, Ernährung und Entspannung konzentrieren. Auch die Berufsgenossenschaft BG-Verkehr unterstützt ihre Mitgliedsunternehmen unter bestimmten Voraussetzungen mit einem Betrag von 30 Euro pro Mitarbeiter – wenn diese spezielle Rückenschulen anbieten.
 
Bundesweites Gesundheits-Netzwerk
 
Vorausschauende, meist mittelständische Betriebe aus der produzierenden Wirtschaft haben es längst erkannt: Das eigene Engagement für mehr Gesundheit senkt die Krankenstände und die Fluktuation, steigert die Mitarbeiterzufriedenheit und führt so zu mehr Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit im Betrieb. Diese Philosophie befeuert einen ganz neuen Markt. Im Rahmen der Initiative Gesundheit im Betrieb (www.gesundheitimbetrieb.de) ist schon ein bundesweites Netzwerk entstanden.
 
Steuervorteile für alle
 
Bereits rückwirkend seit 2008 gibt es Steuervorteile für Arbeitnehmer und Arbeitgeber, die sich für mehr Gesundheit engagieren – in Höhe von 500 Euro als Freibetrag. Einzige Voraussetzung: Die Leistungen müssen hinsichtlich Qualität, Zweckbindung und Zielgerichtetheit den Anforderungen der Paragrafen 20 und 20a des Sozialgesetzbuchs (SGB) V genügen. Hilfsmittel hier: Der „Leitfaden Prävention“, in dem die Spitzenverbände der Krankenkassen (GKV) Qualitätskriterien für Prävention und betriebliche Gesundheitsförderung formuliert haben, die den Forderungen des SGB folgen. Der Haken: Nicht von Steuer und Sozialabgaben befreit sind vom Arbeitgeber übernommene oder bezuschusste Mitgliedsbeiträge für Sportvereine und Fitnessstudios – Letzteres oft eine der wenigen Möglichkeiten, die gerade Fernfahrern am Wochenende bleibt. Das sehen der Finanzrichter wie Hans-Ulrich Fissenwert anders. Aber eine eindeutige Klärung wird es erst geben, wenn Unternehmer ausprobieren, was ihr Finanzamt letzten Endes als Maßnahme akzeptiert. Wer allerdings in seinem Fitnessstudio einen entsprechenden Kurs gemäß den „Leitlinien Prävention“ belegt, hat keine Probleme, das nötige Geld vom Chef zu bekommen – wenn er es denn auch investieren möchte.
 
Transportbranche hat keine Ahnung
 
Zunächst weiß aber kaum jemand in der Transportbranche über die Möglichkeit überhaupt Bescheid – oder will es gar nicht wissen. Dazu meint der Bundesverband Güterkraftverkehr, Entsorgung und Logistik (BGL): „Die auch aus unserer Sicht begrüßenswerte Regelung zur Gesundheitsprävention ist vom BGL nach innen kommuniziert. Die Umsetzung der Maßnahmen ist mit einigen bürokratischen Hürden versehen, sodass wir bei realistischer Betrachtung nicht mit einer schlagwetterartigen Verbreitung derselben rechnen können. Steuervorteile sind allerdings nur dann nützlich, wenn Gewinne gemacht werden. Bei vielen Betrieben war und ist das nicht der Fall, weil der Kampf ums Überleben zwingt, Kosten zu senken.“ Doch es gibt erste Unternehmen, die umdenken. Die Spedition Diebel in Kassel zum Beispiel.
 
Der Wille der Fahrer
 
Doch was wollen die befragten Fahrer eigentlich selbst? „Geht man von ihrer Motivation und Bereitschaft aus, dürfte eine gute Grundlage für fruchtbare Fördermaßnahmen gegeben sein“, stellt die Sozialpädagogin Annika Adler in einer Umfrage fest. „Zwischen den Zeilen lässt sich der Wunsch nach Fürsorge herauslesen. Sie wollen ernst genommen und vom Arbeitgeber ganzheitlich wahrgenommen werden. Wenn 70 Prozent der Umfrageteilnehmer für eine regelmäßige Gesundheitskontrolle mit anschließenden, individuell zugeschnittenen Gesundheitsmaßnahmen sind, spricht dies eine deutliche Sprache.“ Daraus folgert die Sozialpädagogin: „Auch wenn die Wahrscheinlichkeit, dass die aus Erfahrungswerten bekannte geringe Teilnahmebereitschaft an präventiven Maßnahmen eher hoch ist, darf die auch noch
so geringe Wahrscheinlichkeit, dass sich etwas Positives daraus entwickelt, nicht auf null abgewertet werden. Förderung bedeutet nun mal immer auch einen hohen Einsatz von Kraft in der Durchsetzung von anfangs fraglichen Maßnahmen gegenüber Skeptikern, Kritikern und Gegnern.“
 
Dazu zählen leider auch die Fahrer selbst – eine Diskrepanz, die Adler zu denken gibt. „Null Prozent schätzen die Bereitschaft ihrer Kollegen als sehr hoch ein, an gesundheitsfördernden Maßnahmen teilzunehmen. Knapp ein Drittel ist sich unsicher, ein weiteres Drittel schätzt sie als eher gering ein und ein letztes Drittel als sehr gering. Für Adler ein nachvollziehbares Urteil. „Das Problem dieser negativen Sichtweise ist, dass sie aus eigener, oft langjähriger Beobachtung und Erfahrung entstanden ist.“
 
Änderungen in Sicht
 
Was müsste also geändert werden? „Die Krankenkassen müssten die Konditionen der Präventionskurse für Berufsgruppen wie Kraftfahrer lockern und eine flexiblere Terminierung zulassen“, erklärt Sozialpädagogin Annika Adler. „Sie müssten von sich aus mehr auf Risikogruppen zugehen und über Präventionsmaßnahmen informieren. Entspannung und Rückengymnastik müssen schon in der Berufsschule als selbstverständlich angesehen werden. Denn vielen Kollegen ist es immer noch peinlich, vor anderen Fahrern Entspannungs- oder Fitnessübungen zu machen, obwohl es beispielsweise mit dem Physioloop bereits eine gute Möglichkeit gibt, Sport am Lkw zu machen.“
 
All denen, die an gesundheitsfördernden Maßnahmen beteiligt sind, müsse klar sein, dass es sich um eine eher unterschwellige, langwierige und konsequente Arbeitsweise handle, beschreibt Adler ihre Erkenntnisse. Erfolge würden vermutlich erst nach mühsamer Weichenlegung in mehreren Jahren oder sogar Jahrzehnten zu verbuchen sein, wenn eine neue Generation von Unternehmern und Fahrern herangewachsen sei, die ein anderes Selbstverständnis von Gesundheit und Wertschätzung von Arbeitskraft habe. „Bis dahin ist der gute Wille der Kraftfahrer das Potenzial, auf dem sämtliche Bemühungen für Gesundheitsförderung aufgebaut werden müssen.“

Foto

Jan Bergrath

Datum

13. April 2011
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