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Zehn Fakten zum Flüchtlingsdrama: Wie Sie sich vor Schleusern schützen

Auch die Transport- und Logistikbranche ist mit dem Flüchtlingsdrama konfrontiert. Wir  erläutern, welche Wege die Flüchtlinge nach Europa nehmen, welche Verkehrsmittel dafür infrage kommen und darüber, wie sich Spediteure und Fahrer schützen können.

Die Wege der Flüchtlinge

Die überwiegende Mehrheit der illegal reisenden Migranten erreicht die Außengrenzen der EU beziehungsweise des Schengen-Raums auf dem Seeweg. Brennpunkt sei dabei die zentrale Mittelmeerroute von Libyen oder Ägypten nach Italien, teilt das Bundesministerium des Inneren auf Anfrage mit. Ebenfalls stark genutzt wird die ostmediterrane Route von der Türkei nach Griechenland oder Italien. „Die über den Seeweg nach Italien oder Griechenland unerlaubt reisenden Migranten – überwiegend syrische, eritreische und afghanische Staatsangehörige – bleiben häufig weder in Italien noch in Griechenland, sondern reisen in ihre eigentlichen Zielländer nach Deutschland oder in die anderen nordeuropäischen Länder weiter“, berichtet das Ministerium.

Als Drehkreuz für die sogenannte Binnenmigration hat das Innenministerium die alpine Region identifiziert. Gemeint sind Norditalien, Österreich, die Schweiz und Süddeutschland. „Insbesondere die italienische Stadt Mailand ist Dreh- und Angelpunkt für unerlaubt reisende Migranten“, teilt die Behörde mit. Unfreiwillig sind damit auch die im grenzüberschreitenden Verkehr im Mittelmeerraum und über die Alpen tätigen Speditionen mit der Flüchtlingssituation konfrontiert.

Die Transportmittel der Flüchtlinge

Vorsicht ist nicht nur bei Straßentransporten, sondern auch auf der Schiene angebracht. So traf die Bundespolizei die Hälfte der illegal reisenden Migranten im Jahr 2014 in Zügen oder auf Bahnanlagen an. Auf rund ein Fünftel wurde sie in Autos aufmerksam, auf zwölf Prozent in Flugzeugen, auf acht Prozent in Reisebussen und auf zwei Prozent in Lkw. Dort sind die Flüchtlinge dann meist als blinde Passagiere an Bord.

Schaut man sich die absoluten Zahlen an, fallen aber auch diese zwei Prozent ins Gewicht. Laut Bundesamt für Migration und Flüchtlinge wurden im Jahr 2014 insgesamt 202.834 Asylanträge in Deutschland gestellt. Das sind 60 Prozent mehr als im Vorjahr und der vierthöchste Stand überhaupt. Für 2015 rechnet das Bundesamt mit einem weiteren rasanten Anstieg auf etwa 230.000 Asylanträge.

Nicht ohne Grund richten sich die Behörden daher auch an die Transport- und Logistikfirmen und deren Fahrer. Denn der Landweg nach Deutschland wird für Schleuser beliebter, wie der besonders drastische Fall vom 26. Oktober 2014 zeigt, als die Bundespolizei Konstanz auf der A 96 bei Wangen 22 auf der Ladefläche eines Transporters zusammengepferchte Syrer, darunter zwölf Kinder, entdeckte.

Der Schutz vor blinden Passagieren im Lkw

Was Speditionen und ihre Fahrer beachten sollten, um sich vor illegalem Schleusertum zu schützen, hat die Bundespolizei auf einer Taschenkarte zusammengefasst. Sie ist auf ihrer Homepage in mehreren Sprachen abrufbar. „Kontrollieren Sie Ihr Fahrzeug vor Fahrtbeginn!“, heißt es darin. „Stellen Sie Ihr Fahrzeug stets möglichst so ab, dass Sie es beobachten können!“ und „Teilen Sie Anwerbungsversuche oder sonstige eigene Feststellungen bitte unverzüglich mit!“

Die Polizei rät Fahrern dringend dazu, den Lkw vor der Abfahrt in Augenschein zu nehmen. Solche Kontrollen seien vor allem bei grenzüberschreitenden Transporten unerlässlich, da die Schleuser diese gezielt für ihre Zwecke aussuchten.

„Überwachungsergebnisse belegen, dass Schleuser in Einzelfällen die Geschleusten ohne Kenntnis des Fahrers auf dem Lkw platzieren und sich dabei Pausenzeiten zu Nutze machen“, teilt das Innenministerium mit.
Die Behörde fordert Fahrer und Firmen auf, sofort die Polizei zu informieren, wenn Personen auf dem Fahrzeug festgestellt oder vermutet werden. „Dies auch vor dem Hintergrund, dass für Menschen auf der Ladefläche während der Fahrt ein hohes Sicherheitsrisiko besteht beziehungsweise diese, wenn sie sich unter dem Auflieger verstecken, auch verunglücken können.“ Auf keinen Fall weiterfahren, sondern auf die Polizei warten, lautet der Appell.

Die Ermittlungen der Polizei bei blinden Passagieren

Hat der Spediteur oder der Fahrer bei Verdacht auf blinde Passagiere im Fahrzeug die Polizei verständigt, wird er sich den Fragen der Beamten stellen müssen. Denn wann immer die Bundespolizei auf Menschen ohne Papiere aufmerksam wird, die ins Bundesgebiet befördert werden, besteht der Verdacht einer Beihilfe zur unerlaubten Einreise oder des Einschleusens von Ausländern.

„Der Verdacht erfordert weitere polizeiliche Maßnahmen zur Tataufklärung“, heißt es aus dem Bundesministerium des Inneren. Vor allem gilt es zu klären, ob der Fahrer von den Personen wusste. Ist das der Fall und wurden ihm dafür Vorteile gewährt oder in Aussicht gestellt, kann es richtig teuer werden und ihm sogar ein bis zu fünfjähriger Gefängnisaufenthalt blühen.
Hatte der Fahrer keine Kenntnis von den Personen, sollte er die blinden Passagiere in jedem Fall melden. Dazu rät auch die deutsche Organisation des Uno-Flüchtlingshilfswerks UNHCR auf Anfrage. Ist der Fahrer schon in Deutschland angekommen, „dürfte es möglich sein, den blinden Passagier weiter bis zum inländischen Ankunftsort mitzunehmen.“ Die Organisation appelliert: „Wenn es möglich ist, den Schutzsuchenden in der Nähe einer Aufnahmeeinrichtung oder Registrierungsstelle für Asylverfahren abzusetzen, wäre das für den Schutzsuchenden am besten.“

Die Strafen für Schleuser

Wer wissentlich oder gegen Vorteile Ausländer illegal nach Deutschland befördert, muss mit hohen Strafen rechnen. Das Einschleusen von Migranten ist nach Paragraf 96 des Aufenthaltgesetzes strafbar, sofern jemand im Gegenzug einen Vorteil erhält oder in Aussicht gestellt bekommt beziehungsweise sofern jemand wiederholt oder zugunsten mehrerer Personen handelt. Darauf Geldstrafen oder Freiheitsstrafen von bis zu fünf Jahren. Sechs Monate bis zehn Jahre Haft drohen Menschen, die gewerbsmäßig handeln, Mitglied einer Bande sind, dabei Waffen mit sich tragen oder das Leben der Geschleusten gefährden.

Die Tipps der Logistiker am Beispiel von Militzer & Münch

Bei der Spedition Militzer & Münch (M&M) werden Vorsicht und Wachsamkeit groß geschrieben.  „Die Sicherheit von Prozessketten steht im Vordergrund, daher werden besonders in Nordafrika unsere operativen Transportprozesse einer ständigen Überwachung unterzogen“, erläutert Geschäftsführer Sven-Boris Brunner auf Anfrage. Alle Beteiligten in der Logistikkette würden in die Sicherheitskonzepte einbezogen. „Das fängt beim Lkw-Fahrer an und hört bei den Lagermitarbeitern auf.“ Wichtig sei, dass alle hinter dem Sicherheitskonzept stünden. Das Unternehmen ist in Marokko, Algerien, Tunesien, aber auch der Türkei sowie in Griechenland und Bulgarien mit eigenen Landesgesellschaften präsent.

Besondere Aufmerksamkeit erhalten die Fahrer. Sie werden geschult, den Verlockungen der Schleuser zu widerstehen. „Es gibt zusätzliche Prämiensysteme für Fahrer, wenn sie sicher und ohne Unregelmäßigkeiten ihre Fahraufträge ausführen“, sagt Brunner. Der M&M-Mann bezweifelt, dass sich die Flüchtlingssituation bald entschärfen wird. „Es geht um sehr komplexe Konflikte im Nahen Osten, die wir als Europäer sehr ernst nehmen müssen.“

Die Tipps der Logistiker am Beispiel von Dachser

Der Logistikdienstleister Dachser hat ebenfalls Vorkehrungen gegen die Schleuserbanden getroffen. Er ist mit eigenen Landesgesellschaften in den Maghreb-Staaten vertreten und arbeitet in Griechenland, der Türkei und Italien mit Partnern zusammen. „Um Menschenschmuggel zu unterbinden, führen wir intensive Kontrollen der Lkw-Ladeflächen beziehungsweise Container durch“, heißt es aus dem Unternehmen. „Vor allem arbeiten wir langfristig mit gut ausgebildeten eigenen Fahrern und vertrauenswürdigen Transportunternehmen zusammen.“

Gegenüber der Zeitung „Die Welt“ sagt Firmenchef Bernhard Simon: „Wir müssen heute genauso intensiv kontrollieren, dass nichts von der Ladefläche oder dem Container verschwindet, wie wir dafür sorgen müssen, dass nichts hinzu kommt.“ Komplett ausschließen könne man den Menschenschmuggel aber nie, sagt Simon. „Es gibt immer wieder Fälle, auch bei uns. Wir können nur kontrollieren und versuchen, für Sicherheit zu sorgen“, sagt der Unternehmer.

Das Elend in Zahlen

57 Millionen Menschen sind weltweit auf der Flucht. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International spricht von der größten Flüchtlingswelle seit dem Zweiten Weltkrieg. Die 57 Millionen Flüchtlinge im Jahr 2014 bedeuteten einen Anstieg von sechs Millionen gegenüber der vergangenen Erhebung vor zwei Jahren, heißt es im Jahresbericht der Organisation.

202.834 Asylanträge wurden 2014 in Deutschland gestellt – ein Plus von 60 Prozent. Für 2015 rechnet das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge mit 230.000 Anträgen.

100.000 Menschen hat die italienische Operation Mare Nostrum innerhalb eines Jahres bei 558 Einsätzen seit Oktober 2013 aus dem Mittelmeer gerettet.

2.600 US-Dollar zahlt ein Flüchtling im Durchschnitt für eine Überfahrt von Libyen nach Lampedusa. Für das riskante Unterfangen verschulden sich die  Familien oft über viele Jahre.

4 Sekunden – alle vier Sekunden ist weltweit ein Mensch gezwungen, vor Krieg und Verfolgung zu fliehen.

Das Elend in Lampedusa

Lampedusa ist jedermann ein Begriff. Die kleine Insel im Mittelmeer ist für eine Vielzahl an Flüchtlingen jährlich die erste Anlaufstelle in Europa. Das Eiland liegt näher an Afrika als an Europa. Tausende von Afrikanern steigen in der Hoffnung auf ein besseres Leben in überfüllte, seeuntüchtige Kähne und Boote und vermachen den Schleusern ihr gesamtes Vermögen. Viele der Kähne kentern. Besonders dramatisch ist der Schiffbruch am 3. Oktober 2013, bei dem 365 Menschen ihr Leben lassen. Bis Lampedusa war es nicht mehr weit.

„Das Mittelmeer ist ein Friedhof geworden“, sagt die Bürgermeisterin des Eilands, Giusi Nicolini. Lampedusa ist zum Inbegriff des Flüchtlingselends geworden und zum Symbol für das Scheiterns der EU-Migrationspolitik. Denn nicht nur Lampedusa und Italien tun sich schwer, der Situation Herr zu werden. Die gesamte EU ist angesichts der gewaltigen Flüchtlingsbewegungen und des Ausmaßes an organisiertem Schleusertum überfordert.

Der Kommentar zum Flüchtlingsdrama

Neulich im Eurocity von Verona nach München: Auf der anderen Seite des Ganges sitzt ein Rentnerpaar, das aus dem Venedig-Urlaub nach Leipzig zurückkehrt. Neben mir hat es sich eine Krankenschwester aus Bozen bequem gemacht, die zum Deutschkurs nach Schwäbisch Gmünd fährt. Und gegenüber sitzt ein junger Farbiger. Er übersteht die Fahrkartenkontrolle, nicht aber die Passkontrolle der österreichischen Polizei am Brenner. Gezielt ziehen die Beamten einen Dunkelhäutigen nach dem anderen aus dem Waggon.

Die Kontrollen erfolgen nicht ohne Grund: Die Flüchtlingsströme nach Mitteleuropa werden immer größer. Das Gros der Menschen versucht mit dem Zug nach Deutschland zu gelangen, weshalb die Polizei ihre Kontrollen ausgeweitet hat. Betroffen ist auch die Logistikbranche. Gezielt missbrauchen Schleuser international tätige Speditionen für den Menschenschmuggel. Auf Parkplätzen gucken sie sich Lkw aus und befördern die Flüchtlinge auf die Ladefläche.

Die Zugfahrt gibt zu denken. Sie zeugt vom Unvermögen der Regierungen, der steigenden Migration Herr zu werden. Flüchtlinge aus Zügen oder Lkw zu ziehen, mag von Gesetzes wegen erforderlich sein. Die Arbeit könnte man sich aber genauso gut sparen. Denn egal, wie sich die Staaten gemäß Dublin-Abkommen die Menschen in der EU hin- und herschieben: Es ändert nichts daran, dass die Erstanlaufstellen und Verwaltungen hoffnungslos überlastet sind, in Deutschland, in Österreich und erst recht in Italien. Die einzige Lösung ist ein schlüssiges Konzept der EU mit Menschlichkeit für Migranten und schonungsloser Härte gegen Schleuser.

Matthias Rathmann, trans aktuell Chefredakteur

Autor

Foto

Depardon, Dieckmann, Hub, Amnesty International

Datum

6. März 2015
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