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Feldversuch in Schleswig-Holstein: Staatssekretär Flasbarth für Oberleitungs-Lkw

2019 sollen im Rahmen von Feldversuchen die ersten Oberleitungs-Lkw auf öffentlichen Straßen in Schleswig-Holstein und Hessen rollen. Was sich das Bundesumweltministerium davon erhofft, hat die Fachzeitschrift trans aktuell Staatssekretär Jochen Flasbarth gefragt.

trans aktuell: Herr Staatssekretär, Sie sehen den Güterverkehr lieber auf der Schiene als auf der Straße. Löst der Oberleitungs-Lkw in Ihnen also eher gemischte Gefühle aus?

Flasbarth: Nein, da bin ich völlig mit mir im Reinen. Wir tun alles, um den Güterverkehr auf der Schiene zu stärken. Das hat das Bundesumweltministerium beispielsweise beim Bundesverkehrswegeplan 2030 sehr deutlich gemacht. Dass erstmals Investitionsmittel in gleicher Höhe für Straße und Schiene vorgesehen sind, liegt vor allem an unserem Druck. Es sind auch noch weitere Maßnahmen vorstellbar, um die Wettbewerbssituation für die Schiene zu verbessern, etwa durch steuerliche Maßnahmen. Aber selbst wenn man eine optimale Politik für die Schiene macht, bleibt am Ende leider ein größerer Teil der Güter auf der Straße, wie auch das Umweltbundesamt errechnet hat. 2050 wären das immer noch etwa 60 Prozent. Den Verkehr werden wir also nur dann vollständig dekarbonisieren können, wenn auch der Lkw ohne fossile Kraftstoffe auskommt.

Legen Sie Wert darauf, dass der Oberleitungs-Lkw im kombinierten Verkehr eingesetzt wird?

Der kombinierte Verkehr liegt uns sehr am Herzen. An der Auswahl der Teststrecke auf der A 1 wird das deutlich. Der ausgewählte Abschnitt verbindet den Logistikstandort Reinfeld mit dem Lübecker Hafen. Das bietet typische Anwendungsfälle im kombinierten Verkehr. Im weiteren Verlauf stellen wir uns den Oberleitungs-Lkw aber nicht mehr nur auf diesen kurzen Strecken vor.

Sie haben sich den Oberleitungs-Lkw auch im Fahrbetrieb auf dem Siemens-Testgelände in Groß Dölln angeschaut. Sind Sie von der Technologie überzeugt?

Ich habe zwar keinen Lkw-Führerschein, hatte aber die Möglichkeit, das Fahrzeug selbst zu fahren. Ich hatte mich gefragt, was zum Beispiel passieren würde, wenn man die Spur verlässt oder überholt. Ich konnte mich davon überzeugen, dass die Fahrt einwandfrei funktioniert. Wir werden die Technologie jetzt im Rahmen des Feldversuchs auf Herz und Nieren testen, damit wir – wenn wir in den Regelbetrieb gehen wollen – auch wirklich alle Fragen zur technischen Zuverlässigkeit beantwortet haben.

Sie sprechen bereits vom Regelbetrieb. Wann wird der kommen?

Erst einmal beginnen wir ab 2019 in Hessen und Schleswig-Holstein mit den Feldversuchen. Dann werden wir drei Jahre lang testen. Wir haben Studien vergeben, damit wir in dieser Zeit Markteinführungsszenarien erhalten. Sollte alles positiv verlaufen, werden wir den Lkw-Verkehr in den nächsten Jahrzehnten fast komplett auf Elektroantrieb umstellen können.

Die Kanzlerin hat eine schwedisch-deutsche Partnerschaft auf den Weg gebracht, die auch die Potenziale von länderübergreifenden Projekten ausloten soll. Wann sind Ergebnisse zu erwarten?

Wie die Zeitschiene dahinter aussieht, lässt sich noch nicht genau sagen. Wir sind der Bundeskanzlerin jedenfalls sehr dankbar, dass sie das Thema aufgegriffen und in Schweden die entsprechenden Gespräche geführt hat. Wir haben als Umweltministerium nun die Aufgabe, federführend für die Bundesregierung die Zusammenarbeit mit den Schweden voranzutreiben, das umfasst ebenso Abstimmungen mit Dänemark, denn dazwischen liegt ja auch ein dänischer Streckenabschnitt. Wir sind sehr zuversichtlich, dass wir in dieser Zusammenarbeit lernen werden, ob der Oberleitungs-Lkw auch für den grenzüberschreitenden Verkehr in Europa ein brauchbares Konzept ist.

Die Nutzfahrzeugbranche sieht für den Oberleitungs-Lkw kurz- und mittelfristig wenig Chancen. Von Daimler heißt es, die Voraussetzungen an die Infrastruktur für größere Strecken seien erst in 10 bis 20 Jahren erfüllt.

Ehrlich gesagt wünsche ich mir bei der Fahrzeugindustrie mehr Dynamik und Innovationsfreude. Wir sind jedenfalls guten Mutes, dass das alles gelingen kann.

Wie groß ist die Gefahr, dass durch Fortschritte in der Batterietechnik der Oberleitungs-Lkw technisch überholt wird?

Je besser und fortschrittlicher die Batterietechnik sein wird, desto kürzer wird der erforderliche Streckenabschnitt sein, auf dem man die Batterien lädt. Der Bedarf, unterwegs zu laden, wird meiner Auffassung nach eher zunehmen. Denn im Sinne der Effizienz und der hohen Auslastung will man ja lange Standzeiten vermeiden. Das wird Teil der künftigen Verkehrsrealtität werden.

Neben den ersten Elektro-Lkw halten im Güterverkehr auch zunehmend Gas-Lkw Einzug, sei es auf CNG- und neuerdings auf LNG-Basis. Sind diese Kraftstoffe ebenfalls ein Mittel im Kampf gegen die CO2-Emissionen?

Es kommt immer darauf an, woraus die Kraftstoffe gewonnen werden. Wenn wir über Natural Gas reden, ist das keine langfristige Option, weil es nicht treibhausgasneutral ist. Wenn man über synthetische Kraftstoffe redet, ist der Ansatz richtig und man kann diese Technologie auf Erdgasbasis als Brücke nutzen. Wir fördern das auch, um bei erneuerbaren Kraftstoffen voranzukommen. Ich glaube aber, dass der Fahrdraht in Verbindung mit der Batterie unschlagbar ist, weil die Energieausbeute höher ist als synthetische Kraftstoffe sie je erreichen können.

Matthias Rathmann, trans aktuell Chefredakteur

Autor

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Matthias Rathmann

Datum

24. Februar 2017
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