Abenteuer Baltikum 16 Bilder Zoom
Foto: Felix Jacoby

Abenteuer Baltikum

Auf der Fernstraße E67 via Baltica

Die Fernstraße E 67 durch die baltischen Staaten liefert Eindrücke aus Litauen, Lettland und Estland.

Es ist gerade einmal 25 Jahre her, dass das ehemalige Riesenreich der Sowjetunion durch politische Umwälzungen in seine Einzelteile zerlegt wurde. Das gab den baltischen Staaten entlang der Ostsee die ­Möglichkeit, wieder zur Eigenständigkeit zurückzukehren. Für die betroffenen Völker eine wunderbare Chance, waren sie in ihrer Vergangenheit doch schon öfter den unterschiedlichsten Machthabern unterworfen. Um zu sehen, wohin die politische Selbstbefreiung geführt hat, empfiehlt sich eine Reise auf der Fernstraße E 67 – der "Via Baltica". In ihrer gesamten Länge führt sie vom tschechischen Prag bis ins finnische Helsinki. Die Balten weisen auf vielen Schildern dankbar darauf hin, dass der ständig fortschreitende Ausbau häufig mit Geldern der Europäischen Union vorangetrieben worden ist.

Die erste Station ist Kaunas in Litauen. Die Stadt mit rund 300.000 Einwohnern liegt am Zusammenfluss von Memel und Neris. Sie hat eine drei Kilometer lange Fußgängerzone mit einer herrlichen Allee und prächtigen Geschäften. Trotzdem herrscht hier selbst an einem sonnigen Tag im Mai auffallend wenig Betrieb. Der Grund dafür liegt nur wenige Hunderte Meter entfernt. Dort befindet sich ein gigantisches Einkaufszentrum: das ­Akropolis. Als Tempel des Konsums mit einem schon fast dekadenten Überfluss an Waren lockt es die Menschen aus dem alten Zentrum.

Litauen, die fruchtbare Kornkammer Nordosteuropas

Im harten Kontrast dazu stehen die teilweise heruntergekommenen Holzhäuser und viele alte Menschen, denen die Verarmung anzusehen ist. Es gibt hier offensichtlich eine Generation, die mit ihrer kleinen Rente aus früheren Zeiten vom neuen Wohlstand der noch Arbeitenden ausgeschlossen ist. Jetzt werden zwar viele verlockende Dinge offeriert, die sich die meisten Älteren aber niemals leisten können.

Kurz nach der Wiedererlangung der eigenstaatlichen Selbstständigkeit zählte Litauen noch rund 3,7 Millionen Einwohner, mittlerweile ist diese Zahl auf unter drei Millionen gesunken. Zum Teil ist diese Entwicklung dem Überschuss der Sterbezahl geschuldet, aber das Land hat durch die Auswanderung von jungen und motivierten Arbeitskräften in andere Teile der EU auch einen großen Aderlass an Wirtschaftskraft erlitten. Kaum bleibt die Stadt Richtung Norden im Spiegel zurück, versteht man, warum sie schon lange als fruchtbare Kornkammer von Nordosteuropa Begehrlichkeiten weckte. Bis zum Horizont erstrecken sich riesengroße Äcker. Ein kleines Stück noch ist die Straße vierspurig, aber an der Verästelung nach Klaipeda wird die E  67 bald zweispurig.

Einzug des Euros in die baltischen Staaten

Obwohl es viele Abbiegespuren und Beschleunigungsstreifen gibt und Überholverbote teilweise sogar mit extrabreiten und rot lackierten Mittelstreifen angeordnet sind, ist das Fahren hier ziemlich gefährlich. Im EU-Vergleich der Getöteten im Straßenverkehr, berechnet pro Million Einwohner, nimmt Litauen mit der erschreckenden Zahl von 241 pro Jahr den traurigen Spitzenplatz in der EU ein. Kilometer um Kilometer geht es flach durchs Land und die einzige nennenswerte Stadt, Panevezys, wird vom Lkw-Verkehr auf einer neuen Umgehung umfahren. Da der Ort mit seinen rund 110.000 Einwohnern erst im 19. und 20. Jahrhundert entstanden ist, versäumt man dort wenig. Ein Klassiker in Litauen waren früher, selbst noch eine Zeit lang nach der Wende, die Schaschlikgrills. Es findet sich entlang der E 67 noch genau einer davon. Kein anderer Gast weit und breit zu sehen, obwohl das für fünf Euro ein feiner Imbiss ist. Die Balten scheinen die überall aus dem Boden sprießenden Hamburger-Bratereien nach amerikanischem Vorbild zu bevorzugen.

Wenn man bedenkt, was hier früher an den Grenzen ständig für Lkw-Staus waren, staunt man über die zwischen Litauen und Lettland sowie auch nach Polen und Estland offenen Schranken. Wenn nicht gerade ein paar mürrische, lettische Lkw-Kontrolleure den Stauraum nutzen, kann man fast ungebremst durchfahren. Verwaist sind auch die Wechselstuben. Seit einigen Jahren ist der Euro in allen drei baltischen Staaten das gültige Zahlungsmittel.

Riga, Altstadt als Unesco-Weltkulturerbe gelistet

Lettland ist etwas kleiner als Bayern und hat bis zur altehrwürdigen Hauptstadt zunächst auch nicht viel mehr zu bieten als den Anblick endloser Agrarflächen. Dafür entschädigt Riga, wo mitsamt den Vorstädten fast die Hälfte der lettischen Bevölkerung lebt, mit alten Jugendstilbauten und einem schönen Ufer am Fluss Daugava. Die Altstadt ist sogar als Unesco-Weltkulturerbe gelistet. Im weiteren Verlauf wechselt die Landschaft. Es wird nun immer waldreicher – eine nordische Kombination aus Birken und Kiefern. Entlang der Straße kommt man auch der Ostsee und ihren prächtigen Stränden herrlich nahe. Bei Salacgriva, einem kleinen Hafenstädtchen, überquert die Straße den Fluss Salaca, hier lockt ein Supermarkt mit nettem Bistro und Lkw-Parkplatz neben der Fernstraße zur Rast.
Ein paar Kilometer weiter kommt die Grenze Lettland-Estland in Sicht. Das nördlichste der drei baltischen Länder ist wirtschaftskräftiger und scheint schon mehr von der finnischen als von der russischen Nachbarschaft beeinflusst. Der Eindruck entsteht auch durch die riesigen Wälder, in denen Tausende von Elchen und Hunderte von Braunbären leben. Selbst die estnische Sprache verrät an ihrem Klang die Nähe zu Finnland. Estland ist etwas größer als die Schweiz, mit 1,3 Millionen Einwohnern aber nur dünn besiedelt. Ein feiner Ort für eine Pause ist das alte Seebad von Pärnu, dessen von Holzhäusern geprägtes Zentrum ­einen Ausflug lohnt. Zwar muss man den Lkw außerhalb stehen lassen, aber Taxis und Busse sind billig und einfach zu nutzen. Und die herrlichen Strände lohnen sich wirklich zu besuchen.

Talinn, beachtliche Schritte in die Moderne

Knapp 600 Kilometer nördlich vom Ausgangspunkt Kaunas erreicht man schließlich die estnische Hauptstadt Tallinn, mit 400.000 Einwohnern und rund 800-jähriger Geschichte. Davon zeugt die herr­liche Altstadt. Die letzten 30 Kilometer geht es vierspurig, die estnische "Politsei" steht hier sehr gerne mit Radarpistolen, um eilige Zeitgenossen abzukassieren. Tallinn ist auch ein bedeutender ­Fährhafen, von hier gehen die letzten 80 Kilometer der Via Baltica per Fähre über den finnischen Meerbusen nach Helsinki. Das Zen­trum der estnischen Stadt wird tagsüber oft von Tausenden von Kreuzfahrttouristen geflutet und von Finnen, die hierher kommen, um billigen Alkohol und Zigaretten zu kaufen. Tallinn ist aber auch ein hochgradig digitalisierter Standort weltweit aktiver Computerfirmen, überall gibt es WLAN und die Esten können hier bei Wahlen ihre Stimme sogar schon im Internet oder per SMS abgeben. Die baltischen Staaten jedenfalls haben in einem Vierteljahrhundert schon beachtliche Schritte in die Moderne getan.

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Dieser Artikel stammt aus Heft FERNFAHRER 07/2016.
Hier finden Sie alle Artikel dieser Ausgabe im Überblick.

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Datum

10. Juni 2016
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Rechtsanwältin Judith Sommer ist Fachanwältin für Arbeitsrecht. Seit über 10 Jahren berät und… Profil anzeigen Frage stellen
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